Der Preis, ein Stay-at-Home-Dad zu sein

Es gibt Tage, an denen ich ein ganz schlechter Vater bin. Meistens dann, wenn anderen Menschen aus meiner Branche etwas Großes gelungen ist, sie einen tollen Posten ergattert oder einen Preis gewonnen haben. Ich stehe dann mit klopfendem Herzen minutenlang in der Mitte des Raumes und starre voller Neid auf mein Smartphone. Und während ich die an mir zupfenden Kinder (fast zwei und fast vier Jahre alt) mit einem abwesenden "Gleich, gleich" und "Machen wir sofort!" hinhalte, frage ich mich, wo ich ohne sie im Job stehen könnte. Ich bin ehrgeizig. Und ich liebe meinen Beruf. Elternsein liebe ich nicht unbedingt. Es ist nichts, was Jochen Schweizer als Event vermarkten würde. Höflich gesprochen. Die Kinder sind super, klar. Aber das ganze Danebensitzen, während eins weint, zahnt, rumsaut oder halsbrecherisch auf Spielgeräten klettert … Ich sage mal so: Schön, sie aufwachsen zu sehen! Aber schön auch, dass sie irgendwann damit fertig sind.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin nicht der Vater, der seine Karriere für die Kinder aufgegeben hat. Ich bin nur der Mann, der mit seiner Frau die Erziehungs- und Betreuungsarbeit 50:50 aufteilt. Ich arbeite laut Vertrag 39 Stunden in der Woche als Redakteur bei einem Magazin, meine Frau macht eine Ausbildung zur Erzieherin, arbeitet 21 Wochenstunden in einer Kita und ist 16 Stunden in der Berufsschule. Da ich bis auf die zwei, drei Tage im Monat, an denen ich für Konferenzen oder die Schlussproduktion in die Redaktion muss, aus dem Homeoffice arbeiten kann, fallen bei mir Fahrzeiten weitestgehend weg. So sind wir für die Kinder tatsächlich fast gleich präsent. Meine Frau verlässt morgens das Haus, wenn sie noch schlafen, ich bringe sie bis neun Uhr zu ihrer Kita. Meine Frau übernimmt meist das Abholen zwischen 16 und 17 Uhr. Ab 18 Uhr bin ich auch bei der Familie. Wenn meine Frau am Wochenende noch Zeit für Hausaufgaben braucht, kümmere ich mich allein um die Kinder. Wenn bei mir Arbeit liegen bleibt, klappe ich an Werktagen den Rechner noch mal auf, wenn sie um Viertel nach acht im Bett sind. Da sitze ich auch jetzt und schreibe diesen Text.

Johannes Schneider arbeitet als Redaktuer beim Hamburger "Greenpeace Magazin" – meistens aus dem Homeoffice, damit er mehr Zeit mit seinen zwei Kindern verbringen kann. Auf dem Foto ist er mit ihnen beim Karneval der Kulturen 2017. © privat

Ich weiß, was viele meiner Mitväter nun denken. Sie haben es mir ja oft genug erzählt. Sie denken, dass es für sie ganz und gar unmöglich ist, Beruf und Betreuung stärker zu verbinden, ob mit Teilzeit, Homeoffice oder sonst irgendwie. Weil sie sonst bei Chefs unten durch wären oder, noch schlimmer, bei den Kollegen. Sie denken, dass es Luxus ist, für Kinder im Beruf zurückzustecken. Ein Luxus, den sie sich nicht leisten können. 

Warum lastet der Druck, dass die Kinder gesund, geimpft und glücklich durchs Leben gehen, noch so oft allein auf den Müttern?

Ich frage mich immer, wenn ich so etwas höre, ob wir tatsächlich im Luxus leben. Und muss dankbar zugeben: ja, in gewisser Weise schon. Tolle Kinder, tolle Kita, tolles Umfeld. Aber wir sind auch nicht ganz ohne eigenes Zutun dorthin gekommen. Ich habe mich 2017 entschieden, von einer großen Berliner Tageszeitung zu einem großartigen, aber eher unbekannten Hamburger Magazin zu wechseln, auch weil ich dort mehr von zu Hause aus arbeiten kann. Meine Frau hat sich damals standhaft geweigert, aus Berlin wegzugehen, auch weil wir hier Plätze in einer wohnortnahen Ganztagskita sicher haben und unser Leben mit Kindern ohne Auto organisieren können. Hinzu kommt: Meine Frau hat sich lange mit eher kleinen Jobs im Kulturbetrieb durchgeschlagen und war zuletzt nach dem zweiten Kind arbeitslos. Letztes Jahr, während ich in Elternzeit war. Das waren quälende Monate, in denen wir genervt aufeinander hingen, mit zu viel Zeit und zu wenig Geld und immer mit der Frage im Nacken, ob es nun nicht doch besser wäre, sich ins vermeintlich Unvermeidliche zu fügen: Hausfrau mit Minijob hier, Ernährer da.

Archaische Mutter-Kind-Stereotype

Wir haben uns dagegen entschieden – und sind heute, trotz beruflicher Nachtschichten, die auf Kinderkranktage folgen, trotz der ganzen Improvisation, von der ich anderen berufstätigen Eltern nichts erzählen muss, eine glückliche Familie. Das liegt, glaube ich, auch daran, dass alle Familienmitglieder tagsüber ihre eigene Welt haben, von der sie den anderen beim Abendbrot erzählen (zumindest die, die schon erzählen können). Natürlich respektiere ich, dass Leute ihre Angelegenheiten anders regeln als wir. Und ich kenne es selbst, dass Väter Druck haben, trotz Nachwuchs im Job über ihre Grenzen zu gehen. Ich verstehe, dass manche – auch mit Blick auf die Zukunft ihrer Kinder – besonderen Wert auf finanzielle Absicherung legen. Ich frage mich nur: Warum ist das so oft noch der Druck der Väter? Und warum lastet der Druck, dass die Kinder gesund, geimpft und glücklich durchs Leben gehen, noch so oft allein auf den Müttern? 

Wenn ich im Gespräch diese Frage aufwerfe, greifen auch progressive Männer gern zu archaischen Mutter-Kind-Stereotypen: "Amrei hat so eine Art mit den Kindern, die habe ich einfach nicht. Die wollen auch immer zu ihr. Da komme ich nicht gegen an." Ist das wirklich so? Beziehungsweise: Muss das so sein? Liegt es alles in den Genen? Oder doch auch am Umfeld und der sozialen Prägung? Laut einer OECD-Statistik kümmert sich der durchschnittliche deutsche Vater 37 Minuten am Tag um seinen Nachwuchs. Da kann man schon mal nach Ursache und Wirkung fragen.

Die Lebenslüge vieler Väter

Und ich frage mich auch, welchen Einfluss neben der Arbeitswelt die zahllosen kleinen Signale haben, die für Väter im Alltag ein Grundrauschen der Unverbindlichkeit erzeugen, wenn es um Kinderbetreuung geht. Vielleicht sogar: des Unerwünschtseins. Was ich meine? Zum Beispiel die Verwandten, die für eine simple Frage, was und wann ein Kind essen darf, lieber quer durchs Haus zur Mutter rennen, als einfach den Vater zu fragen, der just dieses Kind gerade im Arm hält. Oder die Kitaerzieherinnen, die dreimal nachhaken, ob die Änderung der Notfalltelefonnummer auf den Vater wirklich gewollt ist und ob sie tatsächlich jederzeit stören dürfen. Ferner: die Hebammen, Nachbarinnen und Großtanten, die noch Erziehungspapst Jesper Juul persönlich als unbeholfene Witzvorlage behandeln würden, weil dieses "Nein, bei dem Thema sind jetzt mal die Männer die Dummen" so tief in ihnen steckt.

Ich erwähne das nicht, weil ich die erstrangigen Opfer der klassischen Rollenverteilung, also die Frauen, zu Täterinnen erklären will. Ich will nur sagen: Väter, die sich insgeheim schon beim ersten Ultraschall fragen, wer für sie das Kindchen schaukeln wird, haben es hierzulande immer noch verdammt leicht, damit durchzukommen.

"Die Lebenslüge vieler Männer: zu glauben, für die Karriere stets das Beste herausholen zu können, ohne dass das Familienleben leidet."

In knapp sechs Stunden steige ich nun zurück in den Fluss aus Kotze, Kacke und Sabber – wenn nicht zwischendurch noch jemand Albträume, Zahnweh oder Nasenbluten bekommt. Und während ich diesen Text noch einmal durchlese, fällt mir auf, dass ich den Auslöser, mich auf das Thema Beruf und Vaterschaft einzulassen, noch gar nicht erwähnt habe. Es ist ein Satz von Karl-Theodor zu Guttenberg, an den ich sofort denken musste, als ich von der 37-Minuten-Zahl der OECD hörte: der Hinweis, dass seine zu großen Teilen plagiierte Doktorarbeit "neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit" auch in seiner Zeit "als junger Familienvater" entstanden sei.

Die Elternrolle als Entschuldigung für Betrug, nicht zuletzt an sich selbst. Dagegen wollte ich hier anschreiben. Denn dahinter verbirgt sich aus meiner Sicht nicht nur die individuelle Chuzpe zu Guttenbergs, sondern die Lebenslüge vieler Männer, die glauben, für die Karriere stets das Beste herausholen zu können, ohne dass das Familienleben leidet.

Dabei ist es doch in den allermeisten Fällen so: Väter, die mehr als 37 Minuten am Tag für ihre Kinder da sein wollen, schreiben neben ihrem Vollzeitjob keine Doktorarbeiten, auch keine ehrlichen. Sie schreiben auch nach Feierabend keine Bücher über das Vatersein. (Und wenn man es ganz genau nimmt, sollte es auch diesen Artikel nicht geben.) Väter, die für ihre Kinder wirklich da sein wollen, versuchen, heil durch den Tag zu kommen und die drei bis 15 Momente, in denen sie ihre Kinder mal wieder besonders bezaubernd finden, im Herzen oder meinetwegen auch in lustigen Tweets zu bewahren. Sie versuchen, ihre Erwerbsarbeit so gut wie möglich zu erledigen. Sie ärgern sich, wenn diese Arbeit dann doch wieder zu viel Zeit und Kraft gekostet hat. Sie gehen manchmal aus, hüten sich aber vor regelmäßigen Verpflichtungen. Sie beneiden Wochenendeltern um ihre Wochenendenergie. Und wenn sie sagen sollen, was ihr eigenes Leben so schön macht, finden sie nur furchtbar kitschige Phrasen. Ich erspare uns das. Im Nebenraum weint ein Kind im Schlaf.