"Schön, dass ich dich noch erreiche! Ich habe einen großartigen neuen Auftrag. Losgehen soll es ab sofort", sagte die enthusiastische Stimme am anderen Ende der Leitung, während ich in der Schlange stand, um meinen Koffer für den Flug nach Australien einzuchecken. Um mich selbst ein bisschen zu quälen, fragte ich sie, ob sie mir mehr von dem Job erzählen könnte, und natürlich hörte sich alles perfekt an: flexible Zeiteinteilung, sehr gute Bezahlung und ein Kunde, für den ich schon seit Jahren arbeiten wollte.

"Ich bin gerade auf dem Weg nach Sydney – aber danach hätte ich Zeit …", sagte ich, und die Frau am Telefon verlor sofort das Interesse. "Ach, schade, so lange können die leider nicht warten. Dann versuch ich’s bei jemand anderem", antwortete sie und legte auf. Beim Boarding grübelte ich, ob es richtig war, den Urlaub trotz des Auftrags durchzuziehen. Ich arbeite als freiberufliche Werbetexterin, und es war nicht das erste Mal, dass Angebote dieser Art dann ihren Weg zu mir fanden, wenn ich entweder auf dem Weg in den Urlaub oder bereits dort gelandet war. Es ist auch schon mehrmals vorgekommen, dass ich wegen Aufträgen Flüge verschoben habe oder im Urlaub den Laptop aufklappte. Doch diesmal war meine letzte Auszeit schon über ein Jahr her und meine dunkelblauen Augenringe suggerierten, dass es wirklich dringend an der Zeit war, kürzerzutreten. Außerdem wartete mein Urlaubspartner bereits im sonnigen Sydney auf mich. Trotzdem: Als das Flugzeug abhob, vermischte sich die Vorfreude auf die Reise mit Schuldgefühlen über den verpassten Auftrag.

Urlaub auf Stand-by

Viele glauben, dass Freiberufliche das große Los gezogen haben, wenn es um Urlaub geht. Schließlich müssen sie ihre Ferien nicht vom Chef genehmigen lassen oder mit den Kollegen abstimmen. Sie können theoretisch sogar selbst beschließen, wie lange sie eine Auszeit nehmen, und ihren Urlaub nach günstigen Flügen ausrichten. In der Praxis sind solche Reisen wie die vier Wochen in Sydney bei mir und meinen freiberuflichen Freunden eine absolute Ausnahme. Oft können wir uns den Urlaub einfach nicht leisten. Um sich eine Auszeit zu gönnen, müssen wir nicht nur Geld für Flüge und Unterkunft sparen, sondern auch, um die verdienstfreie Zeit zu überbrücken. Und natürlich müssen wir auch hoffen, dass bis dahin alle Kunden ihre Rechnungen pünktlich bezahlt haben, damit man sich bei seinem Trip nach New York nicht plötzlich von Ein-Dollar-Pizza ernähren muss.

Oft geht Urlaub bei Selbstständigen daher mit einem schlechten Gewissen einher – und der Angst vor dem Kontostand danach. Eine Freundin, die seit Jahren als freie Grafikdesignerin in London arbeitet, ist in einen lang geplanten, neuntägigen Urlaub gefahren – zu einer Zeit, in der sie sich kaum vor Aufträgen retten konnte. Es mag ein Zufall sein, dass danach eine viermonatige Flaute folgte, die sie im Alter von 35 Jahren darüber nachdenken ließ, ob sie temporär bei ihren Eltern einziehen sollte. Bevor es richtig ernst wurde, bekam sie zwar wieder Aufträge, aber die Angst, dass ein Urlaub existenzbedrohend sein könnte, sitzt bei ihr noch so tief, dass sie seitdem nie länger als eine Woche verreist. Der Laptop ist sicherheitshalber immer dabei, man weiß ja nie.

Natürlich spüren nicht nur Freiberufliche den Druck, im Urlaub zu arbeiten oder zumindest erreichbar zu sein: Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland lässt Urlaubstage verfallen – sei es aufgrund des hohen Arbeitsdrucks oder aus der Angst heraus, den Job zu verlieren. Das fand eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes heraus. Laut des Instituts für Wirtschaftsforschung fallen durchschnittlich mehr als drei Urlaubstage pro Jahr der Arbeit zum Opfer, und eine Studie von Bitkom ergab, dass immerhin 67 Prozent der Deutschen ihren Urlaub unterbrechen, um zu arbeiten.

"Selbst wenn ich in ein paradiesisches Örtchen entfliehe, beantworte ich dort oft Telefonate oder E-Mails und Slack-Nachrichten.
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Kemi Fatoba

Wie viel Auszeit Selbstständige nehmen, dazu gibt es keine zuverlässigen Zahlen. Aber wenn ich mir den Alltag von mir und meinen freiberuflichen Freunden ansehe, sind es sicherlich weniger als die gesetzlich vorgeschriebenen 24 Werktage im Jahr. Wer selbst aussuchen kann, wann und wie viel Auszeit er nimmt, macht paradoxerweise oft sogar weniger Urlaub: Eine Befragung von HR Mythbusters unter 125.000 Arbeitnehmern in den USA zeigt zum Beispiel: In Unternehmen, die ihren Mitarbeitern unbegrenzten Urlaub anbieten, werden sogar weniger freie Tage genommen als in solchen mit geregelten Auszeiten. Und zwar 13 statt der durchschnittlichen 15 Tage.

Ich erwische mich oft dabei, dass die freien Tage zwischen den Aufträgen, in denen ich mich eigentlich erholen wollte, mit Organisationsaufgaben, Jobakquise oder der Buchhaltung verbringe. Und selbst wenn ich in ein paradiesisches Örtchen entfliehe, beantworte ich dort oft Telefonate oder E-Mails und Slack-Nachrichten.