Aber ist es wirklich so schlimm, am Strand ein paar Nachrichten zu lesen? Das frage ich den Psychologen Stefan Poppelreuter, der mehrere Bücher zum Thema Arbeitssucht veröffentlicht hat. "Der Organismus braucht eine Weile, bis Entspannung eintritt", sagt Poppelreuter. "Man sollte also generell zwei bis drei Wochen Urlaub am Stück nehmen." Unterbrechungen dieser Entspannungszeiten sieht er kritisch: "Wenn ich zwar im Urlaub bin, aber trotzdem auf jede Mail, SMS und WhatsApp-Nachricht reagiere, dann bin ich in einem Zustand der permanenten Alarmbereitschaft. Das ist wie bei einer freiwilligen Feuerwehr, die ständig rufbereit sein muss."

"Wenn der Beruf zur Berufung wird, trifft man häufig auf Menschen mit einem hohen Maß an Selbstausbeutung."
Stefan Poppelreuter, Psychologe

Laut Poppelreuter bringt die Selbstständigkeit viel Potenzial zur Überarbeitung mit sich: "Freiberufler mit einer Veranlagung zur Arbeitssucht sind besonders in Gefahr, da es immer das Argument gibt: Ich weiß ja nicht, wie es in sechs Monaten, in einem Monat oder nächste Woche aussieht." Menschen in helfenden Berufen, also Psychologen und Ärzte, aber auch Wissenschaftler und Medienschaffende, haben laut Poppelreuter eine gewisse Affinität zu arbeitssüchtigen Verhaltensmustern. "Wenn der Beruf zur Berufung wird, trifft man häufig auf Menschen mit einem hohen Maß an Selbstausbeutung."

Dass Freiberufler ständig ihre Arbeitsmails checken, hat aber nicht nur mit ihrer hohen Motivation zu tun – sondern auch mit Angst. "Je unsicherer die Beschäftigung ist, desto eher ist man geneigt, alles zu tun, um sie zu behalten", sagt Anette Wahl-Wachendorf, Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Sie beobachtet mit Sorge, wie die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben aufgeweicht werden, etwa durch Workations  – also der Mischung aus Arbeiten und Reisen – oder dadurch, dass heute kaum jemand ohne sein Smartphone verreist. Wahl-Wachendorf geht davon aus, dass der Trend sich verstärken werde: "In Zukunft werden wir neue Konzepte im Gesundheitsschutz anwenden und entwickeln müssen", sagt sie. "Gerade bei jüngeren Menschen verschwimmt aufgrund ihres Medienverhaltens und der Notwendigkeit zur Selbstvermarktung die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit sehr stark." Ich kenne dieses Phänomen aus eigener Erfahrung. In der Kreativbranche kommt es schon heute nicht selten vor, dass Kandidaten beim Bewerbungsgespräch nach ihren Usernamen bei Facebook und Instagram gefragt werden. Das macht es noch schwieriger, das Smartphone im Urlaub wegzulegen. Wer schon keine E-Mails beantwortet, nutzt die Zeit häufig, um sein digitales Image zu pflegen – und sich vor Sonnenuntergängen zu inszenieren.

Hilft nur noch Digital Detox?

Beide Experten, Poppelreuter und Wahl-Wachendorf, raten daher zu Digital Detox – also einer Art Internetdiät im Urlaub. Das muss aber nicht notwendig heißen, dass man während des ganzen Urlaubs nicht in sein E-Mail-Postfach gucken darf. Wenn der Gedanke an eine Flut von unbeantworteten Anfragen bereits im Urlaub ein Stressfaktor ist, mache es durchaus Sinn, ein Zeitfenster für Telefonate und E-Mails auszuwählen. Je kleiner dieses Fenster ist, desto besser: "Wichtig ist, das Smartphone für 23 Stunden pro Tag wegzulegen – oder im Hotelsafe einzusperren", so Poppelreuter.

Auch sei es wichtig, Aufgaben an Kollegen zu delegieren: Wenn klar ist, wer während des Urlaubs die Verantwortung trägt, ist es auch nicht nötig, ständig über alles informiert zu sein. Und das geht nicht nur in einer Festanstellung: Selbstständige, die Angst haben, Aufträge zu verpassen, können sich mit anderen Freiberuflern absprechen und füreinander einspringen, wenn der oder die andere nicht verfügbar ist.

Oft fällt es Selbstständigen aber trotz aller guten Vorsätze und Tricks schwer, ihren eigenen Urlaub ernst zu nehmen. Denn ihre Auftraggeber sehen sie tatsächlich oft als die freiwillige Feuerwehr, von der Poppelreuter spricht, die immer verfügbar ist, wenn es beim Kunden brennt. Da gilt es nun, standhaft zu bleiben.

"In einem offensichtlichen Anflug der Verzweiflung fragte mein Auftraggeber, wie viel er mir bezahlen müsse, damit ich meinen Urlaub verkürze."

Die Frau, die mir in der Check-in-Schlange nach Sydney einen Traumauftrag angeboten hat, war natürlich nicht die Einzige, die sich bei mir meldete. Außer ihr rief noch eine Agentur an, für die ich vorher als freie Werbetexterin gearbeitet hatte. In einem offensichtlichen Anflug der Verzweiflung fragte mein Auftraggeber, wie viel er mir bezahlen müsse, damit ich meinen Urlaub verkürze. Die Verlockung, sein Angebot anzunehmen und einen absurd hohen Tagessatz zu verlangen, war kurz da. Aber genau dieser Auftraggeber hatte auch eine Mitschuld daran, dass vor dem Australien-Urlaub jeder, dem ich zufällig begegnete, mir mitteilte, wie übermüdet ich aussah.

Als Kompromiss einigte ich mich mit der Agentur darauf, dass ich in der ersten und letzten Urlaubswoche für eine Stunde pro Tag verfügbar sein würde – und nach dem Urlaub wieder Vollzeit. Natürlich war es nicht ideal, den weiten Weg nach Sydney zu fliegen, um dort vor dem Rechner zu sitzen. Aber eine feste Stunde am Tag konnte ich in meinen Urlaub einbauen, ohne aus dem Freizeitmodus zu kommen. Außerdem bedeutete der Auftrag auch, dass ich den Urlaub mehr genießen konnte, da ich nicht ständig an das schwarze Loch denken musste, das er auf meinem Konto hinterlassen würde. Ich machte mir kurz Sorgen, dass mein Urlaubspartner, ebenfalls ein Freelancer, deswegen sauer sein könnte. Aber auch er bekam einen Anruf. Und so saßen wir Laptop an Laptop gemeinsam im Strandcafé.