Die Dachdeckerin bat den Auszubildenden, einen Blumenstrauß beim Floristen abzuholen. Solche Sätze liest man so selten, weil sie so selten der Realität entsprechen. Der Anteil an weiblichen Dachdeckerinnen lag im Ausbildungsjahrgang 2012 etwa bei einem guten Prozent. Und der Anteil der Männer unter den Floristen bei immerhin 3,8 Prozent.

Noch immer gibt es Berufe, die fast ausschließlich Männer machen, und andere, in denen man Männer vergeblich sucht. Verirrt sich eine Frau in eine Männerdomäne oder umgekehrt, kann es schwierig werden. Männliche Erzieher klagten auf ZEIT ONLINE schon über mangelndes Vertrauen der Kolleginnen; Industriemechanikerinnen berichteten über sexistische Bemerkungen am Arbeitsplatz. Schwer haben es in Männerberufen aber nicht nur Frauen, sondern auch Männer, die vermeintlich weniger männlich sind, homosexuelle Männer beispielsweise. So outen sich in Deutschland nur knapp 29 Prozent aller LGBT-Menschen vor ihren Kollegen – aus Angst vor negativen Reaktionen.

Hier erzählen eine weibliche Türsteherin, ein männlicher Pfleger und ein schwuler Koch, wie es ihnen am Arbeitsplatz ergeht.

"Im Restaurant weiß niemand, dass ich schwul bin"

Sebastian Müller*, 19

Wer ganz neu ist, hat die Arschkarte. Der muss die Kühlhäuser reinigen oder das Lager aufräumen, so ist das im Kochgewerbe. Ich bin schon im zweiten Jahr meiner Ausbildung zum Koch und kann jetzt den Azubi, der ein Jahr nach mir angefangen hat, ein wenig herumkommandieren. Ich muss mir nicht mehr alles gefallen lassen. Aber das andere Problem in diesem Beruf bleibt: Ich bin schwul.

Niemand auf der Arbeit weiß davon. Deshalb möchte ich auch nicht, dass hier mein echter Name veröffentlicht wird. Ich arbeite in einem gutbürgerlichen Restaurant in Dessau. Ich habe meinen Realschulabschluss gemacht und dann ziemlich schnell gewusst, dass ich Koch werden möchte. Das will ich auch immer noch, ich liebe diesen Beruf. Aber ich hasse die vielen Vorurteile, die hier herrschen.

So macht man das als Mann offenbar

Ich erlebe das jeden Tag: Im Service des Restaurants arbeitet ein schwuler Mann, ich nenne ihn hier Thomas, der seine Homosexualität offen auslebt. Während die Kellnerinnen mit ihm normal umgehen, wird er innerhalb der Küche sehr schlecht behandelt. Zumindest dann, wenn die Männer unter sich sind. Dann ziehen sie über ihn her, machen Witze über Analverkehr. Aber immer hinter seinem Rücken. Einem neuen Azubi wurde gesagt: "Wenn du mal 'ne echte Schwuchtel sehen willst, schau dir Thomas an." Der Azubi hat daraufhin derbe gelacht, da war mir direkt klar, dass auch er homophob ist.

Wenn so was passiert, stehe ich doof daneben und versuche mir ein Grinsen abzuringen. Was soll ich auch machen? Wenn ich etwas sagen würde, hätten die mich sofort auf dem Radar, das würde ich nie wieder loswerden. Morgens, wenn wir uns in der Umkleide im Keller unsere Kochkleidung anziehen, beeile ich mich immer sehr. Da sind meine Kollegen – insgesamt arbeiten sechs Männer in der Küche – besonders schlimm. Weil sie da ungestört sind. Aber auch weil sie den ganzen stressigen, nervigen Arbeitstag noch vor sich haben. Einmal haben sie mich aufgezogen, weil ich eine Unterhose von Calvin Klein anhatte. "Was bist du denn für eine dumme Tunte?", fragte einer. Ich beleidige dann meistens zurück. Sage, dass er die Tunte ist, wenn er mir auf die Unterhose schaut. So macht man das als Mann ja offenbar. Aber natürlich geht es meistens um Frauen. Sie reden gern über die "Titten" von den Studentinnen, die im Service aushelfen. Da stehen sie dann in ihren viel zu großen Polyesterunterhosen und wollen von mir wissen, welche Studentin ich am geilsten finde. Was bleibt mir groß übrig? Ich nenne dann einen Namen. Oder versuche irgendwie das Thema zu wechseln.

Wäre es in einem vegetarischen Restaurant in Berlin besser?

Über Grindr habe ich meinen aktuellen Freund kennengelernt. Wenn wir draußen sind, halten wir nie Händchen. Er weiß, was passieren würde, sollte uns ein Kollege aus dem Restaurant sehen. Besonders bei dem Azubi im dritten Jahr – er ist ein Jahr über mir und damit in der Hierarchie höher – scheint der Hass auf Schwule so groß zu sein. Wer weiß, was der mit mir machen würde. Ich denke nicht, dass er gewalttätig werden würde. Aber ich wäre dann nur noch "die Schwuchtel", wie auch Thomas aus dem Service.

Mein Freund macht gerade auch eine Ausbildung, als Einzelhandelskaufmann. Er ist schon im dritten Jahr. Wenn wir beide mit unserer Ausbildung fertig sind, wollen wir nach Berlin ziehen. Ich hoffe, dass dort die Situation für schwule Köche besser ist. Vielleicht versuche ich dann eine Stelle in einem vegetarischen Restaurant zu bekommen. Nicht, weil ich selbst einer bin, sondern weil ich denke, dass in solchen Restaurants einfach aufgeschlossenere Menschen arbeiten.