Männer sind in Deutschland Maschinenschlosser oder Ingenieur, Frauen Sprechstundenhilfe oder Grundschullehrerin. Auf dem Arbeitsmarkt existieren Männer- und Frauendomänen. Und da, wo vor allem Frauen arbeiten, wird schlechter gezahlt. Auch deshalb werden Neuntklässlerinnen Jahr für Jahr beim Girls' Day dazu motiviert, später Kfz-Mechanikerin oder Maschinenbauingenieurin zu werden. Neben dem Wunsch, Geschlechterstereotypen zu überwinden, schwingt das Versprechen mit: Mädchen, dort werdet ihr besser verdienen als in typischen Frauenberufen!

Blöd nur, dass dieses Versprechen ein entscheidendes Detail unterschlägt: Wenn eine Branche weiblicher wird, sinkt oft der durchschnittliche Verdienst. Zwar langsam, aber verlässlich. Die Arbeit, die in diesen Jobs geleistet wird, verliert zudem an Ansehen: ein Effekt, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon für verschiedene Berufe beschrieben haben.

Ab 60 Prozent Frauenanteil leiden die Gehälter

Kellner, Friseur, Apotheker, Verkäufer oder Grundschullehrer – früher waren das alles männlich geprägte Berufe. Heute sind es vor allem Frauen, die Haare schneiden und Getränke servieren. "In all diesen Fällen kam es vor oder während der Feminisierung zu einem teils erheblichen Statusverlust dieser Berufe, Berufsbereiche oder Branchen", erklärt die Soziologin Angelika Wetterer – und nicht immer, aber oft auch zu finanziellen Einbußen.

Das Phänomen der Feminisierung und gleichzeitig schlechteren Bezahlung in einer Branche gibt es nicht nur in Deutschland: Eine Studie aus den USA zeigte am Beispiel von Mitarbeitenden im Öffentlichen Dienst in Kalifornien, dass mit steigendem Frauenanteil die Löhne sanken. Sobald in einem Beruf mehr als 60 Prozent Frauen arbeiten, kommt es zu Gehaltseinbußen, ermittelten die Sozialwissenschaftler Daniel Oesch und Emily Murphy: Sie hatten untersucht, wie sich die Gehälter von Beschäftigten in Deutschland, Großbritannien und der Schweiz entwickelten, die in einem weiblicher werdenden Beruf tätig waren.

Programmieren war früher Frauensache

Das Beispiel des Programmierens zeigt, dass der umgekehrte Effekt ebenfalls existiert: Wenn eine Branche männlicher wird, wird dort auch besser gezahlt. Die frühen Computer in den Sechzigerjahren programmierten in erster Linie Frauen. "Das war damals als Aufgabe für Bürokräfte mit niedrigem Status vorgesehen, und das waren vor allem Frauen", beschreibt der US-amerikanische Informatikprofessor Nathan Ensmenger. Als Computer immer wichtiger wurden, professionalisierte sich die Branche. Die Frauen wurden verdrängt. "Das Programmieren wurde mit der Zeit bewusst in ein wissenschaftliches, männliches Fach mit hohem Status verwandelt", schreibt Ensmenger. Und in eine Tätigkeit mit guten Gehältern – bis heute.

Wer die Entwicklung dieser Berufe kennt, möchte sofort der "Entwertungsthese" zustimmen: So nennen Wissenschaftler das Phänomen, dass ein höherer Frauenanteil einen Beruf entwertet und die Löhne für Männer wie für Frauen sinken lässt. Allein: Es gibt Zweifel, ob tatsächlich beide Geschlechter von dieser Entwertung betroffen sind.

Sinkt auch der Verdienst der Männer in einer weiblicher werdenden Branche?

Die Soziologinnen Corinna Kleinert, Kathrin Leuze und Ann-Christin Hausmann wollten wissen, wie stark die Bezahlung in einem Job in Deutschland sinkt, wenn die Branche weiblicher wird – und überprüften den Zusammenhang für die Jahre 1976 bis 2010. Sie beschränkten sich dabei auf Westdeutschland, weil es die notwendigen Daten nur für die alten Bundesländer gab. Kleiner, Leuze und Hausmann fanden heraus: Zwar geht das Lohnniveau in einem Beruf tatsächlich um ein knappes Prozent zurück, wenn der Frauenanteil im Vorjahr um zehn Prozent gestiegen ist. Doch die Gehälter sinken nicht für beide Geschlechter.

Vielmehr drückt ein steigender Frauenanteil den Durchschnittslohn, weil die Frauen ihre schlechteren Gehälter mit in den Beruf bringen. Die Bezahlung der Männer in der Branche sinkt nicht. Deshalb sprechen die drei Wissenschaftlerinnen auch nicht von einer generellen Entwertung von Berufen, sondern sehen eine "generelle Entwertung von Frauen im Beruf". Die sinkende Bezahlung in einer weiblicher gewordenen Branche ist also vor allem das Ergebnis eines altbekannten Effekts: des Gender Pay Gap, der aktuell in Deutschland noch immer bei 21 Prozent weniger Stundenlohn für Frauen liegt.