"Mein Titel ist Dr. Fern Riddell, nicht Ms oder Miss Riddell. Ich habe hart für meine Kompetenz gearbeitet und ich werde sie für niemanden aufgeben", schrieb die britische Historikerin Fern Riddell vor wenigen Tagen auf Twitter. Während viele Männer den Doktortitel der Historikerin gleich infrage stellten ("Are you self-certified or do you have accredited qualifications?") oder sie als arrogant bezeichneten, folgten Frauen ihrem Beispiel und fügten ihre eigenen Titel dem Twitter-Namen hinzu. Auch in Deutschland erzählen Wissenschaftlerinnen unter dem Hashtag #unbescheidenefrauen von ihren Errungenschaften und warum sie ihren Doktortitel bisher lieber versteckten. Hier erklärt die Historikerin Ute Frevert, warum es für Frauen noch immer so schwer ist, zu ihren Erfolgen zu stehen.

ZEIT ONLINE: Frau Prof. Frevert oder Frau Frevert? Was ist Ihnen lieber?

Ute Frevert: Frau Frevert. Ich komme aus einer Generation und einem politischen Milieu, die dieser Titelhuberei ablehnend gegenüberstand. Aber ich beobachte, dass heutzutage vor allem Männer wieder viel Wert auf ihren Titel legen und ihn zuweilen sogar kaufen. In manchen Kontexten ist er ja auch sehr hilfreich. Ich selbst werde in Mails oft als "sehr geehrter Frau Professor" angeschrieben. Das stört mich dann. Meistens sind die Absender Sekretärinnen, die gewohnt sind, dass im Fach Geschichte fast nur Männer auf höheren Positionen sitzen und gar nicht an die Möglichkeit einer Frau als Empfängerin denken. Das ist schon sehr bezeichnend.

Ute Frevert, 64, ist Historikerin und Direktorin des Forschungsbereichs "Geschichte der Gefühle" am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Ihr Buch "Politik der Demütigung" ist 2017 erschienen. ©David Ausserhofer

ZEIT ONLINE: Woher kommt es, dass Männer ihre Errungenschaften zur Schau stellen, während Frauen sich bescheiden geben?

Frevert: Es gibt unterschiedliche Verhaltenscodes bei Männern und Frauen. Forschungen zeigen, dass von Männern ein selbstbewusstes Auftreten erwartet wird – bei Frauen wird so etwas jedoch gleich als aufdringlich wahrgenommen. Das geht auf ein Geschlechtermodell zurück, in dem Frauen die Augen niederschlagen müssen und keine Stimme haben, während die Männer die Öffentlichkeit dominieren und sich dort durchsetzen müssen. Weiblichkeit muss sanft und bescheiden daherkommen. Sind Frauen ehrgeizig und zielbewusst, dann schadet ihnen das – beruflich und privat. Alte Strukturen halten sich hartnäckig und leben in der Sprache, zum Beispiel in Anredeformen, und in kulturellen Mustern weiter.

"Ich bin auch gegen Arroganz und Angeberei. Aber ich habe den Eindruck, dass dieser Punkt nur aufkommt, wenn Frauen auf ihren Titel bestehen."
Ute Frevert, Historikerin

ZEIT ONLINE: Wie äußert sich das in der Twitter-Aktion der britischen Wissenschaftlerin Fern Riddell?

Frevert: Viele männliche Kommentatoren haben den Frauen vorgeworfen, sie würden ein elitäres Verhalten an den Tag legen, wenn sie ihren Doktortitel führen. Ich bin auch gegen Arroganz und Angeberei. Aber ich habe den Eindruck, dass dieser Punkt nur aufkommt, wenn Frauen auf ihren Titel bestehen. Bei Männern scheint das selbstverständlich.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch Die Politik der Demütigung beschreiben Sie, wie Demütigung in der Politik als Mittel zur Macht verwendet wird. Ist es in der Wissenschaft genauso?

Frevert: Das wäre ein bisschen zu viel. Aber in der aktuellen Diskussion verstecken sich Strategien des Untenhaltens. Frauen sollen nicht in die akademische Welt gehören, und wenn sie schon drin sind, dann dürfen sie auf alle Fälle nicht auftrumpfen. Diese Haltung gibt es noch immer, wenn auch meist nicht offen geäußert. Die Gender-Studies haben an vielen Beispielen gezeigt, wie schwer sich die männliche Welt der Wissenschaft mit der Leistung von Frauen tut, welche Abwertungs- und Schließungsmechanismen dort am Werk sind. Wenn Männer jetzt Frauen vorwerfen, sie verhielten sich elitär, dann ist das wieder nur ein Deckargument und soll verbergen, um was es eigentlich geht.

"Eine Frau muss sich exponieren, um weiterzukommen."
Ute Frevert

ZEIT ONLINE: Wenn sich die männliche akademische Welt vor den Frauen verschließt, was bedeutet das für die Frauen?

Frevert: Wenn eine Frau in der Wissenschaft oder überhaupt in der Arbeitswelt weiterkommen möchte, muss sie früh Flagge zeigen und dafür kämpfen, was sie will. Sie muss sich exponieren, um weiterzukommen und darf nicht im Hintergrund warten, bis sie vielleicht – von einem Mann  – entdeckt wird. Eine solche offensive, selbstbewusste Haltung widerspricht natürlich allem, was einer Frau in meiner Generation beigebracht wurde: Sie soll sich selbst zurücknehmen, damit andere strahlen können.

Ansozialisierte Bescheidenheit

ZEIT ONLINE: Welche Konsequenzen hat die ansozialisierte Bescheidenheit der Frauen?

Frevert: Frauen trauen sich nicht so viel zu. Sie werden durch den Widerstand entmutigt und ziehen sich zurück. So überlassen sie die tollen Jobs den Männern. Viele argumentieren damit, dass sie in einer Arbeitswelt, in der es so hart zugeht, gar nicht mitspielen wollen, aber damit internalisieren sie die Außenwahrnehmung, stets bescheiden und anspruchslos sein zu müssen.

"Das Hashtag #immodestwomen ist ein weiterer kleiner Schritt hin zu einer Welt, in der die Geschlechter gleichgestellt sind."
Ute Frevert, Autorin des Buches "Politik der Demütigung"

ZEIT ONLINE: Zeigt sich das auch in Verhandlungen um Gehalt oder um höhere Positionen?

Frevert: Klar. Empirische Studien zeigen, dass Männer ganz selbstverständlich mehr Gehalt fordern, während Frauen froh sind, überhaupt eine Stelle zu haben. In den Unis gibt es mittlerweile etwa gleich viele weibliche wie männliche Doktoranden, in beinahe allen Fächern. Nach der Promotion gehen sehr viele Frauen raus. Das heißt nicht, dass sie schlechte Wissenschaftlerinnen sind, sondern dass sie sich von den Strukturen entmutigen lassen.

ZEIT ONLINE: Kämpfen Frauen in der Wissenschaft an noch härteren Fronten als in der übrigen Arbeitswelt?

Frevert: Die Wissenschaft ist eine Männerdomäne. Aber überall wird die Luft nach oben hin dünn: Viele Frauen werden Lehrerinnen, aber die wenigsten Schuldirektorinnen. Es studieren mehr Frauen als Männer Medizin, trotzdem gibt es kaum Chefärztinnen. Schon seit den Siebzigern gibt es Initiativen von Studentinnen, die mehr Frauen in der Wissenschaft fordern. Es braucht den Druck von unten, Frauen, die die Klappe aufreißen. Deshalb finde ich das Hashtag #immodestwomen super. Das ist ein weiterer kleiner Schritt hin zu einer Welt, in der die Geschlechter gleichgestellt sind.

ZEIT ONLINE: Was muss sich dafür verändern: die Frauen oder der Arbeitskontext?

Frevert: Die Verhaltensformen müssen sich an allen Ecken und Enden ändern. Das tut aber auch weh. Die Frauen, die jetzt den Kopf heben und sagen, dass sie auf ihre Errungenschaften stolz sind, bekommen gewaltigen Gegenwind. Oft ist es einfacher, den Blick zu senken und den Rücken zu beugen. So kommt man aber nicht weiter. Die Frauen, die es bereits ins akademische Feld geschafft haben, bauen ihr Umfeld oft bereits nach ihren Vorstellungen um und schaffen ein Bewusstsein für diese Problematik.

ZEIT ONLINE: Und geht das voran?

Frevert: Langsam, sehr langsam. Aber immerhin, wir haben in den letzten 40 Jahren Fortschritte gemacht. Als ich vor zehn Jahren Direktorin des Max-Planck-Instituts in Berlin wurde, waren unter fünf Prozent der Direktorenposten in der MPG von Frauen besetzt, jetzt sind es dreimal so viel. Es braucht starke Frauen, die das durchsetzen, dann bewegt sich etwas. Aber als ich den Siebzigern studiert habe, hätte ich nie gedacht, dass es so lange dauert. Es gibt immer wieder Rückschläge. Und auch alle Fortschritte können sehr leicht wieder rückgängig gemacht werden. Wir müssen aufpassen.