Da stimmte doch was nicht. Jetzt waren sie schon wieder weg. Und wieder so lange. Ich fand: Meine Kolleginnen gönnten sich in letzter Zeit auffallend viele Pausen von der Arbeit.

"Kaffee?", raunte die eine der anderen über den Schreibtisch zu. Dann verschwanden sie und ließen den Rest von uns fleißig vor den Bildschirmen sitzen. Macht ihr mal, wir lassen es uns gut gehen.

Zehn Minuten. Eine Tasse. 

Fünfzehn Minuten. Vielleicht zwei Tassen.

Eine halbe Stunde. Eine Dreiviertelstunde. Zweidreiviertel Stunden. So lang bleibt selbst der brühfrischeste Kaffee nicht in der Tasse warm.

Niemand will der Kollege sein, der anderen die Kaffeepause missgönnt

Die Pausen wurden länger, die Frequenz höher. Vormittags. Am Nachmittag noch mal. Noch einmal kurz, als es auf den Feierabend zuging.  

Und bei mir begann sich der Eindruck zu verfestigen, dass die Arbeit hier im Büro zunehmend ungleich verteilt war. Dass doch irgendwie ungerechtfertigt viel an einigen wenigen hängen blieb. Vor allem: an mir. Mir! Mir! Mir!

Es ist der kleine böse Gedanke, für den ich mich schon schämte, ehe er mir wirklich bewusst wurde. Niemand will der Kollege sein, der anderen die Auszeiten in der Kaffeeküche missgönnt. Niemals würde ich mir offen eingestehen wollen, dass ich es plötzlich doch tat, wenn auch, selbstverständlich, nur ein ganz klitzekleines bisschen. Aber im Grundsatz erlebte ich da etwas, dem wir alle erliegen: Immerzu haben wir im Arbeitsleben den bösen Gedanken, dass wir es sind, die mehr tun als die anderen. Regelmäßig halten wir uns für die Packesel und die Kollegen für die Lenzschiebenden. Regelmäßig gehen wir davon aus, im Büro doch irgendwie härter, länger, gründlicher, besser zu arbeiten als die Kollegen.

Fast alle halten sich für überdurchschnittlich gute Autofahrer

Und leider liegen wir regelmäßig damit falsch. Wir tappen in die Ich-mache-am-meisten-Falle. Immer und immer wieder, ich, du, wir alle. Sozialpsychologen haben das in Studien nachgewiesen, die inzwischen ganze Bibliotheken füllen.

Es passiert Autofahrern. Bis zu 97 Prozent von ihnen halten sich einer Untersuchung zufolge für überdurchschnittlich versiert am Steuer.

Es passiert MBA-Studenten der Uni Stanford. Laut einer Befragung hielten 87 Prozent von ihnen ihre Studienleistungen für überdurchschnittlich.

Es passiert sogar den Professoren, die einer weiteren Studie zufolge ihre Leistungen in der Lehre zu 90 Prozent für überdurchschnittlich halten.

John Lennon schrieb angeblich 70 Prozent des Textes von "Eleanor Rigby", Paul McCartney 80 Prozent

Es passiert Menschen aus dem Showgeschäft, die damit dem Publikum immerhin Stoff für Belustigung liefern. Legendär zum Beispiel sind die beiden Beatles Paul McCartney und John Lennon, die sich mit extrem konträren Einschätzungen blamierten zur Streitfrage, wer von ihnen den Text zu ihrem Hit "Eleanor Rigby" verfasst hat. In einem Interview erklärte John Lennon, mindestens 50 Prozent der Lyrics stammten von ihm. Später korrigierte er sich: Genau genommen seien rund 70 Prozent des Textes von ihm. Wirklich aus Pauls Feder sei eigentlich nur die erste Zeile.

"John hat mir mit ein paar Worten geholfen", sagte dagegen McCartney. Den Großteil habe er geschrieben. Genau genommen etwa 80 Prozent.

Beide gemeinsam hätten damit etwa 150 Prozent des Liedtextes gedichtet.

Wenn die Mehrheit ihre Leistungen beim Autofahren, im Studium, im Job, beim Liedtexten für überdurchschnittlich hält, kann das nur hinkommen, wo die Gesetze der Mathematik außer Kraft treten. Woher kommt der epidemische Hang zur Selbstüberschätzung?