Vor wenigen Wochen war für Orry Mittenmayer alles vorbei: Die türkisfarbene Thermobox, mit der der 25-Jährige mehr als ein Jahr lang durch Köln geradelt war, hat er an das Unternehmen zurückgegeben. In der App, die ihm von Schicht zu Schicht die Route von den Restaurants zu den Kunden wies, wurde sein Profil deaktiviert. Mittenmayer war Anfang Mai nicht nur seinen Job als Essenskurier los. Mit seinem Vertragsende war vorerst auch der Versuch gescheitert, erstmals in Deutschland eine Mitarbeitervertretung bei Deliveroo zu organisieren.

Mittenmayer war einer von fünf Mitarbeitern, die erst im Februar von den Fahrerinnen und Fahrern von Deliveroo in Köln in einen Betriebsrat gewählt wurden. Jetzt, nur zwei Monate später, verlässt Mittenmeyer als letzter der fünf Betriebsräte das Unternehmen.

Die Fahrerinnen und Fahrer arbeiten oft selbstständig oder mit Zeitvertrag

Essenslieferunternehmen wie Deliveroo expandieren derzeit stark auf dem deutschen Markt und gelten als Avantgarde einer neuen Digitalwirtschaft: Die Arbeit wird vor allem über Internetplattformen oder Apps koordiniert, die den Einsatz der Mitarbeiter steuern. Die Fahrer arbeiten oft selbstständig oder mit Zeitvertrag. Betriebsräte zu gründen, die die Interessen der Mitarbeiter gegenüber dem Unternehmen vertreten, ist bei Digitalunternehmen mit ihren vielen Kurzzeitjobbern schwierig.

Umso erstaunlicher war, dass es im Februar doch gelang. Die Initiatoren hatten allerdings schon im Vorfeld den Eindruck, dass Deliveroo in Köln keine Mitarbeitervertretung will: Mittenmayers Kollege, der die Betriebsratsgründung mit vorangetrieben hatte, bekam kurz darauf eine Abmahnung. Den Arbeitsvertrag mit ihm hat Deliveroo wenig später auslaufen lassen. Über die Gründe wollte sich Deliveroo im März gegenüber ZEIT ONLINE nicht äußern. Man nehme keine Stellung zu einzelnen Mitarbeitern. Auffällig war auch, dass im internen Mitarbeiterchat eine Nachricht verschwand, mit der die Initiatoren auf die Betriebsratsgründung aufmerksam gemacht hatten. Deliveroo hatte auf Nachfrage von ZEIT ONLINE keine Erklärung dafür genannt, gegenüber dem ZDF führte das Unternehmen später technische Gründe für das Verschwinden der Nachricht an.  

Nach der Wahl ließ Deliveroo nach und nach die befristeten Verträge der Betriebsräte auslaufen. Das Gremium schrumpfte immer weiter. "Das waren chaotische Wochen, weil wir ständig Betriebsräte verloren haben", sagt Mittenmayer. "Wir haben sogar Beschlüsse auf Vorrat gefasst, damit wir auch arbeiten können, wenn wir eigentlich zu wenige sind, um beschlussfähig zu sein." Gegenüber ZEIT ONLINE streitet Deliveroo nicht ab, dass die Verträge ausgelaufen sind und begründet das Vorgehen so: "Die überwältigende Mehrheit der Fahrer bevorzugt die Flexibilität, die eine freiberufliche Tätigkeit mit sich bringt."

Die Behinderung der Betriebsratsarbeit ist eine Straftat

Die Betriebsratsmitglieder schlugen dem Lieferdienst-Start-up vor, die Arbeitsverträge zumindest vorübergehend zu verlängern – sodass das Gremium zumindest für die vierjährige Wahlperiode arbeiten kann. Deliveroo lehnte ab: Man könne den Betriebsräten keine Vertragsverlängerung anbieten, "da dies mit der Geschäftsstrategie nicht in Übereinstimmung zu bringen ist", heißt es in einer Mail, die  ZEIT ONLINE vorliegt. Dabei hatte sich Deliveroo-Geschäftsführer Felix Chrobog anfangs durchaus kooperativ gezeigt: "Liebe Fahrer, gerne unterstützt Deliveroo die Wahl eines Betriebsrates am Standort Köln", hatte er im November nach der Gründungsinitiative in einem Chat an die Fahrer geschrieben. Man werde natürlich mit dem Betriebsrat zusammenarbeiten, hatte Deliveroo nach der Wahl über seine Presseagentur ausrichten lassen. Dem Unternehmen blieb allerdings auch keine andere Wahl: Die Behinderung der Betriebsratsarbeit ist in Deutschland eine Straftat.