Der WDR-Filmchef Gebhard Henke wird nicht auf seinen Posten zurückkehren. Bereits Ende April war er von der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt freigestellt worden, weil ihn mehrere Frauen der sexuellen Belästigung beschuldigen. Nun hat Henkes Anwalt Peter Raue ZEIT ONLINE bestätigt, dass sein Mandant die fristlose Kündigung erhalten hat. Zur Begründung soll es darin heißen, ihm werde aus "den Ihnen bekannten Gründen" gekündigt. Von sexueller Belästigung sei in dem Schreiben nicht die Rede. Bis heute bestreitet Henke alle Vorwürfe. Sein Anwalt kündigte an, gegen die Kündigung vorzugehen.

Mittlerweile bestätigte der WDR die Kündigung. In einer Pressemitteilung heißt es, in den vergangenen Wochen hätten mehr als zehn Frauen dem WDR über sexuelle Belästigung und unangemessenes Verhalten durch Henke berichtet. Der WDR halte die Vorwürfe für "schwerwiegend und glaubhaft".

Der 63-jährige Henke ist seit 1984 beim WDR tätig. Zunächst arbeitete er in Köln als Hörfunkredakteur, Ende der Achtzigerjahre wechselte er in die Programmgruppe Film und Serie. Zuletzt war er Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie.

Nachdem Henke Ende April freigestellt worden war, forderte sein Anwalt den WDR auf, die Vorwürfe gegen seinen Mandanten innerhalb von zehn Tagen zu konkretisieren. Die Frist wurde jedoch mehrfach verschoben. Stattdessen rief der WDR mögliche Betroffene auf, sich zu melden. Man wolle sich "genügend Zeit" nehmen um allen Hinweisen auf sexuelle Belästigung genau nachzugehen. Es gehe darum, Zeuginnen in Ruhe und ausführlich zu befragen und Vorwürfe mit der gebotenen Sorgfalt prüfen zu können. "Hier geht für uns Gründlichkeit vor Schnelligkeit", sagte ein Pressesprecher.

Bedrängt und an den Po gefasst

Bereits kurz nach Henkes Freistellung berichteten sechs Frauen im Spiegel, von Henke belästigt worden zu sein. Unter anderem meldete sich die Autorin des Bestsellers Feuchtgebiete, Charlotte Roche, zu Wort. Gegenüber ZEIT ONLINE sagte die 40-Jährige: "Er stellte sich mir vor, reichte mir seine rechte Hand und hörte nicht auf, sie zu schütteln. Seine linke Hand legte er dabei mitten auf meinen Po." Das hat sie auch gegenüber dem WDR zu Protokoll gegeben. Auf die Frage, warum sie sich entschieden hat, an die Öffentlichkeit zu gehen, sagt Roche: "Ich bin an die Öffentlichkeit gegangen, damit sich auch andere Frauen trauen, ihre Geschichte zu erzählen. Und weil ich damit den Fehler wiedergutzumachen versuche, dass ich vor fünf Jahren nicht reagiert habe." Sie sagt: "Ich fühle mich schuldig."

Die anderen fünf Frauen berichteten von ähnlichen Erfahrungen. Henke habe sie betatscht und begrapscht, habe ihnen an den Po oder den Bauch gefasst, habe angedeutet, sie zu fördern, und dafür offenbar körperliche Zuwendungen erwartet. Immer wieder, so beschreiben es die Frauen in dem Spiegel-Bericht, sei Henke aus seiner professionellen Rolle gefallen.

Aus WDR-Kreisen ist zu hören, dass sich bis heute knapp 20 Frauen gemeldet haben. Die Recherchen von ZEIT ONLINE legen nahe, dass es aber immer noch weitere Frauen gibt, die sich nicht melden – aus Angst, vor Gericht aussagen zu müssen, und weil sie fürchten, dass sie sich mit einer Aussage in der Branche diskreditieren.

"Keiner der Vorwürfe ist zu Recht erhoben. Manches ist erfunden, manches ist falsch dargestellt."
Peter Raue, Anwalt

Ende Mai sandte der WDR einen Zwischenbericht an Henkes Anwalt. Gegenüber ZEIT ONLINE sagte Raue, es lägen Vorwürfe von zehn Frauen gegen seinen Mandanten vor. "Bei den Fällen ist kein einziger dabei, bei dem es um einen zurechenbaren schweren sexuellen Übergriff geht." Bei einem Fall gehe es um eine freche Bemerkung, in einem anderen hätte die Betroffene das Gefühl gehabt, Henke habe sie zweideutig angeschaut. Außerdem gehe es einmal um einen ungewollten Zungenkuss. "Der Mandant hat keine Ahnung, um welche Person, welchen Ort und welche Gelegenheit es sich handelt", sagte Raue. Henkes Anwalt sagte weiter: "Keiner der Vorwürfe ist zu Recht erhoben. Manches ist erfunden, manches ist falsch dargestellt." Raue kritisierte auch das Vorgehen des WDR: "Es ist eine merkwürdige Methode, mit Vorwürfen konfrontiert zu werden, ohne eine Ahnung zu haben, um wen es geht." Auch in den Fällen, wo der Name genannt wird, bestreitet Henke die Vorwürfe.

Gebhard Henkes Fall ist nicht der einzige innerhalb des WDR. Mittlerweile wird insgesamt sechs Mitarbeitern sexuelle Belästigung vorgeworfen. So war Anfang April ein früherer ARD-Auslandskorrespondent wegen des Vorwurfs sexueller Belästigung von dem Sender freigestellt worden, mittlerweile wurde auch ihm gekündigt. Das Recherchebüro Correctiv berichtete außerdem über Vorwürfe gegen einen weiteren TV-Journalisten. Laut einem Spiegel-Bericht liegen dem Sender zudem Vorwürfe gegen einen prominenten TV-Kollegen, der mittlerweile im Ruhestand ist, gegen einen Hörfunkkollegen, der wegen Stalkings bereits aktenkundig sein soll, und gegen einen Mitarbeiter der Abteilung Revision vor.

Der WDR sucht in allen Fällen weiterhin nach Betroffenen und Zeuginnen. Diese können sich an mehrere externe wie interne Anlaufstellen wenden: An die Rechtsanwältinnen der beiden Kanzleien Ladenburger & Lörsch sowie an die Kanzlei Küttner; im WDR an alle Mitglieder des Interventionsausschusses, an die Gleichstellungsbeauftragte, die Personalabteilung, an ein Mitglied der Geschäftsleitung sowie an die Vorgesetzten oder die Vorgesetzten von Vorgesetzten.

Die WDR-Geschäftsleitung hatte Mitte April ein Maßnahmenpaket für eine bessere Vorbeugung vorgestellt. Zudem soll die frühere Gewerkschaftschefin und EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies in "völliger Unabhängigkeit" prüfen, wie der WDR in der Vergangenheit mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen ist.