Klar ist es stressig, Kinder zu bekommen und gleichzeitig Überstunden für die Karriere zu schieben. Die Autorin Eva Corino schlägt vor, eins nach dem anderen zu machen.

ZEIT ONLINE: Sie stellen der Gesellschaft in Ihrem Buch eine Diagnose: Gleichzeitigkeitswahn. Was meinen Sie damit?

Eva Corino: Junge Paare haben im Alter von 30 bis 40 Jahren viele existenziell wichtige Aufgaben zu erfüllen: Sie denken, sie müssen ihre Karrieren voranbringen, eine Familie gründen, sich hingebungsvoll um die Kinder kümmern – und dabei gut aussehend, kulturell informiert und sportlich bleiben. All das gleichzeitig zu schaffen, ist für sehr viele eine Überforderung.

Eva Corino, 45, hat als Theaterkritikerin und Kolumnistin gearbeitet. Nachdem sie sich eine Zeit lang auf ihre vier Kinder konzentriert hat, arbeitet sie wieder als Autorin. Ihr Buch "Das Nacheinander-Prinzip" ist gerade im Suhrkamp-Verlag erschienen. ©Susanne Schleyer

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hat dieser Versuch, alles auf einmal hinzubekommen?

Corino: Die Gesundheit leidet. Einige meiner Freundinnen haben Erschöpfungsdepressionen bekommen. Und weil die doppelte Berufstätigkeit so viel Kraft kostet, bleibt weniger Zeit übrig für die Familienarbeit. Immer größere Teile der Erziehung werden ausgelagert an öffentliche Einrichtungen. Für die meisten Eltern ist das beides: Erleichterung und Verlust.

"Wir haben in den letzten 50 Jahren 15 Jahre Lebenserwartung dazugewonnen, die wir nutzen können, um die Rushhour des Lebens zu entzerren."
Eva Corino

ZEIT ONLINE: In der Öffentlichkeit gelten vollzeitarbeitende Mütter und Kitas aber doch eher als Errungenschaft.

Corino: Natürlich ist es ein großer Fortschritt, dass Mütter Vollzeit arbeiten können und Betreuungsangebote ausgebaut werden. Aber Familien sollten auch genug entspannte Zeit zusammen haben, sonst leiden alle. Wir haben in den letzten 50 Jahren 15 Jahre Lebenserwartung dazugewonnen. Das ist eine unglaublich lange Spanne Zeit, die wir nutzen können, um die Rushhour des Lebens zu entzerren. 

ZEIT ONLINE: Sie schlagen eine Lösung vor: das Nacheinander-Prinzip. Also erst Familie, dann Karriere?

Corino: Zuallererst hat man viel Zeit, um sich um eine gute Ausbildung zu kümmern, einen rasanten Berufsstart hinzulegen und ein professionelles Netzwerk aufzubauen. Wenn man sich ein wenig etabliert hat, kann man sich eine Familienphase gönnen. Man muss in dieser Zeit nicht unbedingt aufhören, zu arbeiten, aber kann doch den Fokus auf die Familie legen. Das Verrückte ist ja, dass viele Eltern noch 20 oder 30 Jahre vor sich haben, wenn ihr jüngstes Kind in der Pubertät ist. Da können sie kraftvoll und ambitioniert in den Beruf zurückkehren und sich verwirklichen. Das ist nicht für alle, aber doch für viele Familien eine gute Lösung.

"Irgendetwas verpasst man immer, sei es im Beruf oder im Zusammensein mit den eigenen Kindern."
Eva Corino

ZEIT ONLINE: Wenn die Karriere gerade gut läuft, die Verantwortung und die Anerkennung steigen – wie kann man da aussteigen, ohne Angst haben zu müssen, in der Zwischenzeit etwas zu verpassen?

Corino: Irgendetwas verpasst man immer, sei es im Beruf oder im Zusammensein mit den eigenen Kindern. Und wann die große Liebe sich einstellt oder die erste Schwangerschaft, das lässt sich zum Glück nicht planen. Das kann im Studium sein, nach drei oder zehn Jahren im Beruf. Aber Familienleben ist schön, stiftet Sinn und Zukunft. Und es lohnt sich, mutig zu sein und den Begriff von Karriere weiter zu fassen. Es gibt so viel mehr Wege, beruflich erfolgreich zu sein, als nur den hierarchischen Aufstieg im Inneren eines Unternehmens.

ZEIT ONLINE: In der Theorie klingt das nach einer simplen Lösung. Aber wie soll der Wiedereinstieg konkret klappen? Mütter konkurrieren nach ihrer Auszeit mit qualifizierten Uniabsolventen, die nicht plötzlich wegen eines kranken Kindes zu Hause bleiben müssen.

Corino: Viele der Protagonisten in meinem Buch haben sich weitergebildet – entweder autodidaktisch oder über Universitäten. Dank der Digitalisierung geht das auch sehr gut von zu Hause aus. Mit frischen Qualifikationen kann der Neustart gut gelingen – vielleicht sogar als Gründerin oder Selbstständige. Eine großartige Idee aus Amerika sind außerdem sogenannte Returnships. Das sind drei- bis fünfmonatige Praktika für Wiedereinsteiger, in denen sie ihre Kenntnisse auffrischen und einen Platz im Unternehmen finden können. Eine Übernahmegarantie gibt es zwar nicht, aber die Praxis zeigt, dass 80 Prozent der Absolventen übernommen werden. Das muss man in Deutschland auf jeden Fall voranbringen.

ZEIT ONLINE: Was sollten Unternehmen noch tun?

Corino: Fortschrittliche Unternehmen ermöglichen ihren Mitarbeitern heute schon, auf gleichwertige Stellen zurückzukehren. Auch die sogenannte Wahlarbeitszeit ist hilfreich. Das heißt, dass die Mitarbeiter alle zwei Jahre neu entscheiden können, wie viele Stunden sie arbeiten möchten. Das Minimum liegt bei 15, das Maximum bei 40 Stunden – und dazwischen ist alles drin. Das ist ein großartiges Instrument, um die Arbeitszeit an die verschiedenen Phasen anzupassen. Und wer die Familienphase hinter sich hat, hat wertvolle Fähigkeiten ausgebildet, die auch in der Berufswelt fruchtbar sein können.