Wie schafft man den Ausgleich zwischen Arbeit und Leben? In der Serie "Wie machen Sie das?" erzählen Menschen, was sie für ihre Work-Life-Balance tun. Diesmal hat die 31-jährige Ngoc Thai, Managerin bei der spanischen Schuhmarke Camper, unseren Fragebogen ausgefüllt.

Mein Job: Ich bin als Country Director bei Camper für die Länder Deutschland, Polen, Österreich und die Schweiz verantwortlich. Das bedeutet, ich trage die Verantwortung für alle unsere Businesskanäle – Einzelhandel, Vertrieb und E-Commerce – und ein Team von 80 Mitarbeitern. In unserem Büro in Berlin-Mitte sind wir zu sechst.

Wöchentliche Arbeitszeit: Nie unter 50 Stunden. Und auf Geschäftsreisen werden es erheblich mehr. Die stressigsten Monate sind Juni und Juli, da bin ich wirklich on fire. Denn dann stehen rund um die Fashion Week viele Termine an, gleichzeitig beginnt im Einzelhandel der Sale. Zurzeit mache ich auch noch ein berufsbegleitendes Studium, für das ich wochenweise in München und Barcelona bin. Ich glaube, ich hatte noch nie so viel zu tun wie jetzt. Allerdings hatte ich schon zu Schulzeiten immer mehrere Nebenjobs und bevor ich im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland gekommen bin, habe ich in Vietnam auf dem Feld gearbeitet. Ich bin im Kommunismus aufgewachsen, wahrscheinlich hat Arbeit auch deshalb einen hohen Stellenwert für mich.

"Frühstück gibt es bei mir fast nie."
Ngoc Thai, Managerin bei Camper

Mein idealer Morgen: Ich stehe um sechs Uhr auf und starte mit einer Stunde Yoga in den Tag. Danach zwei Kaffee mit Hafermilch.

Mein normaler Morgen: Die zwei Tassen Kaffee mit Hafermilch gibt es tatsächlich jeden Morgen, ansonsten sieht die Realität etwas anders aus. Seit ein paar Monaten wache ich leider noch früher auf, meistens irgendwann zwischen fünf und sechs. Ich bleibe dann noch eine halbe Stunde im Bett liegen, höre Podcasts, hänge ein bisschen auf Social Media rum und lese auf meinem Handy die Nachrichten. Dann mache ich mich fertig – Frühstück gibt es bei mir fast nie – und laufe zu Fuß zur Arbeit. Bei jedem Wetter. Ich wohne in einer WG mit zwei Freundinnen und unsere Wohnung ist nur 15 Minuten vom Office entfernt.

Das erledige ich immer als Erstes: Ich schaue morgens immer zuerst in meinen Kalender und lege meine Prioritäten fest. Ich habe lange damit geprahlt, dass ich ein sehr gutes Gedächtnis habe – was auch stimmt! –, aber inzwischen habe ich so viele Termine und To-dos, dass es ohne Erinnerungshilfe, in meinem Fall die Google-Kalender-App, nicht mehr geht. Im Office angekommen bespreche ich als Erstes mit dem Einzelhandelsteam unsere aktuellen Zahlen, also die Umsätze der Filialen vom Vortag. Wir überlegen, wie wir darauf reagieren und was wir aus guten und schlechten Tagen lernen können.

Mein Kalender: Schickt mich häufig auf Geschäftsreise. Ich bin etwa 25 bis 30 Wochen im Jahr unterwegs. Jeden Store in Deutschland, Polen, Österreich und der Schweiz besuche ich ein- bis zweimal pro Saison, dazu kommen Meetings mit unseren Kunden und Kollegen in europäischen Städten. Sechs- bis zehnmal im Jahr bin ich auf Mallorca – Camper ist ja eine mallorquinische Marke.

"Mit Mitte 20 habe ich mich auch krank zur Arbeit geschleppt. Heute bin ich vernünftiger und respektiere meine Grenzen."
Ngoc Thai, Managerin bei Camper

Mein liebster Arbeitsplatz: Wenn das Wetter gut ist, draußen. Unser Office in Berlin-Mitte hat einen schönen, ruhigen Hinterhof, da sitze ich gerne zum Arbeiten. Das bleibt natürlich meistens eine Wunschvorstellung. Häufiger ziehe ich mich für konzentriertes Arbeiten in mein Zimmer zurück. Ich arbeite auch sehr gerne unterwegs im Zug – aber nur, wenn mir niemand auf den Bildschirm schauen kann.

Mein Stressfaktor: Wahrscheinlich stresse ich mich selbst am meisten. Ich bin eine Perfektionistin und stelle immer hohe Ansprüche an mich selbst. Der Stress führt bei mir manchmal zu Verspannungen im Rücken oder unruhigen Nächten, sodass ich früh aufwache. Ich komme zum Glück aber mit relativ wenig Schlaf aus und gehe auch vor zwölf ins Bett. Und gegen Stress und Verspannungen helfen mir Yoga und Meditation – ich mag die App Headspace sehr gern! Außerdem habe ich in den vergangenen Jahren gelernt, mich zumindest von Dingen, die ich nicht beeinflussen kann, nicht mehr stressen zu lassen.

Meine Pausen: Wenn ich unterwegs bin, gehe ich gerne eine Runde spazieren, schaue mir die Stadt an, in der ich gerade bin, hole mir einen Kaffee und suche mir einen ruhigen Platz im Grünen. Wenn ich in Berlin im Office arbeite, essen wir mittags immer gemeinsam mit dem Team. Wir reden ganz bewusst nicht über die Arbeit. Darum liest eine Person erst mal positive News von Nachrichtenseiten vor: oft von der BBC oder CNN, wir sind ja ein internationales, englischsprachiges Team. Es war angesichts des Weltgeschehens der letzten Jahre nicht immer einfach, da etwas zu finden, deshalb sind das oft auch News über Pandababys oder Absurditäten aus dem Internet.

Meine Droge: Mir tut es gut, mich auszupowern. Wenn ich in Berlin bin, mache ich drei- bis viermal pro Woche Sport. Ich gehe für mindestens 40 Minuten joggen und mache danach für weitere 45 Minuten Übungen mit dem eigenen Körpergewicht.

"In meiner Handtasche befinden sich immer ein bis drei Bücher, sodass ich in einer ruhigen Minute ein oder zwei Seiten lesen kann."
Ngoc Thai, Managerin bei Camper

Ich bin nicht erreichbar, wenn: Für drei Menschen in meinem Leben bin ich immer erreichbar, beruflich bin ich es eigentlich auch meistens. Nur wenn ich schlafe, ist mein Handy im Flugmodus. Schlaf ist essenziell. Ich mache meinen Job leidenschaftlich gern und nehme meine Verantwortung sehr ernst – aber letztendlich verkaufe ich Schuhe.

Wenn ich krank bin: Bleibe ich zu Hause. Mit Mitte 20 habe ich mich auch krank zur Arbeit geschleppt. Heute bin ich vernünftiger und respektiere meine Grenzen.

Mein Feierabend: Meine freie Zeit verbringe ich gerne mit engen Freunden. Gemeinsam kochen, essen, gute Gespräche: Das gibt mir viel. Ich genieße es aber auch sehr, Zeit für mich selbst zu haben. Seit ich vier Jahre alt war, schreibe ich Gedichte. Ich lese auch sehr viel Lyrik – sonst gerade viel Fachliteratur. In meiner Handtasche befinden sich immer ein bis drei Bücher, sodass ich in einer ruhigen Minute ein oder zwei Seiten lesen kann. Gerade lese ich noch mal Die Wörter von Sartre und parallel Managing Oneself von Peter Drucker.

Ich gönne mir: Kurztrips, am liebsten in Städte, in denen ich noch nie war. Gerade habe ich mit einer Freundin eine Reise nach Albanien geplant. Zwischendurch kaufe ich mir gern schöne Notizhefte fürs Gedichteschreiben und zum Kritzeln. Weil meine Freunde wissen, wie gerne ich schreibe, schenken sie mir auch oft Hefte und Stifte.

Das sagen meine beiden besten Freundinnen zu meiner Work-Life-Balance: Dass ich theoretisch sehr reflektiert mit dem Thema umgehe, es aber an der Umsetzung trotzdem noch manchmal hapert.