Meine Antwort auf die nette Anfrage, die ich heute Morgen per E-Mail erhielt, ist – so leid es mir tut – "Nein". Sie haben nichts falsch gemacht. Sie haben respektvoll gefragt, ob wir uns treffen können. Das Problem sind nicht Sie. Mit mir stimmt etwas nicht. Ich habe eine Form der Magersucht. Kein Grund zur Sorge. Es ist nichts Ernstes, obwohl ich es ziemlich ernst nehme. Es ist das Geheimnis meines Erfolgs: Ich habe Kalendermagersucht.

"Ich achte peinlich genau darauf, so wenige Termine wie möglich zu haben."
Ryan Holiday

Ich möchte so wenige Termine wie möglich in meinem Kalender stehen haben. Darauf achte ich peinlich genau. Es geht mir nicht darum, keine Termine in den Kalender einzutragen und sich dann trotzdem zu verabreden – wie jemand, der vorgibt, eine Diät zu machen, und trotzdem viel isst. "Wollen wir mal kurz telefonieren? Sollen wir uns nächste Woche auf einen Kaffee treffen? Lass uns zusammensetzen, um das zu besprechen." Nein, nein, nein. Ich könnte, aber ich kann einfach nicht. Auch wenn es wichtig wäre, auch wenn es nur 15 Minuten dauert, auch wenn sich alle anderen Menschen dafür treffen würden.

"Warum habe ich das alles wieder zugesagt?"

Natürlich kann ich das nicht immer so machen, manchmal gebe ich nach. Weil es die Arbeit oder ein Mindestmaß an Höflichkeit erfordern und weil ich meine Karriere nicht ruinieren möchte. Doch wenn ich auf mein Handy schaue, auf das Datum des Tages klicke und zu viele bereits verplante kleine Zeitfenster sehe, werde ich sehr nervös. Was ist das alles? Wohin ist all meine Zeit verschwunden? Warum habe ich das alles wieder zugesagt? Meistens lag der Termin sehr weit in der Zukunft und ich dachte, es erledige sich auf wundersame Weise von selbst.

Der englische Programmierer und Buchautor Paul Graham hat in einem Aufsatz Manager mit schöpferisch tätigen Menschen verglichen. Es gäbe zwei Arten, sein Leben zu führen, sagt er. Manager wüssten, dass ihr Tag in Stücke zerteilt sei für Treffen, Telefonate und Verwaltungsaufgaben. Schöpferisch tätige Menschen hingegen brauchten lange Blöcke unverplanter Zeit, in der sie nicht dabei unterbrochen würden, ihren Tätigkeiten nachzugehen. In der sie denken können.

Wenn ich gefragt werde, wie es mir gelingt, so viel zu schreiben, ist meine Magersucht die Antwort. Auch wenn es darum geht, wie ich es schaffe, eine gesunde Beziehung zu führen, Sport zu treiben und zu lesen. Anders wäre es für mich nicht möglich, mich in meine Arbeit zu vertiefen und kreativ zu sein.

Je erfolgreicher man wird, desto komplizierter wird es

In einem frühen Karrierestadium ist es einfach, den Kalender nicht zu überladen. Vor allem, weil niemand wirklich viel Zeit von Ihnen will. Das ändert sich jedoch, sobald Sie in Ihrem Berufsfeld erfolgreich werden. Es ist von niemandem böse gemeint. Im Gegenteil: Es ist ein enormes Kompliment und eine Bestätigung Ihrer harten Arbeit, wenn sich viele Menschen mit Ihnen austauschen möchten.

Das Problem ist jedoch, dass Sie schnell mehr Verantwortung tragen und wichtige Absprachen treffen müssen, als Sie vernünftigerweise unter einen Hut bringen können. Wie Sie damit umgehen, bestimmt den Verlauf Ihrer Karriere (und meiner Ansicht nach Ihre geistige Gesundheit und Ihr Lebensglück).