Ich versuche seit zwanzig Minuten, diesen Text anzufangen. Die Wahrheit ist: Ich habe dazwischen zweimal Kaffee geholt, nervös geraucht, fünf Facebook-Nachrichten und dieses Hihihi-total-witzig-erst-mal-liken-Kindervideo an drei Freunde geschickt, während ich aus Versehen die ersten drei Sätze löschte und kurz mit meinem Vater darüber sprach, ob Sonntage wirklich freie Tage sind. Jetzt gerade höre ich den Nachbarn zu, die sich über Autos unterhalten, und vor dem Fenster ist ein Schmetterling und dann kommt eine Nachricht, oh, eine neue Nachricht.

Falls es anstrengend ist, das zu lesen: Es ist viel anstrengender, so zu sein. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist nämlich die eines Fünfjährigen auf zwei Liter Cola Light. Ich habe eine Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS). (Die Nachbarn reden übrigens doch nicht über Autos, sondern über die Hecke.)  

In Deutschland gilt ADHS oft als Kinderkrankheit. Aber bei vierzig bis sechzig Prozent der diagnostizierten Kinder und Jugendlichen bleiben die Symptome auch im Erwachsenenalter – zum Beispiel Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität, körperlicher Unruhe. Insgesamt variieren die Zahlen der erwachsenen Betroffenen in Deutschland zwischen einem und vier Prozent. Aus Kindern mit ADHS werden also oft Erwachsene mit ADHS – und wenn sie, wie das so üblich ist in dieser Welt, in einer Erwerbstätigkeit landen, geht die Party richtig los.

Meine Schulkarriere verlief so: In der achten Klasse vom Gymnasium geflogen, Realschule, zurück aufs Gymnasium, Preise für Fehlstunden bekommen (die Urkunde für 140 Fehlstunden habe ich noch immer in meinem Kinderzimmer hängen) und dann ein mieses Abitur gemacht.

"Im Großraumbüro wollte ich sehr oft schreien, dass endlich alle die Fresse halten sollen."

Mein Kopf fühlt sich oft an, als sei da ein Lautsprecher installiert worden, der wie die Sprachausgabe beim Smartphone funktioniert. Er liest einfach alles laut vor, was er sieht. Und damit meine ich: absolut alles. Oh, es ist heiß, ich schwitze, schönes Kleid hat die, die Blume da sieht ja eklig aus, wo kommen diese Fliegen her, meine Güte, ich habe Hunger, nein, ich habe Durst, nein, ich habe Kopfweh, nein, doch Hunger, oh, das Buch wollte ich ja noch lesen, erst mal rauchen, ich rauche zu viel, ich kriege bestimmt Krebs, Blasenkrebs oder so etwas, habe ich da schon wieder einen Pickel, wieso guckt der so, was stimmt mit mir denn nicht? So in etwa sieht das in einem Bruchteil einer Sekunde in meinem Kopf aus. Und zwar die ganze Zeit. Zumindest, wenn ich meine Medikamente nicht nehme. Und jetzt stellen Sie sich vor, wie dieser Lautsprecher alles vorliest, was in einer lauten Klasse passiert. Oder in einer Bar, in der man kellnert. Oder in einem Großraumbüro.

Der Lautsprecher und ich

Nach dem Abitur musste ich mit dem Lautsprecher in volle Vorlesungssäle und in die Bibliothek, ich musste mit ihm zur Arbeit, zu Meetings und ins Büro. Dort wollte ich sehr oft schreien, dass endlich alle die Fresse halten sollen. Habe ich aber nicht getan, weil ich ja nicht in der Geschlossenen landen wollte.