Jeden Mittwochnachmittag gegen fünf bekommt Michael Fey mehrere Päckchen mit kostenlosen Zeitungen vor die Haustür geliefert. Mal acht Stück, mal zehn. Damit beginnt sein Arbeitstag. Er trennt mit einer Schere die Plastikschnüre auf, die den Zeitungsstapel zusammenhalten, und legt in jede Zeitung einen Satz Werbung hinein. Etwa 120 Zeitungen verstaut er in seinem Trolley: Mehr passen nicht rein. Dann bricht der Rentner zu seiner ersten von drei bis vier Runden auf.

Michael Fey ist 71 Jahre alt und Zeitungsausträger. Insgesamt 400 Zeitungen muss er bis Donnerstagabend verteilen. Dafür erhält er 8,84 Euro pro Stunde, den gesetzlichen Mindestlohn. Bergauf und bergab zieht er seinen Trolley mit den Zeitungen durch Lohr am Main, eine Kleinstadt im Spessart. "Manchmal ist es anstrengend, weil hier viele Häuser in Hanglage stehen und die Briefkästen nur über lange Treppen zu erreichen sind", sagt Fey.

1,1 Millionen Menschen über 65 haben einen Job

Immer mehr Menschen im Rentenalter arbeiten – und Michael Fey ist einer von ihnen. Die Altersgruppe 65 Jahre und älter stellt inzwischen den größten Anteil an den geringfügig Beschäftigten. Während Ende 2003 noch rund 587.000 Menschen über 65 Jahren in Deutschland einen Minijob hatten, gingen im Dezember 2017 bereits rund 1,1 Millionen Senioren einer solchen Arbeit nach. Innerhalb von 15 Jahren hat sich die Zahl also verdoppelt. Das geht aus einer Auswertung der Statistik der Bundesagentur für Arbeit zu Beschäftigten nach Altersgruppen hervor, die die linke Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann vorgenommen hat und die der Passauer Neuen Presse vorliegt. "Der weitaus überwiegende Teil der älteren Menschen dürfte nicht zum Spaß und Zeitvertreib weiter arbeiten, sondern aus finanzieller Not", sagte Zimmermann, die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag.

Arbeit im Alter - »Zu Hause sagt dir niemand ein nettes Wort« Helga Schmidt arbeitet, wo Hipster sich vergnügen: Als Toilettenfrau in einer Bar verdient sie sich etwas zur Rente hinzu. Ein Videoporträt © Foto: Sarah Lehnert für ZEIT ONLINE

Auch Fey hat einen Minijob, weil seine Rente allein nicht zum Leben reichen würde. Früher arbeitete er freiberuflich als Übersetzer und Dolmetscher und zahlte nicht in die gesetzliche Rentenkasse ein. Privat legte er nicht genug fürs Alter zurück. "Ich habe darauf vertraut, dass ich noch lange gebraucht werde", sagt Fey. Doch die türkischen Migranten, für die er übersetzte, sprachen immer besser Deutsch – die Aufträge blieben zu oft aus. Eine kleine Rente, knapp 100 Euro, bekommt Fey für die Zeit, in der er seine kranke Tante gepflegt hat. Ansonsten erhält er wie drei Prozent der Menschen im Rentenalter die Grundsicherung: 508,04 Euro. Davon bleibt ihm nur ein Teil, weil die private Krankenversicherung mehrere Hundert Euro kostet. Dort ist Fey als Selbstständiger bis heute Mitglied. Auch der Lohn, den er beim Zeitungen-Austragen erhält, bleibt ihm nicht komplett, denn er wird auf die Grundsicherung angerechnet. "Von 255 bis 318 Euro Verdienst bleiben mir 80 bis 100 Euro", rechnet Fey vor. Haben oder nicht haben. Weil er das Glück hat, in einem geerbten Haus zu wohnen, zahlt Fey keine Miete und kann von den rund 500 Euro leben, die ihm monatlich zur Verfügung stehen. "Aber ohne den Job wäre es eng", sagt er. 

Harte Arbeit oder Selbstverwirklichung?

Bestimmte Gruppen sind in Deutschland besonders von Altersarmut bedroht: Es sind Mütter, die lange Zeit für ihre Kinder zu Hause blieben. Es sind Zuwanderer, die nie richtig Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt fanden, und ehemalige Selbstständige wie Fey, die nicht oder falsch vorgesorgt haben. Knapp die Hälfte der erwerbstätigen Senioren arbeitete im Jahr 2016 in einem Minijob, also in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis, in dem man sich maximal 450 Euro im Monat zur Rente hinzuverdienen kann. Das Geld müssen sie nicht versteuern, weil sie in einem Minijob nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Sie jobben im Callcenter, helfen im Lager aus oder tragen Zeitungen aus. Alles typische Minjobs, die mehr nach harter Arbeit als nach Selbstverwirklichung klingen – und darauf hindeuten, dass diese Menschen arbeiten, weil sie müssen. Allerdings hat das Statistische Bundesamt vor knapp zwei Jahren erhoben, dass nur etwas mehr als ein Drittel der Rentner arbeitet, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Auch der Ökonom Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt zu dem Schluss, dass Menschen im Rentenalter "nicht überwiegend" deshalb arbeiten, weil das Geld zu knapp ist. "Vieles spricht dafür, dass immer mehr Rentner die sich bietenden Beschäftigungsmöglichkeiten auch aus intrinsischen Motiven nutzen, um einem Job nachzugehen und dabei die Haushaltskasse aufzubessern", schreibt Brenke.

"Ich musste vor jedem Friseurbesuch anfangen zu rechnen, ob ich mir das gerade leisten kann."
Josefine R, Rentnerin mit Nebenjob in einem Kuchen-Start-up

Die Realität vieler Senioren liegt also irgendwo zwischen Existenzsorgen und Selbstverwirklichung. Die von Josefine R. zum Beispiel. In einer Backstube im Münchner Stadtteil Westend steht sie – blondes Haar, geblümtes Stirnband, rosafarbene Schürze – vor einem Bottich geraspelter Karotten und startet die Küchenmaschine, die Eier, Mehl und Butter verrührt. "Ich kann das Rezept inzwischen im Schlaf", sagt sie lachend und rollt das R, wie es gebürtige Münchner tun. 13 Karottenkuchen backt sie an diesem Freitagvormittag, im Lauf des Tages sollen sie an Cafés und Privatleute ausgeliefert werden. Die 70-jährige Rentnerin arbeitet einmal wöchentlich bei Kuchentratsch. Das Start-up beschäftigt Seniorinnen und Senioren, die gerne backen und sich etwas zur Rente hinzuverdienen wollen. 

Vor drei Jahren, als Josefine R. bei Kuchentratsch anfing, sei das Geld der Hauptgrund für sie gewesen, wieder zu arbeiten. "Es war finanziell schon verdammt knapp damals", erinnert sie sich.Seit sie 16 Jahre alt war, hatte die Münchnerin als kaufmännische Angestellte gearbeitet, erst als Sachbearbeiterin im Lohnbüro, später im Personalwesen bei einem Arbeitgeberverband. Sie verdiente nicht schlecht, arbeitete als alleinerziehende Mutter aber über Jahre hinweg in Teilzeit. Das wirkte sich negativ auf die Rente aus, wie bei vielen Frauen. "Ich musste vor jedem Friseurbesuch anfangen zu rechnen, ob ich mir das gerade leisten kann."