Inzwischen hat sie mehr Geld zur Verfügung. Etwa ein Jahr, nachdem sie bei Kuchentratsch anfing, trat eine Rentenerhöhung in Kraft. Heute bekommt Josefine R. etwas mehr als 1.300 Euro Rente im Monat. Damit kommt sie zurecht, auch wenn der Betrag in der teuersten Stadt Deutschlands weniger wert ist als anderswo. Die 150 Euro, die sie mit ihrem Job pro Monat durchschnittlich verdient, legt sie inzwischen komplett für besondere Ausgaben zurück. "Vor Kurzem bin ich aus Kalabrien zurückgekommen", erzählt Josefine R. Es war ihr erster zweiwöchiger Urlaub seit zwölf Jahren.

Die Stimmung in der Backstube ist an diesem Vormittag konzentriert und fröhlich zugleich. Eine Kollegin berichtet, wie Josefine ein einziges Mal ein Kuchen misslang und alle gemeinsam den Teig von der Ofentür naschten. "Die Freundschaften, die ich in der Backstube geknüpft habe, bedeuten mir mehr als das Geld", sagt Josefine R. Außerdem bringe der Job Struktur in ihren Alltag. Von der Altersarmut trennt sie ein wichtiges Detail: Sie ist auf das Geld nicht angewiesen. Allerdings kann sie es gut gebrauchen.

Knapp jeder Vierte der arbeitenden Alten ist sein eigener Chef: ein "Silverpreneur"

Ob die Rente im Alter reicht, ob man arbeiten muss oder sich aus freien Stücken dafür entscheidet, hat nicht zwangsläufig etwas damit zu tun, ob man Mann oder Frau ist, ob man studiert hat oder nicht oder ob man viel oder wenig verdient hat. Es hängt auch mit bestimmten Abzweigungen zusammen, die man im Leben genommen hat. Hat man bei der Geldanlage ein glückliches Händchen bewiesen oder nicht? Lebt man alleine oder teilt man sich das Dach über dem Kopf mit einem Partner?

Das Beispiel von Anna Maria Lutz zeigt, dass man nicht Zahnarzt oder Professorin sein muss, um im Rentenalter aus reiner Freude am Beruf weiterzuarbeiten. Es ist ein Dienstagabend im Juni, Lutz steht in einer psychotherapeutischen Praxis in Nürnberg, die jetzt zum Kursraum umfunktioniert wird: Lutz lehrt Lachyoga. Die 69-Jährige geht in die Knie, fährt ihre Hände zu Krallen aus, reißt den Mund auf, streckt ihre Zunge heraus und lacht schallend. "Man muss es übertreiben mit dem Lachen, um Abstand zu bekommen von allem, was einen belastet", erklärt sie. Ho-ho, ha-ha-ha. Drei Frauen und ein Mann machen es nach. Kursleiterin Lutz hat aschblondes Haar, ein mädchenhaftes Gesicht und, natürlich, ein paar Lachfalten im Gesicht. Vor zehn Jahren gab sie ihren Beruf als Sekretärin auf und ging in Altersteilzeit, um beruflich noch mal ganz neu anzufangen. Sie tat das nicht, um Geld zu verdienen. Die Rente, die sie und ihr Mann erhalten, reicht zum Leben. Lutz traf die bewusste Entscheidung, sich nicht zur Ruhe zu setzen. "Meine Arbeit bereichert mein Leben", sagt sie.

Zurzeit gibt Lutz einmal pro Woche ihren Lachyoga-Kurs. Außerdem hat sie schon vor Jahren 10.000 Euro investiert, um sich in einer Schule in Hannover zur Clownin ausbilden zu lassen. Als Clown "Drops" besucht sie Kindergeburtstage, Altenheime, Kirchweihfeste oder Firmenfeiern. 75 Euro nimmt sie pro Stunde, bei Menschen, die nicht so viel Geld haben, verlangt sie weniger. "Es tut mir gut, Menschen zum Lachen zu bringen", sagt Lutz. Manchmal macht sie das einmal im Monat, manchmal dreimal. "Ein paar Hundert Euro" verdiene sie sich auf diese Weise zur Rente hinzu, sagt sie. Auch ihr Mann Bernhard ist beruflich noch aktiv. Er arbeitete früher in der Personalentwicklung eines Unternehmens. Heute ist er etwa 20 Stunden pro Woche als selbstständiger Coach tätig und berät Firmen.

"Es gibt noch immer viele Unternehmen, bei denen mit 65 Schluss ist."
Rudolf Kast, Leiter des Demografienetzwerks der Initiative Neue Qualität für Arbeit

Für das, was Anna Maria und Bernhard Lutz machen, haben sich Experten einen Fachbegriff ausgedacht. Die beiden sind Silverpreneure, also Menschen, die sich im höheren Alter selbstständig gemacht haben. Knapp jeder Vierte der arbeitenden Senioren in Deutschland ist sein eigener Chef, allerdings differenziert die Zahl nicht zwischen Menschen, die schon länger selbstständig sind, und solchen, die erst im höheren Alter eine eigene Geschäftsidee entwickelt haben.Das DIW hat errechnet, dass die meisten Selbstständigen über 65 als Händler, Ärzte, Hoteliers oder Gastwirte arbeiten. Manche ignorieren das Renteneintrittsalter einfach, andere machen sich bewusst erst spät selbstständig, um nach Jahren der Anstellung mal ihr eigener Chef zu sein.

Manchmal gehen sie den Weg in die Selbstständigkeit aber auch, weil ihr alter Arbeitgeber sie nicht weiter beschäftigen wollte. Ein Fehler der Unternehmen, findet Rudolf Kast. Er leitet das Demografienetzwerk der Initiative Neue Qualität für Arbeit, die sich für Chancengleichheit und Diversität in Unternehmen einsetzt. Zwar beschäftigten mittlerweile einige Unternehmen Ingenieure oder auch Pfleger im Rentenalter weiter, zum Beispiel als Berater oder auf 450-Euro-Basis. "Aber es gibt noch immer viele Unternehmen, bei denen mit 65 Schluss ist", sagt Kast. Also machen die Senioren ihr eigenes Ding. 

"Oft hat die neue Aufgabe etwas mit dem alten Berufsfeld zu tun, weil man seine Erfahrungen dann leichter einbringen kann", sagt Kast. Gerade bei einer beratenden Tätigkeit, wie Bernhard Lutz sie ausführt, werde langjährige Berufserfahrung als Pluspunkt geschätzt. Für Anna Maria Lutz hingegen bestand der Reiz gerade darin, etwas Neues auszuprobieren. Beide eint, dass sie ein Leben führen, das viele eher mit den Wünschen der Millenials verbinden, nicht mit Menschen im Rentenalter: Sie machen, was sie interessiert, sie entscheiden selbst, wie viel sie arbeiten, und niemand gibt ihnen vor, was sie zu tun oder zu lassen haben. "Diese Lebensform tut mir gut", sagt Anna Maria Lutz und lächelt. Sie will das mit dem Ruhestand noch lange nicht allzu wörtlich nehmen.