Liebe Chefin,

vielen Dank für das Eis, das du mir auf den Schreibtisch gelegt hast. War lecker – hatte leider aber auch einen Nachgeschmack. Draußen hatte es 32 Grad, drinnen saßen wir vor unseren Bildschirmen, der Kopf breiig vor Hitze, die Klimaanlage ein schwacher Trost. Ich weiß, du hast es nett gemeint. Genau wie die vielen anderen Unternehmen – ja, auch DIE ZEIT –, die ihren Angestellten ein Eis spendieren, wenn die Temperaturen hochklettern.

Ich saß im Newsroom, zwischen surrenden Monitoren, eine Deadline im Nacken. Das Eis tröpfelte auf die Tastatur und ich dachte, dass es gerade genau wie das Gegenteil davon schmeckte, wofür Eis eigentlich steht: für Sommer. Für Freiheit. Für Feierabend. Mir ist schon klar, dass es zum Erwerbsleben gehört, auch den schönsten Juli vom Bürofenster aus zu beobachten. Und ich will dir auch nicht unterstellen, dass du beim Eiskauf an Worte gedacht hast wie "Motivation" oder "Mitarbeiterbindung". Bestimmt wolltest du nur deinem Team den heißen Tag versüßen. Trotzdem: Eis im Büro ist wie der Arbeitslaptop in der Hängematte. Ein Vorgaukeln von Freizeit, die keine ist.

"Eine Bekannte hat erzählt, dass sie ihrem Chef am liebsten mal ein Cornetto Buttermilch-Zitrone ins Gesicht geworfen hätte."

Der Arbeitssoziologe Falk Eckert von der TU Dresden forscht unter anderem zur Ökonomisierung von Gefühlen am Arbeitsplatz. Auch er hat eine ambivalente Haltung, wenn Arbeitgeber Eis spendieren: "Einerseits ist es eine symbolische Geste, die ausdrückt: Ich bin für dich da, ich interessiere mich für dich", sagt er. "Aber das kann nicht über die Mehrbelastung wie Überstunden hinwegtäuschen und auch nicht über ein Ausharren in der Hitze."

Eckert und seine Kollegen haben Metallarbeiter und IT-ler in kleinen und mittelständischen Unternehmen zu ihrem Arbeitsalltag befragt. "Viele von ihnen empfanden kleine Gesten vom Arbeitgeber wie zum Beispiel ein Osterkörbchen oder ein Eis als Wertschätzung." Man müsse aber auch bedenken, sagt Eckert, dass viele dieser Angestellten jahrzehntelang in ihrem Unternehmen beschäftigt waren. Für sie sei die Firma tatsächlich wie eine Familie gewesen. "Das Eisverteilen kann auch nach hinten losgehen", sagt er. "Wenn jemand unter schlechten Bedingungen arbeitet, fühlt er sich durch das Eis in seinem Frust bestätigt."

Eine Bekannte hat erzählt, dass sie ihrem Chef am liebsten mal ein Cornetto Buttermilch-Zitrone ins Gesicht geworfen hätte. Er hatte das Eis vorbeigebracht, als ihr Team um 21 Uhr immer noch in der Marketingagentur saß. "Er glaubt doch nicht wirklich, dass er mit einem Euro, den er beim Späti für das Eis ausgegeben hat, meine zehn Überstunden diese Woche wiedergutmachen kann?", sagte sie.

Kleinere Erwartungen an den Output des hitzematten Hirns

Nun, so weit ist es bei uns zum Glück noch lange nicht. Ich gehe gern zur Arbeit, baue Überstunden ab, finde meine Arbeitsbedingungen in Ordnung. Mir ist auch klar, dass es so schwierig ist, gegen Eiscreme-Geschenke zu argumentieren wie gegen süße Hundewelpen. Ich liebe ja selbst Eis. Mir fallen nur sehr viele Dinge ein, die ich im Sommer für dringender erachte als einen Flutschfinger: flexible Arbeitszeitgestaltung zum Beispiel. Das würde auch gegen die Hitze helfen: immer, wenn es möglich ist, ohne schlechtes Gewissen zu Hause in Unterwäsche am Laptop arbeiten zu können. Kleinere Erwartungen an den Output des hitzematten Hirns. Oder die Möglichkeit, früher Schluss zu machen – und die Arbeitszeit an einem kälteren Tag nachzuholen. Das wäre für uns beide besser: Über die Hälfte der Beschäftigten berichtet in einer Umfrage der Kaufmännischen Krankenkasse, dass sie an heißen Tagen weniger produktiv und konzentriert sind. "Ich finde, das Eis ist eine schöne Geste, aber Freizeitausgleich oder flexible Arbeitszeitgestaltung wären tatsächlich sinnvoller", sagt auch Falk Eckert.

Das Problem ist aber: Es ist schwierig, diese Forderungen an jemanden zu stellen, der einem gerade ein Eis ausgegeben hat. Versteh mich nicht falsch, ich wünsche mir nicht die Zeit zurück, in der Arbeiten noch "Maloche" war und du mein Klassenfeind. Ich finde es schön, dass du dich kümmerst – und anerkennst, dass wir gerade beide in einem Treibhaus arbeiten. Aber wenn du zu sehr zum Kumpel wirst, der mir Emojis schickt und Flutschfinger ausgibt, wird es schwerer, klare Ansagen zu machen. Zum Beispiel, dass ich früher gehen möchte. Ins Freibad. Zum See. Oder zur Eisdiele.