Perpetual Guardian ist ein neuseeländisches Finanz- und Immobilienunternehmen mit 240 Mitarbeitern, das bis zur vergangenen Woche niemand kannte. Die Nachricht, dass der Firmenchef eine Viertagewoche für seine Beschäftigten einführen will, hat es aber trotzdem in die internationale Presse geschafft. Im März und April hatte das Unternehmen bereits die Viertagewoche bei voller Bezahlung ausprobiert. Wir sprachen mit der Arbeitssoziologin Helen Delaney von der Auckland Business School, die das Experiment wissenschaftlich ausgewertet hat.

ZEIT ONLINE: Perpetul Guardian ist nicht das einzige Unternehmen, das die Viertagewoche getestet hat. Google und Amazon experimentieren mit dem Modell. Der amerikanische Bundesstaat Utah führte im Jahr 2009 für seine Angestellten im öffentlichen Dienst die Viertagewoche ein – und schaffte sie zwei Jahre später wieder ab. Und in Deutschland forderte die IG Metall im Frühjahr, dass Beschäftigte ihre Arbeitszeit bei Bedarf auf 28 Stunden reduzieren können. 

Helen Delaney: Bei den meisten dieser Modelle müssen die Angestellten aber entweder mehr Stunden am Tag arbeiten, wie im Fall Utah, oder bekommen, wie bei Amazon, weniger Geld. Ich glaube, die Menschen sind fasziniert davon, dass ein Unternehmen die Arbeitswoche auf 32 Stunden reduziert, aber seine Angestellten für 40 bezahlt.   

ZEIT ONLINE: Sie haben das Experiment zusammen mit einem Kollegen wissenschaftlich begleitet. Was haben Sie herausgefunden? 

Delaney: Mein Kollege Jarrod Haar hat die Angestellten vor und nach dem Testlauf mit Fragebögen nach ihrer Zufriedenheit und ihrer Work-Life-Balance gefragt. Er hat unter anderem herausgefunden, dass die Menschen tatsächlich zufriedener und ausgeglichener waren. Gleichzeitig war ihre Produktivität aber nicht gesunken, obwohl sie weniger arbeiteten. Ich habe nach dem Testlauf im April und März dieses Jahres 30- bis 90-minütige Interviews mit 45 Beschäftigten der Firma geführt. Auch aus den Gesprächen hörte ich heraus, dass die Viertagewoche sehr gut ankam.

"Von den 45 Mitarbeitern, mit denen ich ausführlich gesprochen habe, sagten nur drei, dass sie davon überfordert waren, ihre Arbeit in weniger Zeit zu verrichten."
Helen Delaney, Wissenschaftlerin

ZEIT ONLINE: Gab es auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich entschieden haben, weiterhin fünf Tage zu arbeiten – so wie vorher?

Delaney: Eine Abteilung hatte bei dem Testlauf von Anfang an nicht mitgemacht, weil sie eine Deadline hatte. Ein Finanzbericht musste fertig werden, ihre Arbeit war in kürzerer Zeit nicht zu schaffen. Ein paar Angestellte haben sich auch dagegen entschieden, weil sie gerade in einer arbeitsreiche Phase steckten. Aber an die 90 Prozent der Beschäftigten haben mitgemacht – und die überwiegende Mehrheit war begeistert. Von den 45 Mitarbeitern, mit denen ich ausführlich gesprochen habe, sagten nur drei, dass sie davon überfordert waren, ihre Arbeit in weniger Zeit zu verrichten. 

ZEIT ONLINE: Und die anderen waren das nicht? Wenn die Produktivität die gleiche geblieben ist, mussten die Menschen ja mehr Arbeit in weniger Zeit verrichten. 

Delaney: Das Besondere bei dem Testlauf war, dass das Unternehmen nicht einfach gesagt hat: Freitag ist jetzt frei. Die Teams entschieden selbstständig, wie sie ihre Arbeit organisieren und delegieren, sprachen sich ab, wer wann frei hat – und entschieden, wer die Verantwortung übernimmt, wenn der Abteilungsleiter seinen freien Tag hat. In den Interviews haben mir die Angestellten erzählt, dass sie sich zum ersten Mal zusammengesetzt und überlegt haben: Wie können wir effizienter arbeiten? Können wir unsere Kommunikation besser mit Apps organisieren? Wie können wir uns gegenseitig helfen? Viele begrüßten, dass ihre Arbeit vielfältiger wurde, weil sie an manchen Tagen die Aufgaben der Kollegen übernehmen mussten. Außerdem arbeiteten die meisten bei Perpetual Guardian in Großraumbüros. Einige Angestellten berichteten, dass ihr Alltag weniger stressig war, weil es ruhiger war, wenn nicht alle gleichzeitig da waren.

ZEIT ONLINE: Was haben die Menschen mit ihrem freien Tag gemacht? 

Delaney: Viele erzählten mir, dass sie dank des zusätzlichen freien Tages endlich ein echtes Wochenende hatten. An einem Tagen haben sie den Haushalt und die Besorgungen erledigt – und an den anderen zwei Tagen konnten sie ganz für die Familie da sein oder hatten ein bisschen me time: Sie haben Yoga gemacht, waren golfen oder haben etwas ganz Neues ausprobiert. Vor allem junge Väter sagten, dass sie den Tag genutzt haben, um für die Familie einzukaufen, Reparaturen zu erledigen oder die Kinder vom Kindergarten oder der Schule abzuholen. Sie schätzen diese Zeit. Die Viertagewoche hilft der Geschlechtergerechtigkeit. 

"Aus dem mittleren Management gab es einige Skeptiker. Sie hatten Angst, dass ihre Teams auf Dauer weniger produktiv sein würden."
Helen Delaney

ZEIT ONLINE: Haben die Menschen sich auch mehr ehrenamtlich engagiert? 

Delaney: Einige berichteten, dass sie dank des dreitägigen Wochenendes öfter in ihrer Kirche ausgeholfen haben oder mehr Zeit mit dem Ehrenamt verbracht haben, das sie bereits hatten. Neue ehrenamtliche Verpflichtungen haben sie aber nicht angenommen – weil sie ja damals nicht wussten, ob die Viertagewoche beibehalten wird. Einen Satz, den ich aber öfter hörte, war: Mein Leben ist vielfältiger geworden. Viele erzählten, dass sie offener für neue Aktivitäten und neue Menschen wurden. Ein Angestellter sagte: Zum ersten Mal bin ich ganz entspannt durch mein Dörfchen gelaufen und habe einfach mit allen, denen ich begegnet bin, geplaudert. 

ZEIT ONLINE: Wenn die Viertagewoche nun wie geplant langfristig eingeführt wird, kann es dann nicht sein, dass die Begeisterung der Beschäftigten wieder sinkt? Weil sie merken, das Arbeitspensum bleibt gleich? 

Delaney: Aus dem mittleren Management gab es einige Skeptiker. Sie hatten Angst, dass ihre Teams auf Dauer weniger produktiv sein würden. Die allermeisten Angestellten wollten aber dauerhaft die reduzierten Wochenstunden. Wobei viele sagten, dass sie keine verpflichtende Viertagewoche wollen, sondern flexibel entscheiden möchten, ob sie in manchen Wochen mehr arbeiten und diese Stunden dann an den ruhigen Tagen abbummeln. Eine starre Viertagewoche ist nicht die Lösung für alle. Der Testlauf hat mir aber gezeigt: Wir müssen unsere Einstellung dazu überdenken, dass nur diejenigen produktiv sind, die 40 Stunden im Büro hocken. Es gibt viele Wege, das umzusetzen: Unternehmen können mehr Jobsharing-Modelle anbieten, mehr Aushilfen einstellen – oder die Angestellten selbst entscheiden lassen, wie sie sich ihre Arbeit einteilen. Es ist möglich. Und viele Menschen wollen das.