34 Grad in Berlin und ich trage mein Lieblingskleid: Spaghettiträger, cremefarben und weit bis zum Knie. BH darunter hätte nicht gepasst. Der Ausschnitt ist tief, der Rücken braun vom letzten Seewochenende. Doch ich bin nicht am See, ich sitze in der Mittagskonferenz mit den Kollegen und fühle mich sehr nackt. Der Träger rutscht von meiner Schulter.

Das geht gar nicht.

Ich erinnere mich an einen Sommer in meiner Schulzeit, als aus den Lautsprechern in jedem Klassenzimmer die Durchsage der Schulleiterin schallte: "Ina und Anne kommen bitte ins Sekretariat!" Ina und Anne trugen Hotpants und Tanktops, bauchfrei. In der Pause mussten sie nach Hause fahren und sich umziehen. Der Lehrer für katholische Religion, ein Pastor, wurde ebenfalls nach Hause geschickt. Er hatte kurze Hosen getragen. Am nächsten Tag hing am schwarzen Brett ein Aushang: "Die Schule ist kein Freibad. Bitte kleidet euch dementsprechend." Meine Freundinnen machten sich darüber lustig, ich stimmte der Schulleiterin im Geheimen zu. Ich hatte mich vor den dicken Waden des Pastors geekelt und was für ihn galt, sollte auch für uns Schülerinnen gelten. Hotpants waren etwas für nachmittags.

"In einer lauen Sommernacht kann man gern zeigen, was man will. Aber im Büro?"

So habe ich es auch mein ganzes Berufsleben gehalten. Okay, ich trage Röcke, Kleider, ärmellose Blusen. Ich freue mich, wenn man Kolleginnen ansieht, mit wie viel Lust sie bunte Stoffhosen tragen. Ich finde Füße zeigen in Ordnung und trage Birkenstocks im Büro. Aber ich kann nicht verstehen, warum Frauen im Büro kurze Hosen tragen, ich meine: so richtig kurze. Bei denen man erahnt, wo der Po anfängt. In einer langen dünnen Hose schwitzt man nicht und sie hat zwei weitere Vorteile: Die Schenkel kleben in der Konferenz nicht aufeinander. Und, am wichtigsten: Sie lädt weniger zu Blicken ein. Das Gleiche wie für Hotpants gilt für Spaghettiträgertops, zu enge Röcke, bauchfreie oder tief ausgeschnittene Tops: zu viel Haut. In einer lauen Sommernacht kann man gern zeigen, so viel man will. Aber im Büro?

Außerdem: Die Kollegen möchten das vielleicht auch alles gar nicht sehen. Genauso wenig möchte ich ihre Waden sehen. Ich halte es wie der Managementtrainer Jan Schaumann: "Kurze Hosen sind für Jungs, lange Hosen sind für Männer."

Bis jetzt. Um acht Uhr morgens, 28 Grad in Berlin, habe ich, ohne darüber nachzudenken, alle meine Prinzipien ignoriert und mein Strandkleid übergeworfen. Ich bleibe dabei: Eigentlich geht das gar nicht und morgen trage ich definitiv wieder BH. Aber ich schlage ein temporäres Hitzefrei für die Kleiderordnung vor: Bei über 30 Grad sollten wir alle anziehen können, was wir wollen. Männer, schlüpft in die Flipflops und zeigt eure behaarten Beine! Frauen, springt in Hotpants! Worüber reden wir? Über ein paar Tage Hitze im Jahr, an denen wir uns nichts sehnlicher wünschen, als am See zu liegen. Geht nicht, wir müssen arbeiten. Im Büro blockiert die Klimaanlage. Der Chef bringt deshalb Eis für alle mit, im Großraum verschwimmen für kurze Zeit die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Der Strandfetzen tut dann auch keinem mehr weh.