Als Tomasz Gajewski* im April sein Zimmer in einem Container in Brandenburg bezog, war eigentlich alles wie immer: vier Mann in einem Raum, Stockbetten. Zwischen 5 und 6 Uhr in der Früh standen sie auf, ein Transporter fuhr sie auf der Ladepritsche zum Spargelfeld, um 10 Uhr war Zeit für eine kurze Frühstückspause, 20 Minuten. Ein Fahrer holte die Boxen mit dem Spargel vom Feld ab, am nächsten Tag bekam jeder einen Zettel mit der abgerechneten Menge. Genauso wie in den vergangenen Jahren.

Gajewski ist einer von knapp 300.000 Saisonkräften, die Jahr für Jahr nach Deutschland kommen, um bei der Ernte zu helfen. Im Frühjahr Spargel, im Sommer Tomaten und Gurken und im Herbst Äpfel und Birnen.

Gajewski ist 53 Jahre alt, er hat eine Frau und zwei erwachsene Kinder und betreibt einen kleinen Bauernhof in einem Dorf nahe Toruń in Zentralpolen. Früher hat er Tabak angebaut, inzwischen nur noch Getreide. Nebenbei arbeitet er als Lagerarbeiter und kommt so auf ein Gehalt von 1.700 Złoty im Monat, knapp 400 Euro. Das reicht nur, weil Gajewski jedes Jahr im Frühsommer nach Deutschland kommt, seit 18 Jahren zum selben Hof im Spreewald. Dieses Jahr wird für ihn das letzte Mal gewesen sein. 

Ein Indiz für Zwangsarbeit

Nach zwei Wochen auf dem Hof, erzählt Gajewski, sei ihm aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. "Ich weiß doch genau, wie viel Spargel in eine Kiste geht", sagt er, zwischen 16 und 20 Kilo, an guten Tagen sei er auf bis zu 40 Kilo gekommen. Nun standen auf seiner Abrechnung viel niedrigere Kilowerte, teils nur die Hälfte von dem, was er auf dem Feld gestochen hatte. Im Vertrag mit den Arbeitern hatte der Betrieb notiert, die 50 Cent pro Kilo würden nur für "vermarktungsfähigen Spargel" bezahlt. "Das ist doch Betrug am helllichten Tage", schimpft Gajewski auf Polnisch.

Der Landwirt vom Spargelhof verteidigt sein Vorgehen: Er könne nur bezahlen, was er auch verkaufen könne – und im vergangenen Jahr hätten Erntehelfer versucht, Steine in die Kisten zu legen, um auf einen höheren Lohn zu kommen. Daher entscheide er in diesem Jahr erst an der Sortiermaschine, wie viele Kilo abgerechnet werden. Die Berater der Fachstelle Migration und Gute Arbeit in Brandenburg, die Verträge der Arbeiter eingesehen haben, halten die Praxis für rechtswidrig. Das unternehmerische Risiko wird den Erntehelfern aufgebürdet.

Vier Monate später auf einem Feld in Nordrhein-Westfalen: Alexandru Mihai*, 18 Jahre alt, wohnt in einem Dorf in Siebenbürgen. Anfang Juni sind er, sein älterer Bruder und andere Bewohner als Saisonkräfte nach Bad Salzuflen in Nordrhein-Westfalen gekommen, wo sie auf einem Hof Erdbeeren ernten wollten. Als Mihai bei seinem Chef für die Vertragsausfertigung im Büro saß, behielt der direkt den Pass ein. Er habe nach dem Grund gefragt, berichtet Mihai. Eine Erklärung habe ihm der Hofbesitzer nicht gegeben.

Die Ausweise einzubehalten ist gravierend. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sieht darin ein Indiz für Zwangsarbeit. Denn ohne ihre Dokumente können die Arbeiter nicht weg. Sie sind gewissermaßen gefangen.