Der Co-Working Anbieter WeWork wird vegetarisch. In einer E-Mail an rund 6.000 Angestellte kündigte das amerikanische Unternehmen an, dass es keine Mahlzeiten mehr erstattet, in denen rotes Fleisch, Geflügel oder Schweinefleisch enthalten sind. Der WeWork-Mitgründer Miguel McKelvey erklärte den Fleischverzicht damit, dass die Firma ihren CO2-Fußabdruck reduzieren möchte. Wir sprachen mit der Arbeitssoziologin Kendra Briken von der Strathclyde Business School in Glasgow. Sie forscht zu neueren Formen von Arbeit und Organisation.

ZEIT ONLINE: Frau Briken, was würden Sie davon halten, wenn Ihr Arbeitgeber ab morgen das Fleisch aus der Kantine verbannen würde?

Kendra Briken: Als Vegetarierin bin ich da befangen. Persönlich bin ich unbedingt dafür, dass weniger Fleisch gegessen wird. Eine Firma macht das immer vor einem bestimmten Hintergrund. Ich würde mich sofort fragen: Warum machen die das?

ZEIT ONLINE: Der Büroflächenvermieter WeWork hat seinen weltweit 6.000 Mitarbeitern gerade verkündet, dass es Fleisch nur noch auf eigene Kosten gibt. Auf Firmenveranstaltungen wird es keines mehr geben. Angeblich aus Umweltgründen. Glauben Sie das?

Briken: Für mich ist das keine Glaubensfrage. WeWork ist ein Unternehmen, das von Beginn an ein sehr idealistisches Bild von sich vermittelt hat. Am Anfang haben sich die beiden Gründer auf Green Desks, also die Vermietung von nachhaltigen Arbeitsplätzen, spezialisiert: Die Möbel waren recycelt und der Strom wurde aus Windenergie bezogen. Das Image von einem idealistischen Unternehmerduo haben sie auch später, als sie erfolgreich wurden, aufrechterhalten. Zum Produkt von WeWork gehört ein bestimmter Lebensstil und dazu passt die fleischlose Ernährung, mit der die Umwelt geschützt werden kann, sehr gut.

"Es motiviert Mitarbeiter, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Unternehmen gute Werte vertritt."
Kendra Briken, Arbeitssoziologin an der Strathclyde Business School

ZEIT ONLINE: Die Gründer haben die Entscheidung in einer E-Mail verkündet. Gefragt wurde niemand. Müssten sich da nicht einige Mitarbeiter bevormundet fühlen?

Briken: Eigentlich ja. Ein guter Arbeitgeber würde seine Beschäftigten vorher dazu befragen, was sie von so einer Regelung halten. WeWork hat dagegen einfach verkündet: ein klassischer Top-down-Ansatz. Dass sich trotzdem noch kein Widerstand geregt hat, liegt an der Belegschaft von WeWork. Die Mitarbeiter, wie auch die Kunden, auf die WeWork zielt, sind Teil einer hochqualifizierten, urbanen Elite. Man kann davon ausgehen, dass sie sich sowohl mit der eigenen Ernährung als auch mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen. In diesem Fall kann so eine Top-down-Entscheidung sich sogar positiv auswirken. Mitarbeiter wie Kunden identifizieren sich mit dem Unternehmen und sagen: Wir arbeiten für eine gute Firma; wir nutzen einen ethisch wertvollen Service. Es motiviert Mitarbeiter, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Unternehmen gute Werte vertritt. Nach außen wirkt diese Entscheidung als Employer Branding: Wer sich jetzt bei WeWork bewirbt, bewirbt sich dort auch, weil er die fleischlose Kantine gut findet.

Kendra Briken ist Arbeitssoziologin an der Strathclyde Business School in Glasgow. Sie forscht zu neueren Formen von Arbeit und Organisation und dem Einsatz digitaler Technologien. © privat

ZEIT ONLINE: Ist es denn so einfach: WeWork ist eine gute Firma, weil sie sich für die Umwelt einsetzt?

Briken: Nein, nicht unbedingt. Den Gründern geht es natürlich vorrangig ums Geschäft, nicht um die Umwelt. Nur weil WeWork jetzt durch weniger Fleischkonsum einen Beitrag zum CO2-Fußabdruck leisten will, heißt das nicht, dass ihr gesamtes Geschäftsmodell nachhaltig ist. Das Unternehmen vermietet über eine Million Quadratmeter an Büroflächen, da gibt es viele andere Möglichkeiten, besonders umweltschonend zu sein: zum Beispiel bei der Bauweise und dem Strom. Außerdem kommt es darauf an, wie man eine gute Firma definiert. Ist sie schon gut, wenn sie sich für die Umwelt einsetzt? Was ist mit den Arbeitsbedingungen? Sozialer Nachhaltigkeit? Es ist vermutlich kein Zufall, dass sich WeWork gerade mit einer Initiative in Ernährungsfragen hervortut. Das kollidiert am wenigsten mit dem eigenen Geschäftsmodell.