Bei Edeka am Münchner Bahnhof gibt's jetzt eine. Bei Rewe in Berlin-Friedrichshain auch. Vor einem halben Jahr hat Netto sie als erster Discounter eingeführt. Bei Ikea gibt es sie sowieso schon längst.

Es geht um die SB-Maschine. Die sogenannten SB-Kassen, kurz für Selbstbedienkasse, manchmal auch etwas moderner Self-Check-out genannt, die zurzeit gefühlt überall, tatsächlich aber nur in etwa 600 deutschen Supermärkten stehen. Immerhin, das sind knapp 70 Prozent mehr als noch 2015.

Die Zukunftsverweigerer unter meinen Freunden und Kollegen reagieren, als habe die Automatisierung sie im Innersten erschüttert. Angeblich sorgen sie sich um die Zukunft der Kassiererzunft: Verlieren die jetzt alle ihre Jobs? Die meisten aber sorgen sich vor allem um sich selbst: Sie fürchten, alleine mit der Maschine zu sein, daran zu verzweifeln, wenn der SB-Scanner zwar den Rioja und die Rittersport erkennt, nicht aber die Bio-Bananen. Was dann?

Beep, beep, beep. Zack, zack. Schönen Tag noch.

Die Dramatiker prophezeien die Entmenschlichung des Supermarkts. Die Romantikerinnen vermissen schon jetzt, was nie gewesen ist: Wie persönlich das war, als man sich noch in die Augen geschaut hat beim Einkaufen. Guten Tag, schönen Feierabend. Ein bisschen Smalltalk über die Kinder zwischen Wechselgeld und Kassenzettel.

Wirklich? Erinnern Sie sich daran, wann Sie das letzte Mal ein Gespräch mit ihrem Kassierer geführt haben? Genau, ich nämlich auch nicht. Vielleicht wünschen wir uns jetzt, wo eine nach dem anderen geht, wir hätten mal gefragt, wie es so geht? Und den Kindern? Haben wir aber nie. Und das lag nicht nur an uns. Denn wenn wir ganz ehrlich an die vielen Minuten in der Supermarktschlange zurückdenken, dann war da nicht viel Platz für Zwischenmenschlichkeit. Die quasi-automatische Discounterkassiermaschine ist doch so alt wie der Discounter selbst: Beep, beep, beep. Zack, zack. Schönen Tag noch.

An der Kasse müssen wir funktionieren

Denke ich an Kassiererinnen, denke ich nicht an Augenkontakt oder Smalltalk, sondern an die Nervosität, die mich, drei Kunden bevor ich an der Reihe bin, befällt. Es ist der Zeitpunkt, an dem ich mich bereit mache: Die Musik aus den Ohren nehme, das Portemonnaie suche, die EC-Karte bereithalte. Im Kopf noch mal schnell den Pin durchgehe. Den Jutebeutel ausschüttele; alte Kassenzettel fliegen auf den Boden. Egal, alles muss raus. Denn gleich muss ganz schnell ganz viel rein. Gleich muss ich funktionieren.

Ich treffe letzte strategische Entscheidungen: Lege die Milch ganz vorne aufs Band, die Eier als letztes. Jetzt bin ich dran: Noch bevor ich "Guten Tag" über die Lippen gepresst habe, beept schon der erste Milchkarton. Es geht los. Kein Mensch schafft das ohne Tricks. Meine Überlebensstrategie an der Discounterkasse: Im Mittelfeld zwischen Milch und Eiern möglichst viel kleines, unverpacktes Obst und Gemüse streuen. Ingwer, Paprika, Kiwis: Hauptsache, es ist unverpackt und lässt sich nicht in Sekundenschnelle über den Scanner ziehen. Das Wiegen kostet Zeit. Zeit, um die Müslipackung und das Klopapier vom Band zu nehmen. Zeit, um kurz durchzuatmen. Geht leider nicht immer gut. An schlechten Tagen fallen die losen Kiwis in einem Moment der Unachtsamkeit dem Kassierer vor die Füße. An besonders schlechten Tagen gehen mir die verächtlichen Blicke des Kassierers nah. Und jedes Mal ringe ich mir zum Schluss trotzdem ein "Schönen Feierabend dann" ab, spreche innerlich dem nächsten Kunden mein Beileid aus und wünschte, es hätte eine SB-Kasse gegeben.

SB-Kassen haben zu Unrecht einen so schlechten Ruf. In der verrufenen Selbstbedienung steckt die Chance auf Entschleunigung. Endlich allein mit uns und unseren Einkäufen. An der SB-Kasse können wir achtsam sein. An der SB-Kasse können wir die Kopfhörer auf dem Kopf lassen und die Sprachnachricht zu Ende hören. Wir können scannen, so langsam wie wir möchten. Die Avocado noch mal von oben bis unten nach weichen Stellen abtasten, an den Tomaten riechen. Den Pin so oft falsch eingeben, wie es unser Kreditinstitut erlaubt.

Ich weiß ja, liebe Kassierer, Sie können auch nichts dafür. Der Druck ist hoch. Die Arbeit monoton. Die Kunden unverschämt, abwesend oder beides. Und natürlich will niemand, dass plötzlich Tausende Kassierer auf der Straße stehen. Aber wer sagt denn, dass sie alle gehen müssen? Ohne Personal geht es natürlich nicht. Es muss trotzdem jemand da sein, der hilft, wenn der Rioja gescannt wurde, aber die Bio-Bananen nicht. Dass mit der Einführung der Self-Check-outs nicht zwangsläufig weniger Menschen in einem Supermarkt arbeiten, zeigt ein Blick nach England, wo es die automatisierten Kassen schon flächendeckend gibt. Auch die Studie der Handelsforscher aus Deutschland zeigt, dass zumindest bislang durch die SB-Kassen keine Personalkosten eingespart werden.

Der Mensch bleibt, er bekommt nur andere Dinge zu tun. Und wer weiß, vielleicht, wenn aus Kassiererinnen und Kassierern Servicemitarbeiterinnen und -mitarbeiter werden, bleibt auch wieder Zeit für ein bisschen Schnack am Kühlregal. So wie früher. Oder wie wir uns das von früher gerne vorstellen. Bis dahin, schönen Feierabend.

Sie arbeiten an der Kasse und wollen unserer Autorin widersprechen oder davon erzählen, wie sich der Alltag mit der Einführung der SB-Kasse verändert? Schreiben Sie uns an debatte-arbeit@zeit.de