Der WDR hat die Kündigung gegen seinen langjährigen Filmchef Gebhard Henke zurückgezogen. Man habe sich außergerichtlich geeinigt, heißt es in einer Pressemitteilung. Henke werde nicht wieder auf seinen Posten zurückkehren. "Nachdem das Vertrauenverhältnis zwischen dem WDR und Prof. Henke nicht mehr herzustellen ist, haben die Parteien entschieden, die Zusammenarbeit zu beenden", schreibt der WDR. Über den weiteren Inhalt der Vereinbarung werde nichts bekannt gegeben.

Ende April hatte die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Henke freigestellt. Mitte Juni kündigte der WDR ihm fristlos. In der Pressemitteilung, die der WDR dazu herausgegeben hatte, hieß es, mehr als zehn Frauen hätten dem WDR über sexuelle Belästigung und unangemessenes Verhalten durch Henke berichtet. Der WDR halte die Vorwürfe für "schwerwiegend und glaubhaft". Bis heute bestreitet Henke alle Vorwürfe.

Gegenüber ZEIT ONLINE hatte sein Anwalt Peter Raue gesagt, bei einem Fall gehe es um eine freche Bemerkung, in einem anderen hätte die Betroffene das Gefühl gehabt, Henke habe sie zweideutig angeschaut. Außerdem gehe es in einem Fall um einen ungewollten Zungenkuss. "Der Mandant hat keine Ahnung, um welche Person, welchen Ort und welche Gelegenheit es sich handelt", sagte Raue. "Keiner der Vorwürfe ist zu Recht erhoben. Manches ist erfunden, manches ist falsch dargestellt." Beim Arbeitsgericht Köln hatte Raue bereits eine Klage gegen die fristlose Kündigung eingereicht. Der erste Termin vor Gericht wäre heute gewesen, entfällt nun aber.

Fast alle Frauen sagten anonym aus

Der 63-jährige Henke ist seit 1984 beim WDR tätig. Zunächst arbeitete er in Köln als Hörfunkredakteur, Ende der Achtzigerjahre wechselte er in die Programmgruppe Film und Serie. Zuletzt war er Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie.  

Bereits kurz nach Henkes Freistellung berichteten sechs Frauen im Spiegel, von Henke belästigt worden zu sein. Henke habe sie betatscht und begrapscht, habe ihnen an den Po oder den Bauch gefasst. Er habe angedeutet, sie zu fördern, und dafür offenbar körperliche Zuwendungen erwartet. Immer wieder, so beschreiben es die Frauen in dem Spiegel-Bericht, sei Henke aus seiner professionellen Rolle gefallen.

Unter anderem meldete sich dort auch die Autorin des Bestsellers Feuchtgebiete, Charlotte Roche, zu Wort. Gegenüber ZEIT ONLINE sagte die 40-Jährige: "Er stellte sich mir vor, reichte mir seine rechte Hand und hörte nicht auf, sie zu schütteln. Seine linke Hand legte er dabei mitten auf meinen Po." Das hat sie auch gegenüber dem WDR zu Protokoll gegeben. Auf die Frage, warum sie sich entschieden hat, an die Öffentlichkeit zu gehen, sagte Roche: "Ich bin an die Öffentlichkeit gegangen, damit sich auch andere Frauen trauen, ihre Geschichte zu erzählen. Und weil ich damit den Fehler wiedergutzumachen versuche, dass ich vor fünf Jahren nicht reagiert habe." Sie fühle sich schuldig. Auch Roches Vorwürfe bestreitet Henke.

Nach Informationen von ZEIT ONLINE hatten gegenüber dem WDR die meisten Frauen anonym ausgesagt. Sie fürchteten unter anderem, dass sie sich mit einer Aussage in der Branche diskreditierten. Unklar ist, ob die anonymen Vorwürfe vor Gericht Bestand hätten.

Weiteren WDR-Mitarbeitern wird sexuelle Belästigung vorgeworfen

Gebhard Henkes Fall ist nicht der einzige dieser Art beim WDR. Insgesamt wird sechs Mitarbeitern sexuelle Belästigung vorgeworfen. So hatte der Sender Anfang April einen früheren ARD-Auslandskorrespondenten wegen des Vorwurfs sexueller Belästigung freigestellt, mittlerweile hat der WDR ihm gekündigt. Das Recherchebüro Correctiv berichtete außerdem über Vorwürfe gegen einen weiteren TV-Journalisten. Laut einem Spiegel-Bericht liegen dem Sender zudem Vorwürfe vor gegen einen prominenten TV-Kollegen, der inzwischen im Ruhestand ist, gegen einen Hörfunkkollegen, der wegen Stalkings bereits aktenkundig sein soll, und gegen einen Mitarbeiter der Abteilung Revision.

Die WDR-Geschäftsleitung hatte Mitte April ein Maßnahmenpaket für eine bessere Vorbeugung vorgestellt. Zudem soll die frühere Gewerkschaftschefin und EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies in "völliger Unabhängigkeit" prüfen, wie der WDR in der Vergangenheit mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen ist. Ihr Abschlussbericht wird in den nächsten Wochen erwartet.