Wenn nun der größte Verursacher eines gehetzten Lebens, der Arbeitgeber, Kurse zur Stressbewältigung anbietet, dann macht er das möglicherweise nicht nur, damit es seinen Beschäftigten besser geht. "Gerade im Kontext von Unternehmen ist zu vermuten, dass Achtsamkeit ein zerstörerisches System stützt", sagt der Soziologe Hartmut Rosa am Rande einer Konferenz in Hamburg zum Thema Achtsamkeit und Selbstbezogenheit. Mit anderen Worten: Der Arbeitgeber erhöht mit diesen Kursen die Widerstandsfähigkeit des Einzelnen, damit der Widerstand ausbleibt gegen die Umstände, unter denen er arbeiten lässt. Was seine Ursache in den Strukturen hat, in Hierarchien, die einen herrischen Umgang begünstigen, in Taktungen, die den Tagesrhythmus torpedieren, in prekären Verträgen, die jede Lebensplanung vereiteln – all das muss individuell gemeistert werden. "Die Achtsamkeitsbewegung ist viel zu fixiert auf das Subjekt: 'Wenn du nur innere Ruhe findest, Anhaftung überwindest, allem achtsam begegnest, wird alles gut'", sagt der Soziologe Rosa dazu. Wo die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Achtsamkeit geschult werden, gibt es somit schnell die perfekte Legitimation, die Anforderung hochzuschrauben, die Schlagzahl aufzustocken, die Zielvorgaben zu erhöhen.