Michaela Busch blättert im blauen Ordner mit den Arbeitsunterlagen. Damals, als sie den Ausbildungsvertrag am Universitätsklinikum Erlangen angeboten bekam, war sie stolz. In der Region hatte ihr neuer Arbeitgeber einen guten Ruf: Die Klinik galt als verlässlicher Arbeitgeber und Musterausbilder. Das Beste: Als Auszubildende zur Gesundheits- und Krankenpflegerin am Universitätsklinikum landete Michaela direkt nach der Schule im öffentlichen Dienst. Davon erhoffte sie sich ein gutes Gehalt und vor allem Sicherheit.

Heute weiß sie, dass das ein Irrglaube war. In ihrem blauen Ordner hat sie nach dem Ausbildungsvertrag weitere Arbeitsverträge abheften müssen. Alle vom Universitätsklinikum Erlangen. Bis auf den aktuellen sind alle befristet.

"Das war ein ganz schöner Schlag in die Magengrube."
Michaela Busch

Die erste Befristung, direkt nach Buschs dreijähriger Ausbildung, war eine Schwangerschaftsvertretung. Busch war enttäuscht, aber geduldig. Vor allem, weil man ihr versichert hatte, sie im Anschluss unbefristet anzustellen. Ein Jahr später bot man ihr einen weiteren befristeten Vertrag an. "Das war ein ganz schöner Schlag in die Magengrube", sagt Busch heute. Beim zweiten Mal nannte ihr Chef für die Befristung keinen offiziellen Grund. Wenn sie heute die alten Verträge in den Händen hält, ist Busch sauer. Damals war sie vor allem verunsichert. Sie war erst 17 und kannte sich im Arbeitsrecht kaum aus. Also akzeptierte sie die Bedingungen, wie sie waren.

Wie Michaela Busch geht es Millionen Arbeitnehmern in Deutschland. Das Teilzeit- und Befristungsgesetz aus dem Jahr 2001 erlaubt es Arbeitgebern bis heute, ihre Angestellten zwei Jahre lang befristet anzustellen – ohne Begründung. Mit Sachgrund, also beispielsweise als Elternzeitvertretung, oder wenn eine Stelle auf Projektarbeit basiert, dürfen sie sogar beliebig oft befristen. Gerade der als guter Arbeitgeber geltende öffentliche Dienst bietet bei Neueinstellungen knapp 50 Prozent der Arbeitnehmer nur einen befristeten Vertrag an. Zum Vergleich: In der Privatwirtschaft sind es 31 Prozent. Besonders hart trifft es die jungen Arbeitnehmer. Rund 70 Prozent der Befristeten sind unter 35 Jahre. Im öffentlichen Dienst sind Befristungen für Berufseinsteiger die Regel.

"Nach so einem Rechtsstreit wäre ich abgestempelt."
Fabian Meier* arbeitet seit zehn Jahren in einem Bundesministerium – befristet angestellt

Inzwischen ist Busch 27 Jahre alt und wurde nach Ausbildung und zwei Befristungen ohne Ablaufdatum am Uniklinikum Erlangen angestellt. Heute arbeitet sie als Gesundheits- und Krankenpflegerin und vertritt junge Arbeitnehmerinnen als Personalvertreterin in der Klinik. Weniger Glück hatte Fabian Meier*. Er hat studiert, ist Anfang 30 und arbeitet in einem Bundesministerium. Was genau er dort macht, möchte er nicht öffentlich machen – aus Sorge, von seinen Vorgesetzten identifiziert zu werden. Seit fast zehn Jahren arbeitet er im Ministerium, doch immer wieder bekommt er nur befristete Verträge: mal mit, mal ohne Sachgrund, über verschiedene Zeiträume. Meier weiß: Rechtens ist das nicht, er hätte längst übernommen werden müssen – oder eben entlassen. Vor Gericht, ist er sich sicher, würde er recht bekommen, klagen will er trotzdem nicht: "Nach so einem Rechtsstreit wäre ich abgestempelt."

Meier fürchtet, dass eine Klage nicht nur seine Karriere im Ministerium in Gefahr bringen würde, sondern auch bei allen anderen staatlichen Arbeitgebern: im Bundestag, beim Bundesrat, beim Bundespräsidenten und am Bundesverfassungsgericht sowie in der gesamten Staatsverwaltung. Überall dort wäre er derjenige, "der geklagt hat". Lieber erträgt Meier deshalb weiter seine befristeten Verträge. Das bedeutet für ihn: keine Planbarkeit, Nachteile bei Mietverträgen oder Kreditvergaben, ein schlechteres Gehalt als die unbefristeten und verbeamteten Kollegen, regelmäßiges Bangen um den Job.

Wie eine Probezeit XXL

Tatsächlich habe sich die Befristung im öffentlichen Dienst zu einer Art Probezeit XXL entwickelt, sagt Christian Hohendanner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Hohendanner forscht seit Jahren zu Befristungen im öffentlichen Dienst. Dass diese Form der Beschäftigung so beliebt bei öffentlichen Arbeitgebern ist, überrascht ihn nicht. "Gerade dem Staat fallen unbefristete Einstellungen schwer, weil man dort faktisch auf Kündigungen verzichtet." Und im Vergleich zur Entlassung nach der Probezeit sei die Befristung für Arbeitgeber einfach bequemer: "Wenn Sie jemanden unbefristet einstellen und Sie möchten diese Person dann doch nicht behalten, müssen Sie unangenehme Gespräche führen, den Personalrat miteinbeziehen und unliebsamen Papierkram erledigen." Der befristete Vertrag dagegen läuft einfach aus.

Besonders verbreitet ist diese Form der Anstellung im öffentlichen Dienst in den Ministerien. Das Recherchebüro Correctiv hat sämtliche Bundesministerien sowie die Gesundheits- und Bildungsministerien auf Länderebene befragt und herausgefunden: Befristung ist in nahezu allen Bereichen ein Problem. Am meisten befristet das Landwirtschaftsministerium: 28,5 Prozent der Beschäftigten waren dort 2016 befristet angestellt. Im Jahr 2009 waren es noch 17 Prozent. Auch im Familienministerium arbeitet inzwischen gut jeder Fünfte befristet, während es 2009 nur 5,5 Prozent der Beschäftigten waren. Oft berufen sich die Ressorts bei befristeten Verträgen auf Projektarbeit. Interviewanfragen und offizielle Stellungnahmen lehnten die Ministerien auf Anfrage ab.

Der politische Wille fehlt

Hinzu kommt, dass in den an die Ministerien angegliederten Forschungseinrichtungen viele Wissenschaftler arbeiten – und auch für sie hat sich der Staat eine besondere Regelung ausgedacht. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz hält einen ganzen Katalog an Sonderregelungen bereit: Wissenschaftler können noch länger und häufiger befristet werden als alle anderen Arbeitnehmer.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hatte angekündigt, strengere Regeln für die Befristung einzuführen. Im Koalitionsvertrag fallen die geplanten Reformen zu Befristungen eher spärlich aus. So soll die sachgrundlose Befristung statt 24 nur noch 18 Monate möglich sein und einzelne Arbeitnehmer sollen vom selben Arbeitgeber nur noch maximal fünf Jahre befristet werden dürfen. Wissenschaftler um Christian Hohendanner haben die Folgen der im Koalitionsvertrag geplanten Neuregelungen abgeschätzt: Von 2,9 Millionen Befristeten wären nur rund 400.000 betroffen – und das vor allem im Privatsektor. Für Fabian käme die Befristung der Befristung fünf Jahre zu spät: Er arbeitet bereits seit über zehn Jahren mit der Unsicherheit.

Während die große Koalition nur zaghaft an den Befristungsgesetzen schraubt, macht die Stadt Hamburg vor, wie es auch gehen kann. Der rot-grüne Senat hat im April 2017 interne Verwaltungsvorschriften erlassen, die besagen, dass es in städtischen Betrieben, Ämtern und Behörden keine sachgrundlosen Befristungen und nur noch in Ausnahmen sachgebundene Befristungen geben darf. "Wir glauben, dass die Menschen die Möglichkeit haben müssen, aus ihrer Arbeit Lebens- und Zukunftsperspektiven zu bekommen", erklärt der Leiter des Personalamts des Hamburger Senats, Volker Wiedemann. Mit sachgrundlosen Befristungen sei das eben nicht möglich." Dass es in Hamburg besondere Voraussetzungen für diesen Wandel gibt, die es in anderen Ländern oder auf Bundesebene nicht gibt, glaubt Wiedemann nicht: "Wir haben das im Rahmen unserer eigenen Möglichkeiten getan. Ich glaube, das ist ein gutes Beispiel, das auch in der Bundesrepublik Schule machen könnte." Belastbare Zahlen, die die Wirkung der neuen Regelungen widerspiegeln, gibt es zwar noch nicht. Doch eines macht der Hamburger Senat schon jetzt deutlich: Um Befristungen zu reduzieren, braucht es zuerst einmal den politischen Willen.

*Name von der Redaktion geändert

Diese Recherche ist in einer Zusammenarbeit von ZDFzoom mit Correctiv.org entstanden.