Von Greifswald bis an den Bodensee stehen die Thermometer auf 37 Grad und in deutschen Büros ist der Ausnahmezustand ausgebrochen: Die Berliner Bausenatorin schickt ihre Mitarbeiter wegen der Hitze schon nach 14 Uhr in den Feierabend. Einige Gartencenter in Nordrhein-Westfalen kürzen ebenfalls die Arbeitszeiten. Und Start-ups wie das IT-Unternehmen Simficient aus Hannover lassen wissen: Bei ihnen könne jeder arbeiten, wann und wo er will. Ja, auch am See. Oder erst ab Feierabend.

Deutsche Arbeitgeber testen gerade aus, was im Süden Europas jahrhundertlange Tradition und bis heute bewährte Praxis ist: die Siesta, die ausgedehnte Mittagsruhe zwischen 14 und 17 Uhr.

Zu heiß zum Arbeiten?

In Spanien fallen Großteile des Landes zwischen Mittag und 17 Uhr zumindest in der Sommerzeit in einen kollektiven Stillstand: Supermärkte lassen die Rollläden runter, Studenten ziehen sich in den Park zurück, Angestellte schalten die Computer aus. Auch in Süditalien und Griechenland weiß man schon lange, was in Berlin, Stockholm und London bisher belächelt wurde: Bei 37 Grad und 13 Sonnenstunden am Tag kann sich kein Mensch mehr konzentrieren.

Aber kann es wirklich zu heiß zum Arbeiten sein? Ja, sind sich Mediziner und Ökonomen einig.

Extremtemperaturen von über 30 Grad führen zu einer größeren Belastung des Organismus – Menschen schwitzen stärker und der Kreislauf muss mehr arbeiten, um noch die nötige Kühlung zu erreichen. Die Herzfrequenz steigt und so empfinden Beschäftigte ihre Arbeit ab einer Temperatur von 26 Grad als erheblich belastender, das ergab eine Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA).

Die perfekte Wohlfühltemperatur liegt der Studie nach zwischen 23 und 26 Grad, dann erledigen Beschäftigte ihre Arbeit mit dem geringsten Aufwand und der niedrigsten Fehlerquote. Ab 30 Grad dagegen fühlten sich Mitarbeiter angestrengter, weniger leistungsfähig, unbehaglicher und auch deutlich schläfriger. Sie klagten häufiger über Ermüdung. Die Kaufmännische Krankenkasse KKH warnt sogar vor konzentrationsbedingten Unfällen: 63 Prozent aller Unfälle passierten an warmen Tagen.

Ob sich die Temperatur auch tatsächlich messbar auf die Leistung von Angestellten auswirkt, darüber diskutiert die Wissenschaft noch. Umweltmediziner der Harvard Chan School verglichen zwölf Tage lang die kognitiven Leistungen von 44 Studierenden vor, während und nach einer Hitzewelle. Die Forscher fanden heraus, dass Studierende, die zwölf Tage lang der Hitze ausgesetzt waren, bei Wörtertests eine längere Reaktionszeit hatten als ihre Kommilitonen, die in Räumen mit Klimaanlagen die gleichen Aufgaben lösten. Andere Studien ermittelten, dass es zu einem Leistungsabfall komme, wenn mehr als 60 Prozent der Körperoberfläche mit Schweiß benetzt ist. Bei Intelligenztests zeige sich, dass Probanden bei Hitze bis zu zehn IQ-Punkte schlechter abschnitten, vermeldete auch die Gesellschaft für Gehirntraining.

Es drohen Produktivitätsverluste

Wenn die Leistung der Mitarbeiter sinkt, schwächelt auch das Geschäft. Einer Umfrage der Wirtschaftsberatung PWC unter großen und mittelständischen Unternehmen zufolge klagten nach einer großen Hitzewelle im Sommer 2010 rund 20 Prozent der Firmen über Produktionsrückgänge. Zudem vermeldeten 16 Prozent einen erhöhten Krankenstand und jedes fünfte Unternehmen verzeichnete eine höhere Zahl von spontanen Urlaubsmeldungen.

Je mehr sich Nordeuropa erwärmt und je länger die Hitzeperioden dauern, desto größer werden die wirtschaftlichen Einbußen sein. Eine Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung berechnete, dass allein die Stadt Köln bei vier zusätzlichen Hitzetagen über 30 Grad jährlich eine Wertschöpfungsminderung von 26 Millionen Euro hinnehmen müsse. Bei 17 zusätzlichen heißen Tagen wären es 96 Millionen Euro im Jahr. Weltweit könnte das Sozialprodukt sogar bis zum Jahr 2100 um ein knappes Viertel schrumpfen.

Zumindest drohen solche Produktivitätsverluste, wenn im Norden weiter gearbeitet wird wie bisher. Womöglich helfen aber schon Klimaanlagen in den Büros, die Temperatur im Wohlfühlbereich zu halten.

Kältestress ist auch nicht besser

Rund zwei Drittel aller Büroräume in Deutschland sind klimatisiert, schätzen die Forscher vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung in ihrer Köln-Studie. Gesundheitsexperten der Krankenkassen warnen jedoch, dass auch Klimaanlagen die Produktivität ihrer Mitarbeiter beeinträchtigen können: "Der künstlich herbeigeführte Temperatursturz belastet den Körper ähnlich stark wie Wetterextreme", sagt Winfried Plötze, Landesgeschäftsführer der Barmer-Krankenkasse in Baden-Württemberg. Selbst wenn die Temperatur im klimatisierten Büro nur sechs Grad niedriger liege als draußen – was Mediziner dringend als Höchstabstand empfehlen –, gerate der Körper bei jedem Wechsel in eine Art Kältestress, der auf Dauer das Immunsystem schwäche und es anfälliger für Virusinfektionen mache.

Ökonomen der London School of Economics (LSE) empfehlen deshalb ein anderes Gegenmittel: die Arbeitszeiten den Temperaturen anzupassen. Unternehmen, die Nachmittagsarbeit vermeiden, erklärt Helia Costa vom Forschungsteam der LSE, könnten hitzebedingte Leistungsbußen umgehen. An heißen Tag sollten auch Nordeuropäer lieber von 7 Uhr bis Mittags arbeiten und dann noch einmal von 17 bis 20 Uhr, schlagen die LSE-Forscher vor. Schlafmediziner unterstützen den Vorschlag der Londoner Forscher. Die Mittagsruhe sei ein Leistungsbeschleuniger, sagt Charité-Professor Ingo Fietze. Übrigens auch bei niedrigeren Temperaturen.