"Eines Tages, Baby, werden wir alt sein." © Marta Urbanelis

"Ich arbeite letztlich nicht für Geld", sagt die Poetry-Slammerin und Sängerin Julia Engelmann im ZEIT-ONLINE-Podcast Frisch an die Arbeit. Sie habe einfach "eine wahnsinnige Liebe zur Poesie". Die 26-Jährige wurde Anfang 2014 bekannt, als in den sozialen Netzwerken ihr Beitrag beim Bielefelder Hörsaal-Slam viral ging. Angelehnt an das Lied One Day/Reckoning Song des israelischen Folk-Rock-Musikers Asaf Avidan hatte sie ein Gedicht geschrieben und dessen Refrain ins Deutsche übersetzt: "Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein, und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können."

Engelmann, die aus Bremen kommt, studierte zu dem Zeitpunkt Psychologie und war mit dem Auftritt in Bielefeld, dessen Video bis heute knapp 12 Millionen Menschen gesehen haben, eigentlich auf dem vorletzten Platz gelandet. Im Podcast erzählt sie, dass sie die Aufmerksamkeit damals überwältigt habe. Sie sei erst einmal eine Woche ans Meer gefahren, habe ihr Telefon ausgeschaltet und sich sortiert. Ihr Studium brach sie später ab.

"Dichterin stellt einem in der Grundschule ja niemand als Beruf in Aussicht."
Julia Engelmann, 26, Dichterin

Im Rückblick sieht sie den Erfolg des Videos vor allem als riesige Chance: "Ich habe vom Leben eine Einladung bekommen, mehr zu schreiben." Denn auch wenn sie immer schon gerne Gedichte geschrieben habe, erzählt Engelmann, hätte sie nie darüber nachgedacht, hauptberuflich Dichterin zu werden: "Dichterin stellt einem in der Grundschule ja niemand als Beruf in Aussicht", sagt sie. Vor ihrem Studium hatte Engelmann bereits Theater in Bremen gespielt und einige Poetry-Slam-Wettbewerbe gewonnen. Als sie an der Schauspielschule abgelehnt wurde, bewarb sie sich bei der RTL-Soap "Alles was zählt" und spielte zwei Jahre lang eine der Hauptrollen. So habe sie schon früh nicht nur die Fernsehwelt kennengelernt, sondern auch ihr eigenes Geld verdient.

Heute kann sie davon leben, Gedichte zu schreiben, Musik zu machen und ihre Werke zu illustrieren. Sie geht an ihren Beruf heran wie an einen Bürojob. Im Podcast sagt sie: "Im Schnitt sitze ich um 9.30 Uhr am Schreibtisch und arbeite." Sie habe eine Art Familienbetrieb: Ihre Mutter ist ihre Managerin, ihr Vater kümmere sich um die Locations und das Merchandise. "Wir sind ein lyrischer Wanderzirkus", sagt Engelmann. Ob ihr aktueller Erfolg weiter anhalte, sei ihr nicht sonderlich wichtig. Sie freue sich über den Zuspruch, könne sich aber auch wieder vorstellen, Psychologie zu studieren oder einen ganz anderen Beruf zu ergreifen, sagt Engelmann: "Ich könnte auch noch Grundschullehrerin werden."

Das Konzept unseres Podcasts Frisch an die Arbeit fußt auf dem berühmten Fragebogen von Max Frisch – wir haben ihn umgeschrieben und an die Arbeitswelt angepasst. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können den Fragebogen zum Podcast hier auch selbst ausfüllen.