Wem sag ich's? Vor der Frage stehen viele Frauen und Männer, die sexuelle Übergriffe oder Diskriminierung am Arbeitsplatz erfahren haben. Julia Shaw, Gedächtnisforscherin am University College London, erklärt, wie der von ihr entwickelte Chatbot namens Spot dabei helfen könnte.

ZEIT ONLINE: Frau Shaw, Sie haben einen Chatbot entwickelt, der sexuelle Belästigung und Diskriminierung am Arbeitsplatz transparent machen soll. Wie funktioniert das? 

Julia Shaw: Wenn jemand eine negative Erfahrung gemacht hat, von der er berichten möchte, kann er anonym mit dem Chatbot chatten. Der Chatbot arbeitet mit künstlicher Intelligenz. Hat der Nutzer das Erlebte in das Textfeld geschrieben, stellt der Bot detaillierte Nachfragen, etwa: "Du hast ein Meeting erwähnt. Wer war dabei?" Außerdem werden Uhrzeiten und Orte sehr genau erfragt. Am Ende wird das Erlebte in einem PDF zusammengefasst. 

Dr. Julia Shaw, 31, ist Gedächtnisforscherin am University College London, Psychologin und Autorin. Sie beschäftigt sich mit künstlicher Intelligenz und dem menschlichen Erinnerungsvermögen. Mit ihrer Erfindung des Chatbots Spot will sie Belästigung und Diskriminierung transparent machen.

ZEIT ONLINE: Und was macht man dann mit diesem PDF?

Shaw: Die Betroffene kann selbst entscheiden, ob sie das PDF an ihren Arbeitgeber leitet, oder es erst einmal behält, falls noch etwas passiert und sie den Fall weiter dokumentieren möchte. Der Nutzer kann sich aber auch anonym an sein Unternehmen wenden, daraufhin kann der Arbeitgeber Rückfragen stellen. Das ermöglicht einen Austausch zwischen beiden Parteien und die Person bleibt trotzdem anonym.

"Als Opfer weiß man nicht genau, welche Informationen wichtig sind, falls das Erlebte einmal vor Gericht landen sollte."
Julia Shaw, Gedächtnisforscherin

ZEIT ONLINE: Man könnte doch auch einfach selbst aufschreiben, was einem passiert ist. Warum braucht man dafür einen Chatbot?

Shaw: Ich habe als Gedächtnisforscherin immer wieder erlebt, dass unser Erinnerungsvermögen nicht gut genug ist, um präzise Informationen von emotionalen Ereignissen zu speichern. Wir erinnern uns nicht an alle Details, wenn wir zum Beispiel einen sexuellen Übergriff erlebt haben. Und wir trauen uns oft nicht, darüber zu sprechen. Außerdem weiß man als Opfer nicht genau, welche Informationen wichtig sind, falls das Erlebte als Beweisstück benutzt wird. Dafür sah ich großes Potenzial in der künstlichen Intelligenz. Durch gezielte Fragen kann der Nutzer so präzise wie möglich von seinem Erlebnis berichten, ohne sich an fremde Personen wenden zu müssen. 

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Shaw: Ich selbst erinnere mich an einige Erlebnisse, die ich gern erzählt hätte, aber nicht wusste, wie und wem. Die betreffenden Personen hatten ihre Machtposition mir gegenüber ausgenutzt und mich mit Worten belästigt. Als ich mich mit meinen Freundinnen darüber ausgetauscht habe, erzählten manche wirklich schlimme Geschichten. Aber obwohl alle selbstbewusste Akademikerinnen waren, haben alle darüber geschwiegen. Ich habe mich dann gefragt, wie wir die Barrieren runterbrechen können, damit mehr Menschen darüber sprechen. 

ZEIT ONLINE: Wer nutzt Spot?

Shaw: Seit Februar haben über 60.000 Menschen Spot benutzt. Wir beginnen, mit großen Firmen zusammenzuarbeiten, die meisten kommen aus der Medizin, oder Fintechs, aber auch ein Kaffeeunternehmen macht mit, einige Start-ups, eine Dating-App und eine Human Rights Commission. Diese Arbeitgeber machen ihre Mitarbeiter darauf aufmerksam, dass sie über Spot von ihren Erlebnissen berichten können. Aber wie gesagt: Man kann auch privat entscheiden, mit dem Chatbot zu schreiben, das Angebot ist kostenlos.