Da ist zum Beispiel die Geschichte von Kurt, der für ein Subunternehmen eines Subunternehmens eines Subunternehmens der deutschen Bundeswehr arbeitet. Und die Geschichte geht so: Zieht ein Soldat von einem Büro in ein anderes, kann er nicht einfach den Computer über den Flur in das neue Arbeitszimmer tragen. Der Soldat muss ein Formular ausfüllen, das an einen IT-Dienstleister der Bundeswehr geht. Der sichtet den Vorgang und leitet ihn an ein Logistikunternehmen weiter. Das sichtet den Vorgang und beauftragt einen Personaldienstleister. Der sichtet den Vorgang und weist schließlich Kurt per E-Mail an, einen Leihwagen abzuholen und damit Hunderte Kilometer durchs Land zu der Kaserne zu fahren. In der Kaserne packt Kurt den Computer in eine Kiste, trägt sie in das neue Büro des Soldaten, baut ihn dort auf und lässt sich den Vorgang gegenzeichnen. Was für ein Schwachsinn.

Die Wirtschaft scheint durchsetzt von unnützer Arbeit

Und bei Weitem kein Einzelfall. Das sagt zumindest der US-amerikanische linke Vordenker und Ethnologe David Graeber, der die Erfahrungen von Kurt und vielen anderen gesammelt hat. Da sind die Rezeptionisten, die einfach nur dasitzen, damit das Unternehmen etwas hermacht, aber ansonsten völlig unterbeschäftigt sind. Da sind die Softwaremanagerinnen, die den ganzen Tag Fehler ausbügeln, die es gar nicht gäbe, wenn man sie stattdessen dafür bezahlte, richtige Software zu programmieren. Da sind die vielen Mittelmanager, die nichts weiter tun, als für ihre Obermanager Untermanager beaufsichtigen. Wohin man schaut: Unsere moderne und angeblich auf Effizienz gebürstete Marktwirtschaft scheint durchsetzt von unnützer Arbeit. Von Bullshit-Jobs. So nennt Graeber diese um sich greifende Form der Nonsens-Beschäftigung in einem neuen Buch. Es ist ein Begriff mit Sprengkraft, den Graeber da in die Welt trägt. Und der Graeber zum Chefankläger gegen die Bürohirnrissigkeit macht. Was geht da eigentlich vor? Und was lässt sich dagegen tun?

Ein Nachmittag in einem Berliner Hotel. Graeber, etwas zerzaustes Haar, dunkelbraunes Cordjackett, sieht müde aus, drei Tage war der 57-Jährige in Paris, Lesung auf Lesung, ein Interview nach dem nächsten, elf am Tag, um fünf in der Früh ging dann der Flug nach Deutschland, die nächste Station der Lesereise. "Wir sind 99 Prozent" – dieser Slogan, mit dem die Occupy-Wall-Street-Aktivisten nach der Finanzkrise gegen das eine Prozent der Superreichen demonstrierten, war vielleicht seine erfolgreichste Begriffsschöpfung, sagt Graeber, der Vordenker der Bewegung. Aber die Bullshit-Jobs, die kämen dicht danach. Alle Welt will plötzlich von ihm wissen, was es damit auf sich hat.

Graeber selbst war überrascht über die Reaktion, als er vor fünf Jahren in einem kleinen Aufsatz für ein abseitiges, anarchistisches Magazin erstmals über das Phänomen schrieb, ein bisschen als Witz, wie er sagt. Nach kurzer Zeit brach der Server des Magazins unter den vielen Zugriffen zusammen, der Text wurde innerhalb weniger Wochen in ein Dutzend Sprachen übersetzt. Eine Umfrage, die sich auf die Begriffe des Aufsatzes stützte, ermittelt, dass 37 Prozent der Briten der Überzeugung sind, mit ihrer Arbeit keinen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Und Graeber bekam Hunderte Zuschriften. Bekenntnisse von Menschen wie Kurt, die nun die Grundlage des Buchs bilden.

"Ich könnte so eine Art Job schlicht nicht tun."
David Graeber

Eigene Erfahrungen mit Bullshit-Jobs kann Graeber wenige vorweisen und war deswegen auch so schockiert über das, was ihm da berichtet wurde. Nur einmal, als Student, erzählt Graeber, habe er eine wirklich sinnlose Stelle angetreten. Er sollte für einen Pumpenhersteller Marktforschung betreiben und Kundinnen anrufen, die nicht mit ihm hätten reden wollen und wahrscheinlich auch nicht die Wahrheit gesagt hätten. Niemand hätte etwas von dieser Umfrage gehabt, dafür wären unzählige Menschen einfach nur genervt gewesen, Graeber inklusive. Am zweiten Tag, als er die Menschen, die schon am ersten Tag nicht mit ihm reden wollten, wieder anrufen sollte, sei er nach der Mittagspause einfach nicht wiedergekommen. Seine Mütze und Handschuhe habe er an seinem Arbeitsplatz liegen lassen.

Ein Glück für Graeber, Anarchist seit seinem 16. Lebensjahr, dass er Professor für Ethnologie wurde und heute an der London School of Economics lehrt. "Ich könnte so eine Art Job schlicht nicht tun."

"Es ist ja Bestandteil eines Bullshit-Jobs, dass man nicht zugeben kann, dass er Bullshit ist."

Andere müssen es und dürfen über ihr Unbehagen nicht reden. Der immense Zuspruch für seine Wortprägung, so erklärt es sich Graeber, sei ein Ausdruck von Erleichterung: Endlich spricht es jemand aus. "Es ist ja Bestandteil eines Bullshit-Jobs, dass man nicht zugeben kann, dass er Bullshit ist." Das falsche Spiel gehöre zum Stellenprofil. Graeber will nun zumindest eine Sprache liefern, um es benennen zu können.

Arbeit als Dienst an den Mitmenschen

In seinem Buch beschreibt er ausführlich, welches seelische Leid die Nonsens-Beschäftigung verursacht. Es sind die stärksten Passagen. Zermürbend für den Bullshit-Jobber ist nicht allein der Frust darüber, auf welch nutzlose Art er die meisten wachen Stunden des Tages vergeudet, die elende Gewissheit, keine Ursache zu sein und keine Wirkung in der Welt zu haben, "eine direkte Attacke auf die Grundlage des Gefühls, dass man überhaupt ein Ich ist", schreibt Graeber.

Dürfen wir uns über einen Quatsch-Job bei einer guten Bezahlung beklagen?

Die wirklichen Pathologien resultieren jedoch aus der Uneindeutigkeit der Situation. Dürfen wir uns über einen Quatsch-Job als PR-Manager, Unternehmensanwältin, Finanzlobbyistin oder Business-Consultant bei einer derart guten Bezahlung wirklich beklagen? Können Kollegen überhaupt ohne Gesichtsverlust voreinander eingestehen, dass ihre Jobs überflüssig sind? Psychologinnen sprechen von einer Situation, in der das Drehbuch fehlt, es gibt keine kulturellen Vorbilder dafür, wie wir uns zu verhalten haben. Wir bleiben verwirrt zurück. "Ein Galeerensklave weiß wenigstens, dass er unterdrückt wird", schreibt Graeber. Bei einem Bullshit-Jobber ist das nicht so klar. Und so ist man zur Heuchelei verdammt, man muss beschäftigt tun, ohne es zu sein, eine hochanstrengende und zerrende emotionale Arbeit. Das unterscheidet den Bullshit-Job, so Graeber, übrigens auch vom Beruf des Auftragsmörders, ebenfalls eine für die Gesellschaft nicht sonderlich nützliche Tätigkeit. Aber wenigstens eine ehrliche.

Bloß woher kommt all dieser Blödsinn? Graeber erklärt es mit einem System des "Manager-Feudalismus", das sich in den vergangenen Jahrzehnten etabliert hat: Die eigentlich Produzierenden werden kaum noch an ihrer Wertschöpfung beteiligt, ihre Löhne stagnieren, während die Spitze der Beschäftigungshierarchie den Profit einstreicht und in die Schaffung von Stellen für die Lakaien investiert, die mit ihrem geschäftigen Nichtstun einzig dazu dienen, die nächsthöhere Instanz beim geschäftigen Nichtstun wichtig aussehen zu lassen. In den Unternehmen entstehen Hofstaaten mit allerlei Kammerdienern, Narren und Gauklern, die unter sich die Beute aufteilen, die andere erwirtschaften. Graeber illustriert es mit dem Beispiel einer Teefabrik, die er einmal in Frankreich besucht hatte. Weil die Arbeiter nebenher an den Maschinen herumschraubten, ließ sich die Teeherstellung enorm beschleunigten. Die Fabrik steigerte ihren Profit. Doch mit dem Geld wurden nicht etwa neue Maschine gekauft oder Arbeiter eingestellt. Es wurden neue Hierarchieebenen in der Unternehmensleitung geschaffen. Früher gab es einen Chef und einen Personalverantwortlichen, jetzt waren da lauter Abteilungs- und Unterabteilungsleiter, ein System der "Managerunterbelehnung", in der lauter Effizienzexperten in Meetings darüber nachdachten, wie man die Fabrik noch effizienter machen konnte. Am Ende verlegte sie die Produktion einfach nach Polen. Es ist diese Umverteilung von unten nach oben, die den Bullshit-Sektor explodieren lässt.

Der Arbeiter als Anhängsel der Maschine

Originell ist, wie Graeber die ungehinderte Vermehrung der Unsinnsbediensteten auch geistesgeschichtlich herleitet. Sie wird, so seine These, dadurch begünstigt, dass der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream sich von der Arbeitswertlehre verabschiedet hat, aber ihre Geburtsfehler weiter mit sich herumschleppt.

Im 19. Jahrhundert war nicht nur Karl Marx davon überzeugt, dass aller Wohlstand allein aus menschlicher Hände Tun resultiere. Die Mehrheit der Ökonomen vertrat die Auffassung, wonach Arbeit die eigentliche Quelle von wirtschaftlichen Werten sei. Schließlich aber drehten konservative Kräfte die Theorie um: Der Wohlstand geht auf die zurück, die in Fabriken investieren – auf das Kapital also. Die Arbeiter wurden vom Wertproduzenten zum Anhängsel der Maschine. Sie leisten dieser Theorie zufolge damit allenfalls noch mittelbar einen Beitrag zur Gesellschaft. Und so kann man sie heute auch in Büros setzen und Bullshit-Jobs erledigen lassen.

Den Bullshit endlich aussortieren

Die Arbeitswertlehre ließ sich so gut kippen, schreibt Graeber, weil ihr die Vorstellung von Arbeit als Produktion zugrunde lag. Arbeit bedeutet, Dinge herzustellen. Eine Vorstellung allerdings, bei der sich der gesellschaftliche Zweck einer Arbeit leicht ausblenden lässt: Produktion wozu, für wen? Viel besser sei es daher, Arbeit nicht als Produktion zu betrachten – sondern als einen Dienst an den Mitmenschen zu verstehen. Wer so ansetzt, kommt nicht so leicht in die Situation, dass Posten entstehen, deren gesellschaftlicher Sinn fraglich ist.

Beim Gespräch im Hotel hält Graeber seine Kaffeetasse hoch: Kann man die Herstellung so einer Kaffeetasse nicht auch als Dienst an den Mitmenschen begreifen? Man erschafft ein Gefäß ja nicht um seiner selbst willen, sondern damit andere daraus trinken können. Letztlich war auch Produktion immer schon eine Art Dienst. Und sinnvolle Arbeit wäre ein Dienst, der das Leben anderer Menschen verbessert, ihnen mehr Komfort und Freiheit gibt – das könnte ein erstes, sehr allgemeines Kriterium sein, um den Bullshit endlich auszusortieren.

Wie kommen wir nur raus aus der Misere?

In seinem Buch drückt Graeber sich aber auffällig um die Frage herum, wonach sich beurteilen ließe, welche Tätigkeit einer Gesellschaft nützt und welche nicht. Dass dieser Versuch kompliziert, angreifbar, widersprüchlich wäre – geschenkt. Dass Graeber sich aber bei der Definition eines Bullshit-Jobs allein auf die Intuition der Beschäftigten verlassen will, wirkt dann doch etwas sehr zaghaft für jemanden, der von links unser Wirtschaftssystem infrage stellen will. So belässt er es bei einer Begriffsbestimmung, die zirkulär ist: Ein Bullshit-Job ist das, was die betroffenen Beschäftigten für einen Bullshit-Job halten.

Was, wenn ein Job objektiv Bullshit ist, die Betroffenen selbst das aber nicht so sehen?

Damit handelt sich Graeber eine Menge Probleme ein: Was, wenn eine Tätigkeit zwar objektiv Bullshit ist, die Betroffenen selbst das aber aus irgendeinem Grund nicht so sehen? Was, wenn ein Job zwar einen Nutzen hat, er für die Stelleninhaberinnen nur nicht so richtig erkennbar ist und somit irrtümlich zu Bullshit ernannt wird? Wie unterscheidet man lediglich entfremdete Arbeit von wirklich sinnloser Arbeit? Ein bisschen zu nonchalant übergeht Graeber diese Fallstricke. Das stört nicht weiter, solange er die psychischen Qualen zweckloser Arbeit beschreibt. Aber eine reine Selbstbezichtigungsformel funktioniert nicht mehr so gut, sobald man Gesellschaftskritik betreiben will.

Bei der Lesung am Abend im voll besetzen Theatersaal im Haus der Berliner Festspiele erntet Graeber viele Lacher, als er die Absurditäten aufzählt. Leute, die sagten, sie machten in ihrem Beruf eigentlich nichts. Lachen. Er habe ja erst gedacht, diese Leute wollten sich bloß bescheiden geben. Lachen. Aber wirklich, 50.000 Euro fürs Nichtstun. Lachen. Die Anekdoten sitzen. Aber es wird auch schnell klar, dass es nicht um eine Satire geht. Das Problem ist ernst. Wie kommen wir nur raus aus der Misere? Das ist die Frage, die auch die Wortmeldungen aus dem Publikum durchzieht.

Eine Bewegung gegen den Stumpfsinn?

Ein Mann denkt darüber nach, ob man irgendwie das Klassenbewusstsein der Bullshit-Jobber stärken müsste. Oder ob es eine Art Bewegung gegen den Stumpfsinn geben kann? Eine 16-Jährige überlegt, ob wir es nicht machen könnten wie die jungen Spanier und Spanierinnen, die in der Krise massenhaft das Land verließen: Sollten wir uns nicht einfach der Bullshit-Arbeit verweigern und davonziehen?

"Aber wovon leben Sie dann?", hält Graeber auf Englisch entgegen. Als ein origineller Erlöser aus der Stupidität einer Bullshit-Economy präsentiert er sich an dem Abend nicht.

Am Ende fällt ihm im Buch nicht viel mehr ein, als sich der gängigen Mode-Utopie vom bedingungslosen Grundeinkommen anzuschließen – damit jeder, der meint, er mache Nonsens, seinen Job sein lassen kann. Und dann wird das schon. Na gut. Da Graeber eben keinen halbwegs objektiven Maßstab für sinnvolle Arbeit entwickeln und jedem selbst das Urteil über die Bullshittigkeit seines Jobs überlassen möchte, bleibt ihm wohl kein anderer Vorschlag übrig. Lieber hätte man etwas genauer erfahren, wie man eine Wirtschaft so einrichtet, dass sie auf sinnlose Posten verzichtet und für sinnvolle bezahlt.