In seinem Buch beschreibt er ausführlich, welches seelische Leid die Nonsens-Beschäftigung verursacht. Es sind die stärksten Passagen. Zermürbend für den Bullshit-Jobber ist nicht allein der Frust darüber, auf welch nutzlose Art er die meisten wachen Stunden des Tages vergeudet, die elende Gewissheit, keine Ursache zu sein und keine Wirkung in der Welt zu haben, "eine direkte Attacke auf die Grundlage des Gefühls, dass man überhaupt ein Ich ist", schreibt Graeber.

Dürfen wir uns über einen Quatsch-Job bei einer guten Bezahlung beklagen?

Die wirklichen Pathologien resultieren jedoch aus der Uneindeutigkeit der Situation. Dürfen wir uns über einen Quatsch-Job als PR-Manager, Unternehmensanwältin, Finanzlobbyistin oder Business-Consultant bei einer derart guten Bezahlung wirklich beklagen? Können Kollegen überhaupt ohne Gesichtsverlust voreinander eingestehen, dass ihre Jobs überflüssig sind? Psychologinnen sprechen von einer Situation, in der das Drehbuch fehlt, es gibt keine kulturellen Vorbilder dafür, wie wir uns zu verhalten haben. Wir bleiben verwirrt zurück. "Ein Galeerensklave weiß wenigstens, dass er unterdrückt wird", schreibt Graeber. Bei einem Bullshit-Jobber ist das nicht so klar. Und so ist man zur Heuchelei verdammt, man muss beschäftigt tun, ohne es zu sein, eine hochanstrengende und zerrende emotionale Arbeit. Das unterscheidet den Bullshit-Job, so Graeber, übrigens auch vom Beruf des Auftragsmörders, ebenfalls eine für die Gesellschaft nicht sonderlich nützliche Tätigkeit. Aber wenigstens eine ehrliche.

Bloß woher kommt all dieser Blödsinn? Graeber erklärt es mit einem System des "Manager-Feudalismus", das sich in den vergangenen Jahrzehnten etabliert hat: Die eigentlich Produzierenden werden kaum noch an ihrer Wertschöpfung beteiligt, ihre Löhne stagnieren, während die Spitze der Beschäftigungshierarchie den Profit einstreicht und in die Schaffung von Stellen für die Lakaien investiert, die mit ihrem geschäftigen Nichtstun einzig dazu dienen, die nächsthöhere Instanz beim geschäftigen Nichtstun wichtig aussehen zu lassen. In den Unternehmen entstehen Hofstaaten mit allerlei Kammerdienern, Narren und Gauklern, die unter sich die Beute aufteilen, die andere erwirtschaften. Graeber illustriert es mit dem Beispiel einer Teefabrik, die er einmal in Frankreich besucht hatte. Weil die Arbeiter nebenher an den Maschinen herumschraubten, ließ sich die Teeherstellung enorm beschleunigten. Die Fabrik steigerte ihren Profit. Doch mit dem Geld wurden nicht etwa neue Maschine gekauft oder Arbeiter eingestellt. Es wurden neue Hierarchieebenen in der Unternehmensleitung geschaffen. Früher gab es einen Chef und einen Personalverantwortlichen, jetzt waren da lauter Abteilungs- und Unterabteilungsleiter, ein System der "Managerunterbelehnung", in der lauter Effizienzexperten in Meetings darüber nachdachten, wie man die Fabrik noch effizienter machen konnte. Am Ende verlegte sie die Produktion einfach nach Polen. Es ist diese Umverteilung von unten nach oben, die den Bullshit-Sektor explodieren lässt.

Der Arbeiter als Anhängsel der Maschine

Originell ist, wie Graeber die ungehinderte Vermehrung der Unsinnsbediensteten auch geistesgeschichtlich herleitet. Sie wird, so seine These, dadurch begünstigt, dass der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream sich von der Arbeitswertlehre verabschiedet hat, aber ihre Geburtsfehler weiter mit sich herumschleppt.

Im 19. Jahrhundert war nicht nur Karl Marx davon überzeugt, dass aller Wohlstand allein aus menschlicher Hände Tun resultiere. Die Mehrheit der Ökonomen vertrat die Auffassung, wonach Arbeit die eigentliche Quelle von wirtschaftlichen Werten sei. Schließlich aber drehten konservative Kräfte die Theorie um: Der Wohlstand geht auf die zurück, die in Fabriken investieren – auf das Kapital also. Die Arbeiter wurden vom Wertproduzenten zum Anhängsel der Maschine. Sie leisten dieser Theorie zufolge damit allenfalls noch mittelbar einen Beitrag zur Gesellschaft. Und so kann man sie heute auch in Büros setzen und Bullshit-Jobs erledigen lassen.

Den Bullshit endlich aussortieren

Die Arbeitswertlehre ließ sich so gut kippen, schreibt Graeber, weil ihr die Vorstellung von Arbeit als Produktion zugrunde lag. Arbeit bedeutet, Dinge herzustellen. Eine Vorstellung allerdings, bei der sich der gesellschaftliche Zweck einer Arbeit leicht ausblenden lässt: Produktion wozu, für wen? Viel besser sei es daher, Arbeit nicht als Produktion zu betrachten – sondern als einen Dienst an den Mitmenschen zu verstehen. Wer so ansetzt, kommt nicht so leicht in die Situation, dass Posten entstehen, deren gesellschaftlicher Sinn fraglich ist.

Beim Gespräch im Hotel hält Graeber seine Kaffeetasse hoch: Kann man die Herstellung so einer Kaffeetasse nicht auch als Dienst an den Mitmenschen begreifen? Man erschafft ein Gefäß ja nicht um seiner selbst willen, sondern damit andere daraus trinken können. Letztlich war auch Produktion immer schon eine Art Dienst. Und sinnvolle Arbeit wäre ein Dienst, der das Leben anderer Menschen verbessert, ihnen mehr Komfort und Freiheit gibt – das könnte ein erstes, sehr allgemeines Kriterium sein, um den Bullshit endlich auszusortieren.