Irgendwann an einem dieser langen Arbeitstage im Betrieb* stand Martin Siekmann vor seinen Kollegen und konnte nicht mehr mit ihnen sprechen. Die Worte waren da, aber sie kamen nicht raus. Dem Techniker wurde schwarz vor Augen, seine Kollegen riefen einen Arzt. Wenig später fand sich Martin Siekmann mit der Diagnose Burn-out in einer Psychiatrie wieder. Sechs Wochen verbrachte er dort, sollte Abstand gewinnen. Doch als er wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, lief bald alles wieder wie vor seinem Zusammenbruch.

Siekmanns Job war es, die technischen Abläufe im Betrieb zu optimieren. Immer wieder arbeitete er zwölf Stunden und mehr. Anerkennung für seinen Einsatz habe er aber nicht bekommen, sagt er. Stattdessen kämpfte er mit den ständig wechselnden Vorgaben seiner Chefs. "Die Geschäftsleitung hat ihre Vorstellungen immer wieder, teilweise mehrmals täglich geändert", erinnert sich Siekmann. Es folgten zwei weitere Burn-outs, ein Herzinfarkt und mehrere Bandscheibenvorfälle, bis der heute 62-Jährige schließlich sagte: Ich kann nicht mehr arbeiten.

Kopfschmerzen, Erschöpfung, Schlafstörungen

Der Fall von Martin Siekmann, der nicht mit seinem echten Namen in Erscheinung treten möchte, ist ein Extrembeispiel. Doch viele Menschen in Deutschland haben den Eindruck, dass ihr Job sie krank macht. Das zeigt der jetzt in Berlin vorgestellte Fehlzeiten-Report, der vom Wissenschaftlichen Institut der AOK, der Universität Bielefeld und der Beuth Hochschule für Technik Berlin herausgegeben wird. Für den Report wurden im Frühjahr 2018 etwa 2.000 Beschäftigte in Deutschland befragt.

Besorgniserregend viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer klagen in der Umfrage über gesundheitliche Probleme, sie berichten von seelischen und körperlichen Beschwerden: 45 Prozent, also fast die Hälfte der Befragten, leiden unter Erschöpfung. Fast jeder Dritte berichtet von Schlafstörungen. Knapp 30 Prozent fühlen sich ausgebrannt. Für alle diese Leiden macht die Mehrheit der Betroffenen ihren Job verantwortlich. Unter den körperlichen Beschwerden rangieren Rücken- oder Gelenkbeschwerden (52 Prozent aller Beschäftigten) und Kopfschmerzen (35 Prozent) an erster und zweiter Stelle. Auch bei diesen Beschwerden sieht mehr als jeder zweite Betroffene einen Zusammenhang mit seiner Arbeit. Gleichzeitig neigen viele Befragte zu Präsentismus, gehen also krank zur Arbeit: Jeder Fünfte war im vergangenen Jahr gegen ärztlichen Rat am Arbeitsplatz anwesend.

Diese Ergebnisse stehen im Kontrast zu einem Wunsch, den fast alle Befragten an ihren Beruf haben: 94 Prozent sagen, dass ihnen sichere und gesunde Arbeitsbedingungen wichtig seien. Fast genauso viele, nämlich 93 Prozent, geben an, dass es ihnen in ihrem Beruf wichtig ist, etwas Sinnvolles zu tun. Ein gutes Gehalt finden dagegen nur 61 Prozent wichtig. Der Fehlzeiten-Report zeigt, dass Gesundheit und Sinn zusammenhängen: Menschen, die ihren Job als wenig sinnhaft erleben, leiden häufiger als andere unter Beschwerden. Beispielsweise berichten von ihnen 57 Prozent über Erschöpfung – aber nur 33 Prozent derjenigen, die Sinn in ihrer Arbeit sehen.

Außerdem sind Befragte, die Sinn vermissen, deutlich öfter krank: "Je höher die Sinnhaftigkeit ist, desto niedriger sind die Fehlzeiten", sagt Bernhard Badura, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bielefeld und einer der Herausgeber des Fehlzeiten-Reports. Erfüllte Beschäftigte haben im Durchschnitt im vergangenen Jahr an 9,4 Tagen wegen Krankheit gefehlt. Bei den Befragten, die wenig Sinn empfanden, sind die Fehltage mit 19,6 Fehltagen mehr als doppelt so hoch. Beschäftigte, die ihre Arbeit als sinnhaft erleben, verhalten sich zudem langfristig gesundheitsbewusster: Sie neigen weniger häufig zu Präsentismus.

Auch wer Excel-Tabellen ausfüllt, kann Sinn in seiner Arbeit sehen

Das heißt aber nicht, dass nur Feuerwehrmänner, Ärztinnen und Altenpfleger gesund bleiben, und jeder, der in seinem Job vor allem Excel-Tabellen ausfüllt, automatisch krank wird. Es existieren unterschiedliche Sinnquellen im Beruf – und ob jemand seine Arbeit als sinnhaft empfindet oder nicht, sei eine persönliche Bewertung, sagt Badura.

Vielen fehlt die Wertschätzung

Der Fehlzeiten-Report unterscheidet zwischen drei Quellen, aus denen sich Sinn speisen kann: Da ist einmal der gesellschaftliche Nutzen, den Menschen ihrer Arbeit zusprechen – also das Gefühl, dass man etwas Gutes tut oder für ein Unternehmen arbeitet, das der Allgemeinheit nützt. Menschen erleben ihren Job aber auch auf individueller Ebene als sinnhaft, wenn sie zum Beispiel ihre beruflichen Ziele in einem Unternehmen verwirklichen können oder ihre Arbeit immer wieder neue Herausforderungen bietet. Die dritte und laut Fehlzeiten-Report wichtigste Sinnquelle ist das soziale Klima: Über 98 Prozent der Befragten sagten, dass es ihnen wichtig sei, sich am Arbeitsplatz wohlzufühlen. Die allermeisten legen außerdem Wert auf eine gute Beziehung zum Vorgesetzten (93 Prozent) und finden wichtig, dass ein Unternehmen hinter den Mitarbeitern steht (97 Prozent).

Enttäuscht von der Realität im Job

Auf den ersten Blick klingen die Ergebnisse des Fehlzeiten-Reports zu den sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz gar nicht schlecht: So fühlen sich 84 Prozent der Befragten am Arbeitsplatz wohl, 80 Prozent bezeichnen die Beziehung zu ihrem Vorgesetzten als gut und immerhin 69 Prozent erleben ihren Arbeitgeber als loyal gegenüber den Mitarbeitern. Doch weil fast allen Befragten diese Aspekte wichtig sind, sind trotzdem viele Menschen von der beruflichen Realität enttäuscht: Mehr als jeder vierte Befragte, der sich Loyalität von seiner Firma wünscht, vermisst sie. Wenn es 98 Prozent der Beschäftigten wichtig ist, sich wohlzufühlen, aber das nur 84 Prozent erleben, geht der Sinn für manche verloren: Wunsch und Wirklichkeit passen nicht zusammen. 92 Prozent der Befragten ist außerdem wichtig, dass ihre Tätigkeit im Unternehmen Wertschätzung genießt. Doch nur 73 Prozent sagen, dass sie diese Wertschätzung erfahren.

Entscheidend sind also genau die Dinge, die dem Techniker Martin Siekmann fehlten: Anerkennung für die eigene Arbeit, eine gute Beziehung zu den Vorgesetzten. "Es ist nicht immer das Zuviel an Arbeit, das Menschen ausbrennen lässt", sagt daher auch Gesundheitswissenschaftler Bernhard Badura. "Es ist das Zuwenig an Bindung und der Eindruck, gegen die eigenen Überzeugungen und Gefühle anzuarbeiten."

Ein neuer Bürostuhl macht noch nicht gesund

Wenn Unternehmen ernsthaft die Gesundheit ihrer Beschäftigten schützen wollen, müssen sie also darauf achten, dass sie ihre Arbeit als sinnhaft erfahren. Zwar gebe es immer mehr Unternehmen, die ernsthaft und systematisch in betriebliches Gesundheitsmanagement investieren, sagt Bernhard Badura. Aber viele würden eben nicht gezielt die sinnstärkenden Elemente verbessern, sondern etwa auf kostenlose Fitnessstudiomitgliedschaften, Massageangebote oder neue Bürostühle setzen. "Ich kenne ein großes Unternehmen, in dem alle Mitarbeiter eine Art Fitness-Check-up bekommen. Das kostet 250 Euro pro Kopf", erzählt Badura. "Das ist gut gemeint, aber schlecht gemacht. Das Geld ist eigentlich zum Fenster rausgeschmissen." Die gesundheitlichen Beschwerden vieler Beschäftigter könnten nur bekämpft werden, wenn sich die Art zu arbeiten verändere. "Der Kern des Problems sind eine miese Kultur, schlechte Führung und nicht funktionierende zwischenmenschliche Beziehungen." Badura betont, dass es daher vor allem auf die Vorgesetzten ankomme. Sie müssten eine Kultur von Kooperation und Wertschätzung schaffen.  

Der Techniker Martin Siekmann ist nach seinem Zusammenbruch noch mehr als zehn Jahre bei seinem Arbeitgeber geblieben. Er begab sich später erneut in eine Klinik, machte eine Psychotherapie – und wurde schließlich Frührentner. Zwar attestierte ihm vor zwei Jahren ein Psychologe, er sei mit vier Stunden täglich zumindest noch eingeschränkt arbeitsfähig. Siekmann selbst sagt aber, er wolle und könne nicht mehr ins Arbeitsleben zurückkehren. Für ihn habe heute Vorrang, dass er nicht noch kränker werde: "Ich möchte meinen Zustand aufrechterhalten." Völlig gesund werden, dafür sei es zu spät. Siekmann hatte in den vergangenen Jahren viel Zeit, um über die Arbeitswelt nachzudenken und ist verbittert. Er findet: "Der Mensch wird nur noch als Arbeitsmaschine angesehen." Um gesund zu werden, hätte ihm wohl auch kein neuer Bürostuhl oder ein Fitnesskurs geholfen. Aber womöglich eine andere Behandlung durch seine Vorgesetzten.

* Auf Wunsch des Protagonisten haben wir die Information, in welcher Art Unternehmen er beschäftigt war, im Nachhinein aus dem Text entfernt. Er fürchtet, dass ihn Menschen möglicherweise identifizieren könnten.