Fränzi Kühne, Gründerin der Digitalagentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG), hat ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Montag bezahlten Sonderurlaub gegeben, um in Chemnitz gegen rechts zu demonstrieren. Ein Gespräch über die Frage, ob und wie sich Unternehmen politisch positionieren sollten

ZEIT ONLINE: Frau Kühne, Sie sind gerade aus Chemnitz zurück nach Berlin gekommen: Ihre Agentur TLGG hat eine Art Betriebsausflug zum "Wir sind mehr"-Konzert gemacht. Wie kam das?

Fränzi Kühne: Wir haben am Donnerstag beschlossen, dass wir unseren Mitarbeitern die Möglichkeit geben, nach Chemnitz zu fahren, um dort Präsenz zu zeigen. Als Agentur haben wir ein Positionspapier verfasst und 15 Plakate entwickelt. Von unseren 180 Mitarbeitern haben sich 70 gemeldet, sodass wir mit neun Kleinbussen nach Chemnitz gefahren sind. Unsere Plakate waren überall in der Menge zu sehen. Als Agentur Haltung zeigen zu können, hat uns gefreut – und dass sich weitere Agenturen ein Beispiel daran genommen und ihren Mitarbeitern Urlaub gegeben haben, damit sie auch hinfahren können.

ZEIT ONLINE: Sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeinsam zum Konzert gegangen?

Kühne: Wir waren alle geschlossen auf der Veranstaltung. Aber es hat sich vor Ort natürlich verteilt, auch weil wir die Plakate verteilen wollten. Später haben wir uns alle wiedergetroffen, um gemeinsam zurückzufahren.

"Nur zwei von 15 Plakatmotiven trugen das TLGG-Logo"
Fränzi Kühne, Co-Gründerin der Agentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr

ZEIT ONLINE: Sie hatten als Firma ein großes Schild dabei mit der Aufschrift "Torben und Lucie gegen die braune Gefahr", das prominent im Livestream des Konzerts zu sehen war. Das ist manchen als unangenehmes Marketing aufgestoßen.

Kühne: Uns selbst hat bisher eine Gegenstimme auf Twitter erreicht. Mit dem User sind wir in einer Diskussion, die bislang sehr konstruktiv und gewinnbringend ist. Eigentlich hatten wir befürchtet, dass mehr Gegenstimmen kommen und behauptet wird, dass wir das als Marketingkampagne für uns einsetzen. Aber nur zwei von 15 Plakatmotiven trugen das TLGG-Logo. Man kann uns nicht vorwerfen, dass wir Protest als Marketing nutzen. Allerdings wollten wir schon eine Botschaft als TLGG senden. Dass auch Unternehmen Haltung zeigen, finde ich wahnsinnig wichtig.

ZEIT ONLINE: Gab es auch positive Reaktionen?

Kühne: Viele Hunderte. Ich bin komplett überwältigt. Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, sich für Grundwerte und -rechte zu positionieren. Das heißt nicht, dass man gleich linksradikal ist.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Ihr Positionspapier spezifisch für Chemnitz entwickelt?

Kühne: Ja, aber es gibt eine Vorgeschichte zum Positionspapier. Wir haben eine Kampagne zur Bundestageswahl 2017 gemacht: "Sonntags hab ich was Besseres vor". Damals war es schon abzusehen, dass die AfD in den Bundestag einzieht. Wir haben uns gesagt: Wir wollen uns nicht konkret gegen rechts positionieren, aber dazu aufrufen, dass Leute sich äußern und zur Wahl gehen. Deswegen haben wir mit einer Internetseite und verschiedenen Offlineaktionen zur Briefwahl aufgerufen – auch um zu zeigen, dass es sehr einfach ist, an Demokratie teilzuhaben. Vor einem Jahr war unsere Haltung also schon gesetzt, aber verfasst haben wir das Papier erst am Donnerstag.

"Unsere politisch engagierten Mitarbeiter wollen nicht mit Kunden arbeiten, die mit Sexismus oder Rassismus in Verbindung gebracht werden."
Fränzi Kühne

ZEIT ONLINE: Haben Sie durch Ihre Präsenz in Chemnitz neue Kunden oder Aufträge bekommen?

Kühne: Nein.

ZEIT ONLINE: Inwiefern engagiert sich TLGG sonst gegen Rassismus und rechte Gewalt?

Kühne: Für uns sind die Ereignisse in Chemnitz der Anfang, um etwas zu machen und Haltung zu zeigen. Wir hören damit jetzt nicht wieder auf. Außerdem unterstützen viele unserer Mitarbeiter Flüchtlingsinitiativen, indem sie spenden oder sich direkt engagieren.

ZEIT ONLINE: Und tun Sie ansonsten noch etwas als Unternehmen?

Kühne: Wenn wir Neukundenanfragen bekommen, achten wir generell darauf: Was sind das für Kunden? Unsere politisch engagierten Mitarbeiter wollen einfach nicht mit Kunden arbeiten, die mit Sexismus oder Rassismus in Verbindung gebracht werden. Das ist bei uns eine Haltungsfrage.