"Faire Bezahlung ist gut fürs Image" – Seite 1

Die amerikanische Aktivistin und Investorin Natasha Lamb hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern in den USA zu schließen. Apple und Nike haben auf ihre Initiative hin die Gehaltslücke bereits geschlossen.

ZEIT ONLINE: Sie wollen amerikanische Firmen dazu bringen, Frauen und Männern das gleiche Gehalt zu zahlen. Wie machen Sie das?

Natasha Lamb: Durch Aktionärsaktivismus. Die Idee dahinter ist simpel: Jeder Aktionär hat auf der Hauptversammlung nicht nur ein Stimmrecht. Er oder sie kann auch Anträge einbringen, über die die Aktionäre dann abstimmen. Wenn der Vorschlag mehr als 50 Prozent der Stimmen bekommt, muss er angenommen werden. So kann ich als Aktionärin die Unternehmen, in die ich investiere, zu nachhaltigerem, sozialerem Verhalten bewegen. Im Namen der Aktionäre, die wir bei Arjuna Capital betreuen, haben wir bisher 23 Unternehmen in den USA dazu aufgefordert, Zahlen zu ihrer Gehaltslücke offenzulegen.

Natasha Lamb ist Mitgründerin der Vermögensverwaltung Arjuna Capital. Sie hat es sich zum Ziel gemacht, den Gender Pay Gap in Amerika zu schließen. Angefangen hat sie dabei im Silicon Valley. Sie studierte Nachhaltiges Wirtschaften. © Mark Kauzlarich/​Bloomberg/​Getty Images

ZEIT ONLINE: Was genau erhoffen Sie sich davon? Dass Unternehmen Zahlen zum Gehalt von Männern und Frauen veröffentlichen und dann die Lücke schließen?

Lamb: Es kann auch andersherum laufen: Die Unternehmen gleichen zuerst die Löhne an und veröffentlichen dann erst die Zahlen. Deswegen kündigen wir unsere Anträge rechtzeitig an und gewähren in den Anträgen lange Fristen. Oft haben die Firmen ein Jahr Zeit, um zu reagieren. Wir wollen ihnen ja nicht schaden, wir wollen sie besser machen.

"Auf der Hauptversammlung im Frühjahr 2015 haben nur acht Prozent für unseren Antrag zur Offenlegung des Pay Gaps gestimmt. Das war ein Tiefschlag."
Natasha Lamb, Aktivistin und Investorin

ZEIT ONLINE: Und konnten Sie die Mehrheit der Aktionäre für ihr Vorhaben begeistern?

Lamb: Schön wärs. Wir haben uns als erstes Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley vorgenommen, weil es in der Branche am offensichtlichsten ist, dass Frauen benachteiligt werden. Es gibt kaum Frauen, nicht mal in den unteren Gehaltsstufen. Wir haben mit eBay angefangen. Auf der Hauptversammlung im Frühjahr 2015 haben nur acht Prozent für unseren Antrag zur Offenlegung des Pay Gaps gestimmt. Das war ein ziemlicher Tiefschlag.

ZEIT ONLINE: Wie ging es mit eBay weiter?

Lamb: Im Jahr 2015 sind einige Unternehmen das Thema von sich aus angegangen: Das Software-Unternehmen Salesforce kündigte an, das Pay Gap zu schießen, der Webhoster GoDaddy veröffentlichte einen Bericht zu dem Thema. Im Herbst haben dann wir angekündigt, Anträge auf Offenlegung des Pay Gaps bei neun Tech-Unternehmen einzureichen. Bis zu den Hauptversammlungen im Frühjahr 2016 haben sechs der neun Unternehmen von sich aus reagiert und Zahlen veröffentlicht, darunter Intel und Apple. Also haben wir die Anträge zurückgezogen. Nur bei drei Unternehmen kam es zur Abstimmung – darunter wieder eBay. Und diesmal haben wir 51 Prozent der Stimmen bekommen.

ZEIT ONLINE: Was hatte sich geändert?

Lamb: Das Thema wurde nicht mehr nur als eine Frage der Gerechtigkeit, sondern als Frage der Wirtschaftlichkeit betrachtet. Es gibt Firmen, die die Aktionäre beraten, wie sie bei der Hauptversammlung abstimmen sollen. Diese Beraterfirmen haben gesehen, dass einige Tech-Unternehmen den Pay Gap ernst nehmen und dass es schlecht fürs Geschäft wäre, es nicht auch zu tun.

"Firmen, die sich zu gleicher Bezahlung bekennen, ziehen mehr gut qualifizierte Frauen an."

ZEIT ONLINE: Was haben die Unternehmen davon, die Gehälter anzugleichen?

Lamb: Zunächst einmal ist es gut fürs Image: Firmen, die sich zu gleicher Bezahlung bekennen, gelten als modern und fortschrittlich. Sie ziehen mehr gut qualifizierte Frauen an und können sie länger im Unternehmen halten. Schauen Sie sich die Studien an: Mehr Frauen in Führungspositionen bedeuteten höhere Renditen, höhere Gewinnspannen, bessere Performance an der Börse. Das müssen auch die sehen, denen die Gleichbehandlung der Geschlechter an sich völlig egal ist.

ZEIT ONLINE: Das ist das Argument der von Ihnen mitgegründeten Vermögensverwaltung Arjuna Capital: Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit lohnen sich.

Lamb: Ganz genau. Meine Co-Gründer und ich wollen die Welt verbessern. Aber das ist nicht unser Hauptargument. Es geht um Wirtschaftlichkeit. Früher galt Investment als Nullsummenspiel: Du kannst nur gewinnen, wenn ein anderer verliert – Minderheiten, die Umwelt, Frauen. Dabei verliert bei diesem Denken jeder. Wir denken in Win-Win. Was gut für die Umwelt und die Mitarbeiter ist, ist auch gut für unsere Klienten. Wir achten bei der Geldanlage also auf Themen wie Umweltschutz, soziales Engagement. Die Nachfrage nach dieser Art von Investment steigt gerade sehr.

"Wir sind alle sexistisch"

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie auf das Thema Gender Pay Gap gekommen?

Lamb: Naja, ich bin eine Frau, die in einer männerdominierten Branche arbeitet. Ich habe Kinder. Diskriminierung und Sexismus sind überall. Ich habe sie bei Gehaltsverhandlungen erlebt, bei Beförderungen und wenn es darum ging, wegen meiner Kinder mehr Flexibilität im Job zu haben. Sofort wurde mir unterstellt, ich wäre nicht engagiert genug. Jeder, der mich kennt, weiß, wie engagiert ich bin. Viel davon geschieht unterschwellig. Ganz ehrlich, wir sind alle sexistisch, Männer und Frauen. Durch die #MeToo-Bewegung wird uns das langsam bewusst. Mit dem Gender Pay Gap kann ich strukturelle Missstände offenlegen. Da geht es um Zahlen und die sind messbar. Kein CEO kann sich hinstellen und verkünden, dass er findet, Männer und Frauen sollten für gleiche Arbeit nicht gleich bezahlt werden.

"Frauen brechen eine Karriere im Finanzwesen 25-mal häufiger ab als in anderen Branchen."

ZEIT ONLINE: Und inzwischen haben Sie 23 Firmen dazu gebracht, Zahlen zu veröffentlichen?

Lamb: 22 von 23. Nach dem Silicon Valley haben wir uns neun Banken an der Wall Street vorgenommen – vom Boys Club der Westküste zum Boys Club der Ostküste. An der Wall Street gibt es eine Frauenquote von über 50 Prozent. Nur in den Führungsebenen gibt es fast keine. Frauen brechen eine Karriere im Finanzwesen 25-mal häufiger ab als in anderen Branchen. Es hat wieder ein Jahr gedauert, bis die Firmen sich bewegt haben. Aber immerhin haben sich alle neun bewegt. Von allen Unternehmen, die wir angesprochen haben, haben einige die Gehaltslücke komplett geschlossen, darunter Apple und Nike. Andere sind auf einem guten Weg. Nur eine Firma verweigert sich komplett: Walmart. Ein Unternehmen hat die Möglichkeit, gegen einen Antrag bei der Börsenaufsichtsbehörde Beschwerde einzulegen. Walmart hat das wiederholt getan. Mit einer abstrusen Begründung: Unser Antrag dürfe nicht zugelassen werden, weil er gegen sie laufende Verfahren beeinflussen könnte. Walmart wurde nämlich von Frauen verklagt, weil das Unternehmen Männer und Frauen nicht gleich bezahlt. Und dann gibt es natürlich noch den Fall Facebook....

ZEIT ONLINE: Sie hatten eine sehr öffentliche Auseinandersetzung mit Elliot Schrage, Vizepräsident für globale Kommunikation, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit bei Facebook. Wenig später hat Schrage das Unternehmen verlassen. Was ist passiert?

Lamb: Es gab eine Vorgeschichte. Wir hatten Facebook mehrfach dazu aufgefordert, Zahlen zum Gender Pay Gap zu veröffentlichen. In unserem Antrag ging es auch um Transparenz bei Themen wie Fake-News, Beeinflussung der Wahlen, sexuelle Belästigung. Unser Antrag hat drei Jahre in Folge kaum Stimmen bekommen. Im Gegensatz zu anderen Firmen hat Facebook nicht mal mit uns gesprochen. Sie haben uns einfach komplett ignoriert. Bei der dritten Aktionärsversammlung habe ich mich in der Fragerunde gemeldet und die Gruppe auf dem Podium konfrontiert. Da saßen unter anderem Marc Zuckerberg, Sheryl Sandberg und eben Schrage. "Warum sprecht ihr nicht mit uns?" habe ich gefragt. Schrage meinte nur, ich solle später auf ihn zukommen. Als ich später zu ihm ging, sagte er mir ins Gesicht: "Wir sprechen nicht mit Ihnen, weil Sie nicht nett sind". Das muss man sich mal vorstellen! Weil ich nicht nett bin. Ich war total baff. Ich habe ihn noch nach einer Visitenkarte gefragt und er meinte nur: "Ich habe nur noch eine". Das wars.

ZEIT ONLINE: Sie haben das nicht auf sich sitzen lassen und einen Text darüber in der Financial Times veröffentlicht.

Lamb: Ja, dadurch kochte die Geschichte hoch. Wenig später war Schrage nicht mehr bei Facebook. Und hey, inzwischen hat Facebook tatsächlich Zahlen veröffentlicht und verkündet, dass sie den Gender Pay Gap geschlossen haben. Zu den anderen Themen – den Fake-News und der Manipulation der Wahlen – haben sie sich immer noch nicht geäußert. Diese Intransparenz ist schlecht fürs Geschäft – im Juli ist die Aktie abgerauscht und Facebook hat über 100 Millionen Dollar verloren.

"Unser kapitalistisches System ist kaputt. Wir müssen ihm einen Schock versetzen, um die Veränderungsprozesse zu beschleunigen."

ZEIT ONLINE: Facebook hat eine besondere Struktur, die Zuckerberg die Kontrolle über das Unternehmen behalten lässt.

Lamb: Ja, Zuckerberg hat zwei verschiedene Aktientypen eingeführt. Bei Klasse A gibt es ein Stimmrecht pro Aktie, bei Aktien der Klasse B aber 10 Stimmen pro Anteil. Zuckerberg selbst hält die Mehrzahl der Klasse-B-Aktien, während die unabhängigen Anteilseigener Klasse-A-Aktien haben. Das heißt, Zuckerberg hat über 50 Prozent der Stimmen. Anträge wie der unsere haben nie eine Chance auf Erfolg bei der Abstimmung. Außerdem ist Zuckerberg gleichzeitig Vorstandsvorsitzender und CEO. Das ist einfach schlechte Unternehmensführung.

ZEIT ONLINE: Was kommt als Nächstes für Sie?

Lamb: Jetzt wollen wir uns den Median Pay Gap vornehmen. Bisher ging es um die Frage, was Männer und Frauen mit vergleichbarer Qualifikation in vergleichbarer Position verdienen. Der Median drückt aus, wie viel Männer und Frauen durchschnittlich in einem Unternehmen verdienen – und verweist so stärker auf strukturelle Ungleichheit. Der Wert zeigt indirekt an, wie viele Männer und wie viele Frauen in hohen, gut bezahlten Positionen sitzen.

ZEIT ONLINE: Mehr Frauen in Führungspositionen. In Deutschland wird immer wieder über eine verbindliche Frauenquote diskutiert – was halten Sie davon?

Lamb: In einigen Ländern, vor allem europäischen, kann so eine Regulierung gut funktionieren, in den USA eher nicht. Hier zieht das wirtschaftliche Argument eher. Wir sehen, dass das Thema Gender Pay Gap langsam ein Selbstläufer wird, auch andere Firmen ziehen nach. Wir verwenden Europa manchmal als abschreckendes Beispiel gegenüber Unternehmen, Deutschland oder auch Großbritannien, wo im April alle Firmen, die mehr als 200 Mitarbeiter haben, ihren Median Pay Gap veröffentlichen mussten. Im Sinne von: Ihr wollt doch nicht, dass euch das auch passiert. Aber so weit sind wir in den USA noch nicht. Die Idee ist schon verlockend, ein System, das grundsätzlich kaputt ist, durch ein Gesetz zu reparieren. Und unser kapitalistisches System ist kaputt. Wir müssen ihm einen Schock versetzen, um die Veränderungsprozesse zu beschleunigen.