Von der Vielfalt in der deutschen Gesellschaft kommt in Deutschlands Vorstandsetagen nur wenig an: Zum Stichtag am 1. September 2018 waren gerade einmal acht Prozent der Vorstände der 160 deutschen börsennotierten Unternehmen weiblich – und damit nur 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht der gemeinnützigen Allbright Stiftung, der am 1. Oktober vorgestellt wird und ZEIT ONLINE vorab vorliegt. "Es gab einen größeren Zuwachs an Thomasen und Michaels als an Frauen in den deutschen Börsenvorständen", schreiben die Autoren der Studie.

Laut dem Bericht ist in 110 der 160 Börsenunternehmen keine einzige Frau im Vorstand. 79 dieser Firmen würden daran auch nichts ändern wollen: Für die kommenden Jahre haben sie sich entweder kein Ziel gesetzt, den Frauenanteil im Topmanagement zu erhöhen – oder das Ziel null Prozent.

"Es fehlt jemand, der anders denkt und eine frische Perspektive reinbringt."
Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der Allbright Stiftung

"Es sind nicht nur Frauen, die durch die Rekrutierungsschablonen fallen", sagt Stiftungsgeschäftsführerin Wiebke Ankersen. "Die Führungsetagen der deutschen Unternehmen sind unglaublich homogen: 92 Prozent der Vorstände sind Männer. Sie sind überwiegend Mitte Fünfzig und in Westdeutschland ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler." Laut dem Bericht ist der durchschnittliche Vorstand 1965 geboren. 32 Prozent der deutschen Vorstände haben ein Studium im Ausland absolviert, 67 Prozent in West- und nur ein Prozent in Ostdeutschland. Knapp die Hälfte der Vorstände sind Wirtschaftswissenschaftler, weitere 28 Prozent Ingenieure.

"Dass die Vorstände aus sehr ähnlichen Personen bestehen, ist bequem: Sie verstehen sich meist ohne viele Worte und es gibt nur wenig Reibung", sagt Ankersen. "Aber das kann auch gefährlich sein. Denn es fehlt jemand, der anders denkt, der gewohntes Handeln auch mal infrage stellt und eine andere Perspektive reinbringt." In Zeiten der Digitalisierung sei Diversität besonders wichtig, um sich schnell an Veränderungen anzupassen.

Deutschland sei im Vergleich zu anderen Ländern besonders traditionsverhaftet. "Wenn man sich die 30 Dax-Unternehmen anguckt, haben acht noch immer keine Frau im Vorstand", sagt Ankersen. In den USA gäbe es unter den größten 30 Unternehmen nur eins ohne Frauen im Vorstand, in Schweden kein einziges.

In den deutschen Aufsichtsräten, für die seit 2015 eine gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent gilt, ergibt sich ein anderes Bild. Dort lag der Frauenanteil zum 1. September bei 30,5 Prozent – 45 Frauen mehr und 68 Männer weniger als noch vor einem Jahr. "Das zeigt, dass Unternehmen geeignete Frauen finden, wenn sie wollen", sagt Ankersen. "Dass es nicht genug qualifizierte Frauen gibt, die Führungspositionen übernehmen wollen, stimmt einfach nicht."