Das Großraumbüro, so wie die meisten es heute kennen, feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. 1958 entwickelten die deutschen Möbelfabrikanten Wolfgang und Eberhard Schnelle eine sogenannte "Bürolandschaft". Anstatt der zuvor üblichen Schreibtischreihen für Angestellte und Einzelbüros für Führungskräfte gliederten sie den Raum nach Arbeits- und Kommunikationswegen: Pflanzen und Raumteiler trennten die Bereiche voneinander ab. Heute werden solche Bürolandschaften eher Open-Space-Office genannt. Nicht nur Tech-Unternehmen wie Apple, Google und Microsoft schaffen Einzelzimmer größtenteils ab und ersetzen sie durch Großraumbüros mit Bereichen für Teamarbeit, Räumen für Meetings und Sitzecken. Auch deutsche Traditionskonzerne wie Lufthansa, Adidas und Siemens experimentieren mit dem Konzept. Im April dieses Jahres verlegte die Commerzbank ihren Berliner Hauptsitz in ein neues Gebäude. Anders als am alten Standort wird es dort kaum Einzelbüros und feste Schreibtische mehr geben. Stattdessen werden sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich einen Platz suchen. Ist das die Zukunft der Arbeitswelt – oder einfach nur schrecklich? Hier streiten sich zwei Autorinnen darüber, ob Großraumbüros eine Zumutung sind. Oder sogar demokratischer und inklusiver als das Einzelzimmer.

"Großraumbüros sind gut für das Unternehmen – nicht aber für diejenigen, die darin sitzen", sagt Lydia Krüger.

Die größten Fans von Großraumbüros sind diejenigen, die nicht darin arbeiten müssen. Denn wenn in einem Unternehmen die ersten Pläne geschmiedet werden, die Beschäftigten auf einer Fläche zusammenzupferchen, fordern die Führungskräfte für sich selbst gern Einzelbüros. Warum? Ganz einfach: Großraumbüros sind eine Zumutung.

Aus Unternehmenssicht gibt es gute Gründe für die offenen Flächen. Ein Argument ist, teure Mietfläche zu sparen. Denn die Raumnutzung im Großraumbüro ist flexibler: Kommt eine neue Praktikantin hinzu, lässt sich einfach ein Tisch dazustellen. Und auch wenn Teams sich neu organisieren, oder es ein neues Projekt gibt, lässt es sich leichter umbauen. Manche Unternehmen führen gar ein Rotationsprinzip ein, bei dem nicht mehr jeder Angestellte einen festen Arbeitsplatz bekommt. Shared Desk heißt das dann, oder Clean Desk, wenn die Angestellten sich jeden Tag einen neuen Platz suchen müssen. Somit kann das Unternehmen die Plätze von Mitarbeitern, die gerade im Urlaub oder im Homeoffice sind, an andere verteilen. Plus: Im Großraumbüro hat der Chef alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Blick. 

Der offizielle Grund, warum Großraumbüros eingeführt werden, ist natürlich ein ganz anderer: Kürzere Kommunikationswege! Gemeinschaft! Teamwork! Die Glorifizierung des Teams begann mit dem Internet: Aus der Vernetzung der Menschen auf der ganzen Welt gingen beeindruckende Open-Source-Projekte wie Wikipedia, Linux oder Mozilla hervor. Plötzlich galt der Schwarm als der Weisheit letzter Schluss. Und es stimmt: Das virtuelle Netz, das die Welt umspannt, ist beeindruckend innovativ und hat gezeigt, was Teamarbeit bewirken kann. Aber heißt das, dass man auch in der realen Welt Wände einreißen und die Privatsphäre abschaffen muss? Eine Wand ist nicht nur eine Barriere, sondern auch ein Schutz – etwas, das Struktur und Sicherheit schafft.

Komplexe, schöpferische Arbeit erfordert Ruhe

Ironischerweise sind die Größen des Internets Einzelgänger: von Bill Gates bis Mark Zuckerberg. Steve Wozniak entwarf den Prototypen des Apple Computers allein im Cubicle bei seinem Arbeitgeber Hewlett-Packard. (Cubicles sind vor allem in den USA verbreitete Kabuffs, die in Studien sogar noch schlechter abschneiden als Großraumbüros.) "The Woz" bastelte also in einem riesigen Büro an seinem Herzensprojekt – allerdings außerhalb der Arbeitszeiten, als ihn niemand stören konnte.

Dass ausgerechnet kreative Menschen ständigen Austausch bräuchten, ist ein Mythos. Sie brauchen vor allem Ruhe. Gerade geistige Arbeit, bei der es darum geht, komplexe Probleme zu lösen, schöpferisch zu sein und Entscheidungen zu treffen, erfordert Konzentration. Wozniak lobt in seinen Memoiren die Produktivität des Alleinarbeitens. Nur so behalte man die Kontrolle über das Ergebnis. Und überhaupt, nie sei etwas Revolutionäres von irgendeiner Kommission erfunden worden.

Wenn viele Menschen einem Raum sitzen, leidet aber nicht nur die Konzentration, sondern auch die Gesundheit: Viren und Bakterien verbreiten sich schneller. Wer im Großraumbüro arbeitet, meldet sich häufiger krank – haben Forscher der Universität Luzern in einer Studie mit 1.230 Arbeitnehmern rausgefunden. Während die Hälfte der in Einzelbüros arbeitenden Befragten angab, innerhalb eines Jahres nie krankheitsbedingt gefehlt zu haben, waren es in Büros ab 16 Personen schon 30 Prozent.

Auch die Lautstärke in den Büros kann nicht gut für die Gesundheit sein: Sie liegt Messungen zufolge im Schnitt zwischen 60 und 70 Dezibel. Zum Vergleich: Ein Staubsauger in einem Meter Entfernung bringt es auf 70 Dezibel. Häufig sieht man deshalb Angestellte mit Kopfhörern oder gar Ohrenschützern vor dem Rechner sitzen. Wer telefonieren möchte, zieht sich im besten Fall in eine extra dafür designte schallisolierte Telefonkabine zurück, im schlechtesten Fall aufs Klo. Der Mensch kann sich zwar an gleichmäßige Hintergrundgeräusche wie Straßenverkehr gewöhnen, aber in jedem Großraumbüro gibt es diese eine Person mit der durchdringenden Stimme – und da das menschliche Gehör auf Sprachverarbeitung getrimmt ist, kann man Gespräche schlecht ausblenden. Unerwünschte Geräuschkulisse führt zu Ärger, Stress, Schlafstörungen und beeinträchtigt die kognitive Leistungsfähigkeit. Das fanden unter anderem Forscher vom Zentrum für Kardiologie der Mainzer Universitätsmedizin heraus. Schlimmstenfalls könne Lärm zu Bluthochdruck und Schlaganfällen führen, schreiben sie.