Ende Juli bekamen die Mitarbeiter des Sportschuhherstellers Nike eine Mail, die viele überrascht haben dürfte: Für zehn Prozent der weltweit 74.000 Beschäftigten soll es mehr Geld geben, schreibt das Unternehmen darin – "um eine Kultur zu schaffen, in der sich die Angestellten eingebunden und bestärkt fühlen". Es war das Ergebnis eines Aufstands, den es offensichtlich zu Anfang des Jahres in der Konzernzentrale in Beaverton im US-Bundesstaat Oregon gegeben hatte. Frauen im Unternehmen prangerten Sexismus und Diskriminierung an und starteten eine interne Umfrage unter Kolleginnen, die sie der Führung vorlegten. Daraufhin analysierte Nike unter anderem sämtliche Gehälter, um Ungerechtigkeiten zu beseitigen.

Wie viele Beschäftigte in Deutschland bekamen eine Gehaltserhöhung?

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland nach der Analyse eine Lohnerhöhung bekommen, will ein Nike-Sprecher nicht sagen. Um deren Privatsphäre zu schützen, wie er gegenüber ZEIT ONLINE mitteilt. Auf weitere Nachfrage: keine Antwort. Das Thema ist so explosiv, dass Unternehmen offenbar selbst dann schweigen, wenn sie sich für ihr Bemühen um Gerechtigkeit eigentlich öffentlich rühmen könnten.

Bezahlen Firmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fair? Bekommen die Beschäftigten für die gleiche und eine vergleichbare Tätigkeit auch das gleiche Gehalt? Zumindest US-amerikanische Firmen scheinen mehr und mehr ihre Bezahlung auf den Prüfstand zu stellen: Die Citigroup kündigte im Januar an, die Gehälter von Frauen und ethnischen Minderheiten in den USA, Großbritannien und Deutschland anzupassen. Eine interne Analyse hatte ergeben, dass Mitarbeiterinnen 99 Prozent dessen bekommen, was ihre männlichen Kollegen erhalten. Eine kleine Lücke, aber eine, die es zu schließen gelte. Auch Google analysiert die Gehälter regelmäßig und hob zuletzt die Bezahlung für 228 der 63.000 Mitarbeiter an. Kosten: 270.000 Dollar.

In Deutschland findet man dagegen weniger Beispiele dieser Art. Seit Mitte 2018 gilt zwar das sogenannte Entgelttransparenzgesetz, auf das sich die letzte große Koalition nach langem Streit geeinigt hatte. Doch vielen gilt das Gesetz inzwischen als wirkungsloser Papiertiger. Es gibt Beschäftigten in größeren Unternehmen zwar einen Auskunftsanspruch, mit dem sie erfragen können, was vergleichbare Kollegen des anderen Geschlechts verdienen. Als Antwort erhalten sie aber nur einen Mittelwert, der ihnen nicht verrät, ob sie fair bezahlt werden. 

Kein Unternehmen ist gezwungen, die Gehälter zu analysieren

Das Gesetz empfiehlt außerdem, es den amerikanischen Unternehmen wie Nike, Google oder der Citigroup nachzutun: Firmen mit mehr als 500 Beschäftigen sollen überprüfen, ob sie ihre Mitarbeiter auch wirklich gleich bezahlen. Aber auch diese Paragrafen sind unverbindlich. Kein Unternehmen ist gezwungen, solche Feinanalysen zu betreiben. Und wie sie es machen, ist ihnen weitgehend freigestellt. Der Deutsche Juristinnenbund plädierte bei einer Anhörung im Bundestag dafür, die Betriebe zu einem Lohnscheck nach festen Kriterien zu verpflichten – vergeblich. Und nach einer Befragung der Unternehmensberatung Compensation Partner unter 319 Arbeitgebern aller Branchen wollen nur fünf Prozent der Firmen ein vom Familienministerium empfohlenes Verfahren zur Gehaltsanalyse nutzen. 

Und so hängt es weiter von Menschen wie Diana Wienbrandt ab, ob sich Betriebe auf die Suche nach Ungleichheit in der Bezahlung machen. Wienbrandt arbeitet beim Institut für Sozialforschung und berufliche Weiterbildung in Neubrandenburg, einer gemeinnützigen Beratungsgesellschaft. Vor zwei Jahren wollte sie für ein Modellprojekt in Mecklenburg-Vorpommern Firmen finden, die sich in die Karten schauen lassen. Sechs kleine und mittelständische Unternehmen aus der Region konnte Wienbrandt schließlich für den Gehältercheck gewinnen, von der Steuerberatungsgesellschaft mit 15 Angestellten bis zum großen Kommunalbetrieb. Ihr Fazit: Die Ungerechtigkeiten zu erkennen ist die eine Sache – und allein schon mühsam genug. Sie zu beheben, aber eine ganz andere.