Wollen die Mitarbeiter wirklich Gratisobst und einen Tischkicker – oder doch lieber flexible Arbeitszeiten? Peakon hilft Unternehmen, durch Befragungen zu erkennen, was ihre Mitarbeiter wirklich brauchen. Julian Tesche verantwortet den Ausbau des Start-ups in Deutschland und erklärt, warum Personaler und Chefs sich nicht auf ihr Bauchgefühl verlassen sollten – sondern auf Daten.

ZEIT ONLINE: Dass Chefs ihre Angestellten beurteilen, kennt man ja. Warum ist es wichtig, dass auch Mitarbeiter ihrer Firma einmal die Woche Feedback geben?

Julian Tesche: In Zeiten, in denen es 1,2 Millionen unbesetzte Stellen in Deutschland gibt, haben es Firmen schwerer, gute Mitarbeiter zu finden und zu halten. Mitarbeiterbindung wird immer wichtiger. Dafür müssen Chefs verstehen, was Arbeitnehmer denken oder warum manche von ihnen das Unternehmen verlassen. Bei Peakon sehen wir das so: Jeder Mitarbeiter ist Kunde. Und um bestmöglich auf die Kunden eingehen zu können, braucht es ihr Feedback. Zwar gibt es in vielen Unternehmen bereits kostenloses Obst, Rabatte im Fitnessstudio und Sommerfeste. Doch was von alledem bringt wirklich etwas? Die einzig sichere Methode, um das herauszufinden, sind regelmäßige Mitarbeiterbefragungen.

Julian Tesche (28) leitet die Entwicklung von Peakon in Deutschland. Das dänische Unternehmen wurde 2015 gegründet. Inzwischen hat es 130 Mitarbeiter weltweit – und fünf Unternehmenssitze weltweit. © Peakon/Julian Tesche

ZEIT ONLINE: Wie genau funktioniert Peakon?

Tesche: Arbeitnehmer erhalten kontinuierlich einen Fragebogen, beispielsweise einmal pro Woche vier Fragen – per E-Mail, Slackbot, im Intranet oder in einer App. Mit Fragen wie "Bin ich mit unserer Homeoffice-Regelung zufrieden? Bin ich der Ansicht, dass ich mich beruflich weiterentwickeln kann?" können Mitarbeiter komplett anonym und ohne Anmeldung ihr Feedback auf einer Skala von 0 bis 10 abgeben – und es zusätzlich per Kommentar begründen.

ZEIT ONLINE: Wer formuliert diese Fragen?

Tesche: Sie kommen aus unserem standardisierten Pool von über 40 Fragen, die auf psychologischer Forschung beruhen. Damit wollen wir vermeiden, dass die Firmen nur das abfragen, was sie hören wollen – und Themenbereiche, die für sie unangenehm werden könnten, aussparen.

ZEIT ONLINE: Finden es Angestellte nicht stressig, jede Woche Fragen zu beantworten?

Tesche: Die durchschnittliche Antwortrate liegt bei 81 Prozent. Jedes Unternehmen kann außerdem individuell entscheiden, wie oft Mitarbeiter befragt werden. Wir empfehlen wöchentlich, um Probleme schnell anzusprechen und nachzuvollziehen. In vielen deutschen Unternehmen haben Angestellte nur einmal im Jahr die Gelegenheit zu sagen, was ihnen fehlt – bei den Jahresgesprächen. Wenn sie sich dann überhaupt trauen, etwas zu sagen, denn oft ist es nicht einfach, die Probleme bei seinem Chef anzusprechen. Auch kommt es vor, dass Unternehmen vermeintliche Benefits einführen, ohne zu wissen, ob ihre Mitarbeiter das überhaupt wollen.

ZEIT ONLINE: Was war der skurrilste Mitarbeitervorteil, der Ihnen untergekommen ist?

Tesche: Der Jeanstag zum Beispiel. Da verschenkte ein Unternehmen Coupons an die Mitarbeiter, mit denen sie an einem Tag ihrer Wahl Jeans tragen dürfen. Solche Anreize wirken unglaubwürdig. Das ist das Schlimmste, was einem Unternehmen einfallen kann.

ZEIT ONLINE: In Deutschland nutzen über 70 Unternehmen Peakon, darunter Metro und Deutsche Post DHL. Was fehlt Arbeitnehmern in deutschen Unternehmen?

Tesche: Es fällt auf, dass Arbeitnehmer immer stärker nach dem Warum fragen: Wohin führt meine Arbeit? Welches Ziel haben wir eigentlich? Außerdem wünschen sich deutsche Arbeitnehmer schnellere Wege, ihre Meinung zu äußern. Viele Unternehmen hierzulande haben noch immer eine starke Hierarchiestruktur. Das erzeugt Scheu, Feedback zu äußern.

ZEIT ONLINE: Das Vermitteln zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist ja auch die Aufgabe von Betriebsräten. Ist Peakon so etwas wie ein digitaler Betriebsrat? 

Tesche: Nein. Das Tool soll das persönliche Gespräch nicht ersetzen. Aber Peakon kann schon helfen, einen Dialog zwischen Mitarbeiter und Manager entstehen zu lassen. Auch wenn der Manager viel unterwegs ist, kann er mit dem Tool nah am Team sein. Und für Mitarbeiter wird die Schwelle, ihre Sorgen auszusprechen, geringer. Bei einem unserer Kunden, einem Berliner Games-Start-up, haben die anonymen Befragungen ergeben, dass sich nur wenige Mitarbeiter im Großraumbüro wohlgefühlt haben. In persönlichen Gesprächen wurde das jedoch nie genannt. Jetzt kann das Unternehmen gegensteuern und mehr Rückzugsräume zum konzentrierten Arbeiten anbieten.

ZEIT ONLINE: Nutzt Peakon als Unternehmen sein eigenes Tool? 

Tesche: Ja. Wir befragen unsere 130 Mitarbeiter weltweit einmal pro Woche. Auch sie hatten zum Beispiel den Wunsch nach mehr Rückzugsräumen und weniger Lärm. Das haben wir mit einem größeren Büro umgesetzt. Ob die Veränderungen etwas gebracht haben, evaluieren wir in den nächsten Befragungen. 

ZEIT ONLINE: Was sind die Grenzen des Tools?

Tesche: Peakon gibt Einsichten und Aktionsvorschläge. Zusätzlich bieten wir noch Trainingsprogramme, Webinare und Coachings für Führungskräfte an, um gemeinsam mit ihnen eine bessere Führungskultur zu entwickeln. Aber wir haben keinen direkten Einfluss drauf, ob Führungskräfte auf die Vorschläge unzufriedener Mitarbeiter eingehen. Ich finde: Wenn man das Feedback der Mitarbeiter nicht umsetzt, ist das so, als würde man einen Ferrari ungenutzt in der Garage stehen lassen. Aber das kann vorkommen. Da hilft nur noch, das persönliche Gespräch zu suchen – entweder mit dem Vorgesetzten oder dem Betriebsrat.