Werden wir bald alle arbeitslos, weil Roboter unsere Arbeit übernehmen? Eine neue Studie des Weltwirtschaftsforums geht davon aus, dass die Digitalisierung bis 2025 weltweit 75 Millionen Jobs vernichtet – gleichzeitig aber 133 Millionen neue entstehen. Die überwiegende Zahl der Menschen, deren Stellen bedroht sind, könnten also neue und sogar besser bezahlte finden. Das sagt Till Leopold, Ökonom beim Weltwirtschaftsforum und einer der Autoren der Studie.

ZEIT ONLINE: Sie haben in dieser Woche eine Untersuchung über die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine veröffentlicht. Im Moment übernehmen Personen aus Fleisch und Blut demnach noch 71 Prozent aller Arbeitsstunden, bis 2025 arbeiten aber überwiegend Algorithmen, Roboter und künstliche Intelligenzen. Wie kommt man auf solche Zahlen? 

Till Leopold: Erst einmal: Diese Zahlen dienen vor allem der Veranschaulichung. Jeder hat eine Vorstellung davon, wie viele Stunden ein Mensch arbeitet. Bei einem Industrieroboter lässt sich vielleicht auch noch sagen, wie lange er Tag für Tag in Betrieb ist. Bei einer Software oder einem Algorithmus ist das schon nicht mehr so einfach. Aber auch dem kann man sich annähern: Für eine Suche, die Ihnen Google heute in Sekundenschnelle beantwortet, mussten Sie früher vielleicht ein oder zwei Stunden in die Bibliothek gehen. Diese Arbeitszeit übernimmt also die Maschine. So ähnlich sind wir für verschiedene Tätigkeiten vorgegangen. 

Till Leopold ist Ökonom und Projektleiter beim Weltwirtschaftsforum für den Bereich Bildung, Gender und Arbeitssysteminitiativen. Er hat die Studie "The Future of Jobs 2018" mitverfasst . Zuvor war er bei den Vereinten Nationen und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) tätig. © privat

ZEIT ONLINE: Ist die Annahme nicht seltsam, Maschinen seien eigenständige Arbeitskräfte? Sie machen ihren Job auch nur, weil Menschen sie programmieren oder bedienen. 

Leopold: Selbstverständlich. Die Automatisierung konkurriert nicht mit menschlicher Arbeit, sondern erweitert sie. Durch den Einsatz von Maschinen und digitaler Technik werden Mitarbeiter effizienter und können mehr produzieren. Aber die Digitalisierung wird natürlich Auswirkungen auf die Jobs haben und Wirtschaft und Gesellschaft vor große Herausforderungen stellen. Deswegen ist der Versuch sinnvoll, sie zu quantifizieren.  

"Die Digitalisierung macht nicht nur Stellen überflüssig, sondern verändert auch, was ein Job beinhaltet."
Till Leopold, Projektleiter beim Weltwirtschaftsforum

ZEIT ONLINE: Sie schätzen, dass weltweit 75 Millionen Stellen bis 2025 verloren gehen. Welche werden das sein? 

Leopold: In der Industrie ist der Einsatz von Robotern weit fortgeschritten. Maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz dürften aber dafür sorgen, dass sich künftig auch viele Bürotätigkeiten leicht automatisieren lassen. Routineaufgaben zum Beispiel in der Buchhaltung können bald von kluger Software bewältigt werden. Die Digitalisierung macht nicht nur Stellen überflüssig, sondern verändert auch, was ein Job beinhaltet. Wo der Computer Routineaufgaben übernimmt, entstehen vielleicht neue Freiräume für Kreativität und strategisches Denken. Manche Jobs werden dadurch aufgewertet, sie werden interessanter und gewinnen an Ansehen. Andere drohen abgewertet zu werden oder verschwinden ganz. 

ZEIT ONLINE: Es gibt immer wieder alarmistische Studien, die vor einer neuen Massenarbeitslosigkeit warnen – deren Aussagekraft man aber oft bezweifeln darf. Ihre Untersuchung beruht auf einer Befragung von Personalverantwortlichen in multinationalen Großunternehmen, die auch nur spekulieren können, was die Zukunft bringt. Was macht Sie so sicher, dass man deren Urteil trauen kann? 

Leopold: Völlig richtig, die Einschätzungen der Firmen können sich jederzeit wieder ändern. Unsere Studie zielt gerade auch darauf ab, das Bewusstsein für bessere Lösungsansätze bei den Firmen zu schärfen. Trotzdem sind die Personalverantwortlichen in den Unternehmen mit am ehesten in der Lage, die Entwicklung abzuschätzen. Das liegt auch daran, dass sie in den vergangenen Jahren mehr Befugnisse dazugewonnen haben und zunehmend strategisch planen, welche Weiterbildungen nötig sind und in welchen Bereichen eingestellt wird und in welchen nicht.  

"Es wird Jobs geben, die wir uns bisher noch gar nicht vorstellen können."

ZEIT ONLINE: Welche neuen Jobs bringt die Digitalisierung? 

Leopold: Eine Warnung vorweg, denn hier bewegen wir uns auf sehr spekulativem Terrain. Es wird Jobs geben, die wir uns bisher noch gar nicht vorstellen können. Aber viele dieser Tätigkeiten dürften sich damit beschäftigen, neue Technologien einzuführen und zu kontrollieren. Studien zufolge hat zum Beispiel bisher der gesamte Bereich der App-Entwicklung EU-weit mehr als zwei Millionen Stellen gebracht. Das ist eine Menge. In unserer Untersuchung überwiegt der Optimismus: Den 75 Millionen Jobs, die wegfallen, stehen 133 Millionen neue gegenüber.  

Was macht Sie so zuversichtlich?

ZEIT ONLINE: Die Bürokraft, die ihre Stelle verliert, dürfte es wenig trösten, dass dafür drei neue App- oder Was-auch-immer-Entwickler eingestellt werden. 

Leopold: Das ist bei allem Optimismus eine zentrale Frage an: Hätten diejenigen, deren Jobs bedroht sind, auch die Qualifikation für neue Tätigkeiten? Unsere Antwort: Überraschend oft ja.  

ZEIT ONLINE: Was macht Sie so zuversichtlich?  

Leopold: Wenn man einmal hinter die Stellenbezeichnungen schaut und sich genauer ansieht, welche einzelnen Tätigkeiten die Beschäftigten ausführen, tun sich schnell ganze neue Einsatzfelder auf. Dann entdeckt man, dass ein Job überraschend viele Überschneidungen mit anderen Jobs hat.  

"Mit der richtigen Weiterbildung hätte der durchschnittliche US-Arbeitnehmer 48 mögliche andere Jobs, in die er wechseln könnte."

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel? 

Leopold: Wir haben Anfang des Jahres dazu eine Studie mit Daten aus den USA gemacht. Mit der richtigen Weiterbildung hätte der durchschnittliche US-Arbeitnehmer 48 mögliche andere Jobs, in die er wechseln könnte. Bei der Hälfte könnte er sogar ein höheres Gehalt erwarten. Ein Angestellter in der Buchhaltung hätte die Möglichkeit, als Makler oder Bibliothekar zu arbeiten. Ein Lkw-Fahrer könnte durch Umschulung zum Kranführer oder auch Seemann werden. Ein Einkäufer könnte Onlinehändler und schließlich Webadministrator werden. 95 Prozent der US-Amerikaner, deren Stelle durch die Digitalisierung bedroht ist, könnten mit entsprechenden Schulungen eine neue, interessantere und sogar besser bezahlte Arbeit finden. Das ist enorm.   

ZEIT ONLINE: Ihre aktuelle Studie macht nicht unbedingt Mut, dass das auch passiert. Die befragten Firmen sagen zwar, 54 Prozent der Belegschaft müssten für die Digitalisierung geschult werden. Die entsprechenden Kurse wollen sie aber nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Schlüsselpositionen anbieten. Der Rest wird also einfach entsorgt? 

Leopold: Hier einen besseren Ansatz zu finden ist in der Tat eine der zentralen Herausforderungen. Übrigens auch für die Firmen selbst, die ja gar nicht wissen können, ob sie die richtigen Menschen für die richtigen Tätigkeiten weiterqualifizieren. Es braucht ein breites gesellschaftliches Bündnis, um Umschulungen zu organisieren. Nur dann kann man verhindern, dass die Digitalisierung eine Kluft auf dem Arbeitsmarkt reißt. In Dänemark engagieren sich zum Beispiel die Gewerkschaften sehr stark in der Weiterbildung. In Singapur gibt es ein spezielles Programm, bei dem die Kurse von der Regierung kofinanziert werden.  

ZEIT ONLINE: Wie sieht es in Deutschland aus? 

Leopold: In unserer Befragung hat sich gezeigt, dass deutsche Unternehmen besonders stark in die Automatisierung investieren wollen. Sie sind gleichzeitig auch am optimistischsten, dass sie dadurch neue Stellen schaffen werden. Aber zurücklehnen kann sich kein Land. Auch in Deutschland muss noch viel mehr für die Weiterbildung getan werden.