In Grüppchen stehen die Schäfer zusammen und stützen sich auf lange Stäbe, ihre Schäferschippe, das Wahrzeichen und Werkzeug der Schäfer. Sie tragen Filzhüte, Trachtenjacken und Lederwesten in Wald-und-Wiesen-Farben, die Füße stecken in gülleresistenten Stiefeln. Eine Mischung aus Stall- und Zigarettengeruch markiert die Autorität ihres inneren Zirkels.

Heldenfingen auf der Schwäbischen Alb. Hier findet Ende September das Bundesleistungshüten statt, so etwas wie die deutsche Meisterschaft für Schäfer und ihre Hunde. Aus allen Bundesländern reisen sie alle vier Jahre an, um sich zu messen. Wer antritt, hat zuvor die Auswahl zu Hause gewonnen.

Joshua Seeberger ist 26 Jahre alt, seit ein paar Wochen darf er sich der beste Schäfer Baden-Württembergs nennen. Dass ein so junger Schäfer die Landesauswahl gewonnen hat, ist ungewöhnlich, der Beruf hat große Nachwuchssorgen. Beim Bundesleistungshüten an diesem Wochenende ist Seeberger mit der Teilnehmerin aus Nordrhein-Westfalen der Jüngste, beide sind Mitte Zwanzig. Der Altersdurchschnitt der anderen liegt bei knapp 60 Jahren. Im Publikum sind viele junge Familien und Schäferinnen und Schäfer aus ganz Deutschland, bis zu 5.000 Besucher erwartet der Veranstalter, die Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände. 

600 Mutterschafe, sieben altdeutsche Hütehunde und eine Schar Gänse

Seeberger steht mit Hut und Schäferhemd auf der Weide vor einem Gehege und schwenkt seine Schäferschippe, sein wichtigstes Werkzeug. Vor ihm eine Herde mit 300 Schafen. Die Aufgabenstellung: Seeberger und sein Hund Ilyas müssen die Tiere auf eine Weide führen, zunächst auf einem engen Stück grasen lassen, dann entlang eines markierten Weges und um eine scharfe Ecke herum geleiten, schließlich über eine Brücke auf ein weites Feld, und an fahrenden Autos vorbei zurück ins Gehege. Drei Richter bewerten die Arbeit der beiden.

Wenn er nicht um die Wette Schafe hütet, arbeitet Seeberger als angestellter Schäfer. Sein Hof liegt in einer Talsenke außerhalb der Stadt Baden-Baden, zwischen Weinbergen und Obstwiesen. Er gehört der Schäfermeisterin Ute Svensson. Hier leben sie und ihr Mann, eine Auszubildende und Seeberger gemeinsam mit 600 Mutterschafen, sieben altdeutschen Hütehunden, mehreren Ponys und einer Schar Gänse. Seeberger bewohnt nahe des Hofs einen Wagen, wie man ihn von Wanderzirkussen kennt.

Hier wohnt Schäfer Joshua steht auf einem handgemalten Schild an seinem Wohnwagen. Drinnen singen Tocotronic von Teenage Riot im Reihenhaus, im Bücherregal steht der Steppenwolf und Seeberger hantiert mit der Espressokanne. Draußen vor dem Wagen ist eine kleine Veranda angebracht, am Geländer verweisen sterbende Kräuter darauf, dass auch des Schäfers Fürsorgebewusstsein Grenzen kennt.

Seeberger sieht so aus, wie man sich einen jungen Schäfer vorstellt: schwere Stiefel, Zimmermannshose, dazu ein sonnengebleichtes T-Shirt, im Sommer ein Hut, im Winter Wollpulli und Wachsjacke. Seine breiten Schultern verraten mehr über die Arbeit als seine Hände. Die sind erstaunlich weich, auf seiner Nase sitzt eine filigrane Brille. Das lockige Haar trägt er kurz wie die Schafe ihr Sommerfell.

Dass er Schäfer geworden ist, hätte er sich nach der Schule nicht vorstellen können. Seeberger wuchs in der Nähe von Erlangen auf und kommt aus einer Theaterfamilie. Nach dem Abitur auf der Waldorfschule wollte er an der Ernst-Busch-Schule in Berlin Puppenspiel studieren. Heute wäre ihm das Leben in der Großstadt zu eng. Mit seiner Biografie ist er unter Schäfern aber kein Außenseiter. "Wir Schäfer sind ein bunter Haufen," erklärt er. Es gebe viele Quereinsteiger, immer mehr Frauen und die meisten hätten heute Abitur. Dass er Tierwirt mit Fachrichtung Schäferei geworden ist – so heißt der Ausbildungsberuf – habe er seinem Onkel zu verdanken. Bei ihm auf dem Hof, bei Wind und Wetter auf der Weide und umgeben von freundlichen Wiederkäuern, fühlte Seeberger sich frei. Ein Praktikum führte ihn zu den Schafen.

Wenn der Schäfer von seiner Arbeit erzählt, wählt er seine Worte, als würde er seinen Schafen voraus über eine Hängebrücke gehen: tastend, die Sätze prüfend wie morsche Holzplatten unter den Füßen. Oft hält er inne, dreht lieber eine Zigarette, ungewohnt lange ist sein Schweigen. In der Nachdenklichkeit ist die Hingabe eines jungen Menschen zu erahnen, der sich ganz einer Aufgabe widmet, ohne darüber viel sprechen zu müssen.