Auf den ersten Blick erinnert die App Ohlala an Tinder: Eine kurze Daumenbewegung auf dem Smartphone reicht, um einen User zu liken – oder ihn abzulehnen. Frauen können durch die Profile der Männer scrollen, sich deren Fotos und die knappen Zeilen darunter anschauen. Doch anders als bei Tinder nutzen die Männer das Textfeld nicht, um mit Sprüchen oder Selbstbeschreibungen von sich zu überzeugen. Stattdessen formulieren sie Erwartungen an das Treffen. Und den Preis, den sie bereit sind zu zahlen.

"Einfach einen entspannten Abend, was zusammen trinken, lachen, Spaß haben", so stellt sich ein User sein ideales Date vor. 150 bis 250 Euro bietet er der Frau, die mit ihm ausgeht. Die meisten anderen Nutzer haben weniger romantische Vorstellungen von dem Treffen: "Von A bis O soll alles geboten werden", schreibt einer. Viele beschreiben explizite Sexszenarien. Die allermeisten User wünschen sich knapp "Ohlala" – ein Euphemismus, der in der App für Sex benutzt wird.

"Ich habe mit den Prostituierten gesprochen und fand den Straßenstrich sehr ineffizient."
Pia Poppenreiter, 30, Gründerin von Ohlala

Gefällt einer Frau das Angebot, kann sie die Option "auf Mann bewerben" antippen. Erst dann bekommt der männliche Benutzer ihr Profil zu sehen. Bei gegenseitigem Interesse können sie ausmachen, wann sie sich treffen, was sie dort genau machen und wie viel Geld dabei fließt. Da die meisten Benutzer angeben, Sex im Tausch gegen Geld zu suchen, könnte man auch sagen, Ohlala ist eine App für Prostitution – auch wenn die Ohlala-Gründerin Pia Poppenreiter, 30, dieses Wort vermeidet. Sie selbst sagt, die Treffen, die über Ohlala zustande kommen, seien nichts anderes als Verabredungen über Datingapps, "nur die Erwartungshaltung ist geklärt".

Poppenreiter war Mitte zwanzig und gerade mit dem Master in Wirtschaftsethik fertig, als sie beschloss, eine App auf den Markt zu bringen, die bezahlte Treffen zwischen Frauen und Männern vermittelt. Nach einer Nacht in einer Berliner Bar lief sie an Prostituierten auf der Oranienburger Straße in Berlin vorbei. "Ich habe mit ihnen gesprochen und fand den Straßenstrich sehr ineffizient", sagt sie heute. Sie ließ sich von Sexarbeiterinnen und Prostituiertenorganisationen beraten und launchte 2014 zusammen mit Florian Hackenberger Peppr. Die App bringt Escorts und Freier zusammen, bekam viel Presse – war aber wenig erfolgreich. Ein Jahr später stieg Poppenreiter wieder aus, Hackenberger ist heute der Geschäftsführer von Peppr.

2015 gründete Poppenreiter Ohlala. Diese App versucht sie nun als eine Plattform für die Frau und den Mann von nebenan zu vermarkten, die ein Abenteuer erleben wollen, und das Geld fließt wie nebenbei. Anders als bei der Vorgängerapp können bei Ohlala nur Männer Kunden und Frauen Dienstleistende sein. Die Erfahrung bei Peppr war, dass "kaum Frauen für Dates zahlen". Über die Nutzerzahlen von Ohlala will Pia Poppenreiter nichts sagen, nur so viel: "Täglich werden Dates im niedrigen vierstelligen Bereich ausgemacht."

Vor allem die Indoor-Prostitution hat sich durch soziale Netzwerke verändert

Das ist ein winziger Bruchteil einer Branche, deren Umsatz das Statistische Bundesamt auf 14,6 Milliarden Euro schätzt. Dennoch ist Ohlala eines der vielen Beispiele dafür, wie das Internet, soziale Netzwerke und Smartphones die Sexarbeit verändern. "In Deutschland hat sich Prostitutionswerbung von Printanzeigen zu großen Teilen auf Onlineplattformen verlagert", schreibt Nicola Döring in dem Papier Prostitution in Deutschland: Eckdaten und Veränderung durch das Internet.

Döring leitet das Fachgebiet für Medienpsychologie und Medienkonzeption an der Technischen Universität Ilmenau. Vor allem die Indoor-Prostitution – also Sexarbeit in Wohnungen, Bordellen sowie Escortservices – habe sich verändert, schreibt sie. Statt über Kleinanzeigen in lokalen Medien oder in speziellen Sexmagazinen zu werben, könnten Prostituierte Websites betreiben, bezahlte Onlineanzeigen auf Prostitutionsportalen schalten oder Profile auf Social-Media-Plattformen pflegen. Letzteres kann zum Beispiel ein Profil bei Facebook sein oder ein Account bei spezialisierten Plattformen.