Der Aktivist und Autor Tobi Rosswog plädiert für ein Leben ohne Arbeit. Er meint: Die meisten Menschen würden sich dann schon eine sinnvolle Tätigkeit, die zum Gemeinwohl beiträgt, suchen. Warum, erklärt er im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Rosswog, Sie fordern in Ihrem neuen Buch, die Lohnarbeit abzuschaffen. Warum?

Tobi Rosswog: Das Argument "Hauptsache Arbeitsplätze schaffen" wirkt sich eher zerstörerisch auf unsere Mitmenschen und die Umwelt aus. Wir bauen beispielsweise Waffen für die Rüstungsindustrie und verteidigen das auch noch, weil ja immerhin Arbeitsplätze geschaffen werden. Ein weiterer Punkt ist, dass Arbeit zu blindem vorauseilendem Gehorsam führt. Wir leben in einer Welt, in der wir von unserer Arbeit abhängig sind. Sobald ich den Arbeitsvertrag unterschrieben habe, tue ich alles, was die Arbeitgeberin von mir verlangt. Vor allem aber: Arbeit ist fremdbestimmt, kann sinnentleert sein, ausbeuterisch und kann krank machen. Ohne sie hätten wir endlich die Freiheit, das zu tun, was wirklich sinnvoll ist.

"Wir müssen uns in einen Prozess begeben, in dem wir einfach mal ausprobieren, welche Jobs es wirklich braucht. "
Tobi Rosswog, Aktivist und Autor

ZEIT ONLINE: Arbeit kann aber auch ganz im Gegenteil inspirierend, erfüllend und bereichernd sein, meinen Sie nicht?

Rosswog: In ganz wenigen privilegierten Fällen mag das der Fall sein. Doch wie kam es dazu? Wenn ich eine Arbeit habe, die mich erfüllt, dann nur, weil ich mich im Konkurrenzkampf gegen andere durchgesetzt habe. Und mit dem Wissen, dass für meinen Aufstieg unweigerlich eine andere Person absteigen musste, kann meine Arbeit doch gar nicht mehr so sinnerfüllend sein, oder?

ZEIT ONLINE: Wie soll eine Gesellschaft ohne Arbeit funktionieren?

Rosswog: Die Abschaffung von Lohnarbeit kann natürlich nicht von heute auf morgen passieren. Das ist ein Prozess. Am Anfang muss sich jeder Mensch selbst fragen: Was brauche ich wirklich? Wenn ich weniger Geld für Konsum ausgeben kann, kann ich auch weniger arbeiten. Dann habe ich mehr freie Zeit, in der ich mich frei entfalten und mich mit wirklich sinnvollen Dingen befassen kann. Es wird Leute geben, die Lust verspüren werden, ein Brot zu backen oder auf dem Feld tätig zu sein. Wir werden aus der intrinsischen, also inneren Motivation tätig werden – und diese Tätigkeit, ich sage absichtlich nicht Arbeit, werden wir nicht zu Geld machen, sondern der Gesellschaft frei zur Verfügung stellen. Auf gesellschaftlicher Ebene müssen wir uns fragen, welche Tätigkeiten wir wirklich brauchen – und welche Bullshit sind.

ZEIT ONLINE: Also Jobs, die nur zum reinen Selbstzweck existieren und keinen Sinn erfüllen. Wer entscheidet denn, welche Berufe nützlich für die Gemeinschaft sind und welche nicht?

Rosswog: Zugegebenermaßen ist das nicht ganz einfach. Es gibt keine Liste, auf der alle Bullshitjobs stehen. Wir müssen uns in einen Prozess begeben, in dem wir einfach mal ausprobieren, welche Jobs es wirklich braucht. Eine gute Frage dafür ist: Was würde sich verändern, wenn es den Beruf X nicht mehr geben würde? Was würde sich zum Beispiel verändern, wenn es keine Marketingexperten mehr gäbe. Ich glaube: Das wäre nicht so schlimm. Was würde sich aber verändern, wenn es keine Reinigungskräfte mehr gäbe? Die Auswirkungen würden wir ziemlich schnell merken.

ZEIT ONLINE: Reinigungskräfte üben also eine sinnvolle Arbeit aus. Wer noch?

Rosswog: Sinnvoll ist, wenn man selbstbestimmt und aus einem inneren Drang das tut, was uns und andere weiterbringt. Alles, was sich beispielsweise hinter den sogenannten Care-Tätigkeiten versteckt. Die Gärtnerin, der Krankenpfleger, die Ärztin –  sie tragen sinnvoll zu einer Gesellschaft bei und sind existentiell notwendig.

"Wahrscheinlich wird es immer ein paar Menschen geben, die lieber nichts tun."

ZEIT ONLINE: Wenn Arbeit nur noch auf Freiwilligkeit basiert, möchten dann überhaupt genug Leute als Reinigungskräfte oder Krankenpflegerinnen arbeiten?

Rosswog: Wahrscheinlich wird es immer ein paar Menschen geben, die lieber nichts tun. Ich glaube aber, sie wären in der Minderzahl. Aber es ist auch kein Problem, wenn sie nichts tun, weil wir in Fülle leben. Mangel ist ein kapitalistisches Konstrukt. Im Prinzip ist genug da.

ZEIT ONLINE: Bis jetzt sind das alles sehr theoretische Ansätze. In Ihrem Buch machen Sie auch ganz konkrete Vorschläge für ein arbeitsfreies Leben. Wie sehen die aus?

Rosswog: Auf individueller Ebene können wir uns Gedanken über Arbeitszeitverkürzung und Karriereverweigerung machen. Damit haben wir mehr freie Zeit und können uns Sinn- und Machtfragen stellen. Auf gesellschaftlicher Ebene ist die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens – oder noch besser: des Grundauskommens – wichtig, weil es Menschen einen leistungsfreien Selbstwert zuspricht und damit Existenz von Tätigkeit entkoppelt.

ZEIT ONLINE: Ist der Vorschlag, die eigene Arbeitszeit zu reduzieren, wirklich so einfach umzusetzen? Es gibt Arbeitsverhältnisse, in denen Menschen sehr viel arbeiten und trotzdem gerade so ihre Existenz sichern können.

Rosswog: Mir ist schon bewusst, dass sich das Buch erst mal an eine Zielgruppe richtet, die eher privilegiert ist. Diese hat aber die Möglichkeiten, schon einmal damit zu beginnen, andere Wege zu gehen.

ZEIT ONLINE: Sie selbst bezeichnen Ihr Leben als arbeitsfrei. Wie sieht das aus?

Rosswog: Ich halte 100 Vorträge und Workshops im Jahr und bin nebenbei noch aktivistisch tätig. Jetzt gerade zum Beispiel im Hambacher Wald. Generell schaue ich immer, an welchen Orten ich mich sinnvoll für die sozial-ökologische Transformation einsetzten kann. Ich lebe nach dem Motto "Arbeit? Nein danke. Faul sein? Keine Lust." Das Geld, das ich ab und zu für die Vorträge bekomme, nutze ich nur zum Teil selbst und decke damit meine Ausgaben, etwa die Krankenkassenbeiträge. Den großen Teil gebe ich aber weiter, beispielsweise an Gruppen wie das Klimacamp.

"Für Lebensmittel habe ich schon seit zehn Jahren kein Geld mehr ausgegeben."

ZEIT ONLINE: Und wie finanzieren Sie Ihre Miete und die Lebensmittel?

Rosswog: Im Grunde sind meine einzigen Fixkosten die Krankenversicherung. Deshalb haben wir mit 15 Freunden und Freundinnen das "Kollektiv für gelebte Utopie" gegründet. Wir haben eine gemeinsame Ökonomie. Wenn Geld reinkommt, dann fließt es in eine Kasse. Aus dieser kann man sich das Geld nehmen, das sie oder er braucht. Pro Person sind das im Monat rund 350 Euro. Miete müssen wir nicht zahlen. Das Haus wird von Leuten finanziert, die freiwillig einen Beitrag zahlen – egal, ob sie da wohnen, oder nicht. Für Lebensmittel habe ich schon seit zehn Jahren kein Geld mehr ausgegeben, ich containere lieber. Wenn ich auf Vortrags- und Lesereisen bin, schlafe mal hier, mal dort.

ZEIT ONLINE: Was passiert mit den Einnahmen Ihres Buches?

Rosswog: Das ist ein Punkt, der mir ganz wichtig ist. Die bekomme nicht ich, sondern das Kollektiv für gelebte Utopie. Mit dem Geld sollen Immobilien gekauft werden, in denen Menschen ohne Mietzwang leben können.