Ein beliebter Witz über Deutsche beim Arbeiten geht so: "Wie viele Deutsche braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln? Einen. Sie sind effektiv und haben keinen Humor." Böses Klischee oder steckt ein Körnchen Wahrheit darin? Das können am besten Menschen aus anderen Kulturen beurteilen, die hier einen Job gefunden haben. In Deutschland leben 13,1 Millionen Ausländer und Menschen mit einer Migrationserfahrung. Wir haben fünf von ihnen gefragt, wie es sich hierzulande arbeitet.

Grant Yun Cheng, 49, kommt aus China und lebt seit 1995 in Deutschland. Er war seitdem für verschiedene Unternehmen tätig, vor allem in der Finanzbranche. Seit fünf Jahren arbeitet er als Portfoliomanager für den Vermögensverwalter Allianz Global Investors in Frankfurt.

Am meisten hat mich in Deutschland überrascht, dass hier niemand in der Mittagspause schläft. Denn in China gehört für viele Menschen ein kleines Nickerchen zur Pause dazu. Ich halte das eigentlich für gar keine schlechte Idee, vermisse meinen Mittagsschlaf nach 23 Jahren aber schon lange nicht mehr.

Als ich neu in Deutschland war, hat es mich beeindruckt, wie schnell ich hier im Arbeitsalltag selbst Entscheidungen treffen durfte. In China und im ganzen asiatischen Raum müssen Berufseinsteiger jeden Arbeitsschritt mit dem Chef besprechen. Hier arbeitet man viel eigenverantwortlicher. Mich hat das sehr geprägt und ich glaube, dass man auf diese Weise schneller dazulernt.

Ich schätze die relativ klare Trennung zwischen Beruf und Privatem in Deutschland sehr. Natürlich gehe ich nach Feierabend manchmal mit meinen Kollegen ein Bier trinken, aber dann sprechen wir sehr schnell nicht mehr über den Beruf. Hierzulande habe ich die Erfahrung gemacht, dass man am Wochenende auch wirklich frei hat. In China hingegen erwarten die Arbeitgeber, dass man auch samstags und sonntags erreichbar ist oder Termine wahrnimmt – und sei es, dass man sich mit Kunden zum Golfspielen trifft.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich in Deutschland viel getan, was flexibles Arbeiten angeht. Früher gab es hier eine stärkere Präsenzkultur, inzwischen ist es möglich, auch von zu Hause zu arbeiten, um dort konzentriert einen Report zu lesen. Mein Eindruck ist, dass das in China bis heute in den meisten Unternehmen eher nicht möglich ist. Außerdem finde ich es gut, dass die Unternehmen in Deutschland heute einen größeren Wert darauf legen, Mitarbeiter aus verschiedenen Kulturen im Team zu haben. In meinem siebenköpfigen Team sind allein fünf verschiedene Nationalitäten vertreten.

Was Innovationen angeht, empfinde ich die deutsche Arbeitskultur manchmal als etwas behäbig. Die Deutschen machen sehr viele Dinge sehr gut, aber möchten sie dann auch bewahren, statt Neues auszuprobieren. Während die Menschen hier eher risikoscheu sind, herrscht in China oder in den USA eher eine Trial-and-Error-Strategie. Das kann nach hinten losgehen, aber auch Bahnbrechendes hervorbringen, wie man zum Beispiel an Tesla oder der inzwischen in China weit verbreiteten Bezahlung mit Smartphone sieht.