Im Büro von Basecamp in Chicago gibt es weder einen Tischkicker noch eine Snackstation, keine Nachtschichten, kaum Meetings und auch kein Bierchen zum Feierabend. Die 54 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten wann und von wo sie wollen, laut Website von 32 Städten der Welt aus. Basecamp ist ein Softwareunternehmen und bietet eine Projektmanagement-Anwendung an. Das Unternehmen ist ziemlich genau so alt wie Google und Facebook. Für ihre Gründer Jason Fried und David Heinemeier Hansson wäre es ein Leichtes gewesen, sich vom Esprit des Silicon Valley anstecken zu lassen. Hundertstundenwochen, Höher-schneller-weiter, die ganze Hustlemania. In ihrem neuen Buch schwärmen sie stattdessen von der 32-Stunden-Woche. Es trägt den Titel "It Doesn’t Have to Be Crazy at Work". Warum, das erzählt David Heinemeier Hansson im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Heinemeier Hansson, wieso geht es bei der Arbeit heutzutage crazy zu?

David Heinemeier Hansson: Die Arbeitswelt müsste eigentlich immer angenehmer werden. Wir haben bessere, schnellere Software und Hardware, die Kommunikationsmittel werden ausgefeilter und sind supereinfach zu bedienen. Es gibt all diese Hilfsmittel und trotzdem klagen immer mehr Menschen über Stress und darüber, dass sie in ihren Büros überhaupt nicht mehr zum Arbeiten kommen.

ZEIT ONLINE: Woher kommt der Stress?

Heinemeier Hansson: Drei Dinge sind entscheidend: die Büroarchitektur, die neuen Kommunikationsmittel und die Fixierung auf Wachstum. Viele Unternehmen haben heute Großraumbüros. Doch ein riesiger, offener Raum ist ein fürchterlicher Ort, um konzentriert zu arbeiten. Wenn alle in einem Raum arbeiten, kann jemand einfach über drei Tische hinwegrufen, wenn er was von dir will. Oder er kommt gleich zu dir an den Schreibtisch. Vielleicht sitzt man auch neben jemandem, der viel telefonieren muss. Außerdem ist die Luftqualität in Großraumbüros furchtbar, was die Konzentrationsfähigkeit massiv verschlechtert. Der zweite Grund sind Instant-Messaging-Dienste wie Slack, ein Chatkanal vergleichbar mit WhatsApp, der in vielen Unternehmen die Kommunikation via E-Mail ersetzt.

"Der Chat funkt ständig dazwischen, wenn wir in Ruhe unserer Arbeit nachgehen wollen.
David Heinemeier Hansson, 39, Autor

ZEIT ONLINE: Diese Dienste sollen eigentlich die Kommunikation erleichtern. Sie sagen: Das Gegenteil ist der Fall. Warum?

Heinemeier Hansson: Chatbasierte Kommunikationsmedien verlangen eine sofortige Antwort, während wir bei einer E-Mail selbst entscheiden können, wann wir darauf antworteten. Dem Chat dagegen müssen wir die ganze Zeit über folgen, denn es könnte ja etwas diskutiert werden, das uns angeht. Der Chat funkt also ständig dazwischen, wenn wir in Ruhe unserer Arbeit nachgehen wollen. Und wir können ihn auch nicht einfach abschalten, denn dann wären wir nicht mehr ansprechbar.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Wachstum ist der dritte Grund dafür, dass wir gestresst sind. Was meinen Sie damit?

Heinemeier Hansson: Mir scheint, es geht nicht mehr darum, einen offenen Markt zu haben, in dem Firmen ihre unterschiedlichen Produkte anbieten. Alle schauen ins Silicon Valley, zu den Megafirmen, und die legen die Standards fest. Das Ziel heißt: in der kürzesten Zeit so groß wie möglich werden. Am besten gleich noch ein Monopol etablieren und für alle anderen die Stoßrichtung vorgeben. Google und Facebook sind die besten Beispiele. Diese Unternehmen sind besessen von schnellem Wachstum.

ZEIT ONLINE: Die Firma Basecamp, die Sie gegründet haben, ist ein Softwareunternehmen in den USA, Sie wirtschaften in direkter Konkurrenz zu Firmen im Silicon Valley. Dennoch haben Sie eine andere Arbeitskultur etabliert. Welche?

Heinemeier Hansson: Wir haben bei Basecamp derzeit mehr als 100.000 Firmen, die unsere Produkte nutzen und dafür bezahlen. Wir wachsen nachhaltig und sind mit unseren Zahlen zufrieden. Trotzdem arbeitet hier niemand 80 Stunden pro Woche und prahlt auch noch damit. Wir arbeiten alle um die 40 Stunden und in den Sommermonaten nur 32. Wir können es uns leisten, unserem Team ein langes Wochenende zu ermöglichen. Außerdem haben wir drei Wochen bezahlten Urlaub pro Jahr plus Extratage. Alle drei Jahre bekommen alle ein einmonatiges Sabbatical bezahlt. Wir sind 54 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und das reicht uns. Auch in der Softwarebranche muss man sich und sein Team nicht zu Tode schuften, wenn man erfolgreich sein will. 

"Es scheint irgendwie cool zu sein, nur noch für die Arbeit zu leben und unter extremem Schlafmangel zu leiden."

ZEIT ONLINE: Wir leben in einer Welt, in der es schick ist, sich extrem beschäftigt oder gestresst zu geben, selbst wenn man es gar nicht ist, sagen Sie.

Heinemeier Hansson: Das ist ein Kulturexport aus dem Silicon Valley und dem Zeitgeist, den dieser Ort verbreitet hat. Ist es nicht absurd, dass Gewerkschaften und Parteien erst vor recht kurzer Zeit für die 40-Stunden-Woche und für mehr Arbeitnehmerrechte gekämpft haben und dass wir das nun freiwillig aufgeben? Weil es irgendwie cool zu sein scheint, nur noch für die Arbeit zu leben und unter extremem Schlafmangel zu leiden. In den USA und in einigen asiatischen Ländern wird damit geprahlt, wie viel man arbeitet. Als wäre das ein Verdienstorden. Da sagt dann einer: Ich arbeite 80 Stunden die Woche. Und der nächste sagt natürlich: Ich arbeite 100!

ZEIT ONLINE: Sie kommen aus Dänemark. Haben Sie das Gefühl, dass das in Europa anders ist?

Heinemeier Hansson: In Europa, vor allem in den skandinavischen Ländern, gab es lange ein ausgeglichenes Verhältnis zu Arbeit. Viele Rechte für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer kommen aus Europa, außerdem gibt es eine lebhafte Streikkultur. Aber dadurch, dass alle in Richtung Asien und USA schauen, scheinen diese Errungenschaften in Gefahr zu sein. Das ist ein Rückschritt. Eine traurige Entwicklung und Gift für unsere Gesundheit.

ZEIT ONLINE: An der Gesundheit der Beschäftigten misst sich nun mal nicht der Erfolg eines Unternehmens, oder?

Heinemeier Hansson: Ich bin der Überzeugung, dass gesunde, ausgeschlafene und zufriedene Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die beste Arbeit leisten. Das gilt speziell – aber nicht nur – für Berufe, in denen viel Kreativität gefragt ist, egal ob Design, Programmieren oder Schreiben. Ich finde es absurd, dass wir das überhaupt diskutieren. Natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Qualität der Arbeit und dem Wohlbefinden derjenigen, die die Arbeit machen!

"Selbstverteidigung ist das Stichwort"

ZEIT ONLINE: Aber muss Arbeit denn überhaupt Spaß machen?

Heinemeier Hansson: Wenn Sie eine Arbeit haben, die Sie erfüllt, kann das Ihr Leben bereichern. Dann fühlen Sie sich zufriedener und glücklicher und das hat direkt mit ihrer Arbeit zu tun. Ich denke, Arbeit darf ein wohldosierter Teil des Lebens sein, nie alles. Jason Fried und ich sind seit fast 20 Jahren bei Basecamp und wir müssten in finanzieller Hinsicht nicht mehr arbeiten. Wir arbeiten, weil wir Freude dabei empfinden, und das Gleiche gilt wohl für die meisten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wobei ich natürlich nicht für alle sprechen kann. Wenn wir davon ausgehen, dass die meisten Menschen ihre Arbeit gerne gut machen wollen, ist es dann nicht eine Tragödie, dass viele Arbeitsplätze dies nicht zulassen?!

ZEIT ONLINE: Die meisten Menschen haben, anders als Sie, nur begrenzten Einfluss auf die Arbeitskultur. Sie müssen mit dem Druck und möglicherweise auch schlechten Bedingungen irgendwie umgehen. Was raten Sie denen?

Heinemeier Hansson: Selbstverteidigung ist das Stichwort. Sie müssen Ihre Zeit gegen die Belange und Bedürfnisse anderer verteidigen. Wenn Sie einen gemeinsamen Kalender mit Ihren Kollegen haben, können Sie versuchen, größere Zeitabschnitte am Stück zu blockieren. Vielleicht erfinden Sie einen Grund, warum Sie in dieser Zeit nicht erreichbar sind, warum sie nicht auf Mails, Chatnachrichten oder Anrufe antworten. Ein paar Tricks sind erlaubt.

Nutzen Sie Ihre Zeit so gut wie möglich. Sie haben zu wenig konzentrierte, ununterbrochene Zeit und stattdessen zu viel Bullshit drumherum: unnötige Meetings, der ganze Kommunikationswust und diese "as soon as possible"-Kultur. All das hält Sie davon ab, Ihre tatsächliche Arbeit zu erledigen.

ZEIT ONLINE: Noch ein Trick?

Heinemeier Hansson: Gehen Sie mit gutem Beispiel voraus. Wenn Sie sehen, dass Ihre Kollegin in die Arbeit vertieft ist, lassen Sie sie in Ruhe. Fast alles kann warten und Sie können in der Zwischenzeit an einer anderen Sache arbeiten und sie zwei Stunden später fragen. Als Letztes rate ich Ihnen: Schlafen Sie genug. Wir wissen inzwischen, dass selbst acht Stunden Schlaf für viele Menschen nicht genug ist, um sich komplett zu erholen. Und ständiger Schlafentzug hat fatale Auswirkungen auf unsere Gesundheit.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen in Ihrem Buch viel über falsche Behauptungen, mit denen Unternehmen künftige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anwerben. Gehen wir mal einige davon durch. Unternehmen sagen gerne: "Wir sind hier eine große Familie."

Heinemeier Hansson: Die Idee der Familie steht für bedingungslose Liebe, Unterstützung und manchmal auch Aufopferung. Wenn Firmen das behaupten, ist es in der Regel eine Einbahnstraße. Nicht die Firma ist bedingungslos für ihre Beschäftigten da, sondern die Beschäftigten müssen ihr letztes Hemd für die Firma geben. Unternehmen sollten niemals Familie sein wollen, sondern Familien unterstützen. Typischerweise wird die Familienmetapher von Unternehmen genutzt, die ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am meisten abverlangen.

ZEIT ONLINE: Was soll es bedeuten, wenn der Chef sagt: "Meine Tür ist immer offen."

Heinemeier Hansson: Das ist selbstbeweihräuchernder Bullshit! Wenn ein Mitarbeiter seinen Job nicht riskieren will, um sich bei seinem Chef zu beschweren, kann der Chef guten Gewissens sagen: Hey, die Tür war doch offen! Solange die Macht in einem Unternehmen ungleich verteilt ist, muss ich als Chef im wahrsten Sinne aus der Tür treten, auf die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zugehen und selbst die Arbeit machen. Das heißt direkte Fragen stellen, die dann auch mal unangenehme Antworten nach sich ziehen können. Zum Beispiel: "Wie schlage ich mich als Chef?", "Was hätte ich beim letzten Projekt besser machen sollen?" Oder: "Sagen Sie mir, in welchen Bereichen unser Unternehmen versagt." Wer sich hinter der Open-Door-Policy versteckt, wird immer als Letzter erfahren, wo es wirklich Probleme gibt.