Dass ständige Erreichbarkeit der Gesundheit schaden kann, belegten viele Untersuchungen. In einer Umfrage
der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga)
gaben etwa ein Fünftel der Befragten, die außerhalb der Dienstzeiten erreichbar waren, an, in ihren Schlaf- und Erholungszeiten beeinträchtigt zu sein. Die Studie bringt ständige Erreichbarkeit in Zusammenhang mit Schlafstörungen und der Unfähigkeit, abzuschalten.

Einige große Konzerne haben deshalb Schutzmechanismen für ihre Mitarbeiter eingeführt. Bei der Deutschen Telekom haben sich leitende Angestellte dazu verpflichtet, Beschäftigten nach Dienstschluss, am Wochenende und im Urlaub keine Mails zu schicken. Der größte Deutsche Chemiekonzern BASF hat schon 2014 eine sogenannte E-Mail-Diät eingeführt – Richtlinien, anhand derer Beschäftigte ihre Kommunikation kritisch hinterfragen sollen: Muss diese Mail jetzt verschickt werden? Muss sie überhaupt geschrieben werden? Müssen wirklich so viele Empfänger ins CC?

Andere Unternehmen begnügen sich nicht mit Richtlinien, sondern schränken den Zugang zum Arbeitspostfach zeitweise ein. Bei Volkswagen können Tarifbeschäftigte zwischen 18 Uhr und 6 Uhr und am Wochenende keine Dienstmails mehr bekommen oder versenden. Diese landen erst am Morgen des nächsten Arbeitstages im Postfach. Daimler stellt seinen Angestellten frei, die E-Mails, die sie während des Urlaubs bekommen, löschen zu lassen. Porsches Betriebsratschef Uwe Hück forderte Ende des vergangenen Jahres gar, dass Mailkonten von Tarifbeschäftigten am Wochenende, im Urlaub und zwischen 19 und 6 Uhr ganz gesperrt werden. Mails, die in dieser Zeit eintreffen, sollen demnach an den Absender zurückgeschickt werden – und erst gar nicht im Postfach der Angestellten landen.

"Hat man die Arbeit ständig in der Hinterntasche dabei, nimmt sie auch das Privatleben ein."

Doch während einige Firmen versuchen, die E-Mail-Flut einschränken, führen immer mehr Firmen Chatprogramme wie Slack ein. Damit können Beschäftigte zu zweit oder in der Gruppe miteinander sprechen. In Echtzeit. Und das nicht nur auf dem Arbeitsrechner – sondern auch auf dem (privaten) Smartphone.

Glaubt man den Eigenangaben von Slack, nutzt eine halbe Million Organisationen weltweit bereits das Programm. Eine Zahl, die mich beunruhigt. Als jemand, der Arbeitsanfragen nicht nur per E-Mail bekommt, sondern auch per WhatsApp, Facebook- und Instagram-Messenger, weiß ich, wie machtlos man sich fühlt, wenn eine Nachricht auf dem Handybildschirm aufploppt, während man mit seiner Mutter telefoniert. Hat man die Arbeit ständig in der Hinterntasche dabei, nimmt sie auch das Privatleben ein. Beziehungsweise: Irgendwann kann man das eine nicht vom anderen unterscheiden.

Ich arbeitete am Wochenende, an der Bartheke sitzend, im Restaurant, im Zug, in der U-Bahn. In der iga-Studie, die sich mit Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit auf die Gesundheit beschäftigte, berichteten vor allem Menschen, die keine festen Arbeitszeiten hatten, von Nervosität und Schlafproblemen.

Ein weiteres interessantes Ergebnis dieser Studie: Oft kommen die Störungen nicht vom Vorgesetzten. Die Forschenden ließen 77 Angestellte eines IT- und eines städtisches Versorgungsunternehmen, die auch außerhalb der Dienstzeit erreichbar waren, Tagebuch darüber führen, wer sie in der Freizeit kontaktierte. Nur in sieben Prozent der Fälle waren es direkte Vorgesetzte. Viel öfter störten Kunden (37 Prozent) oder Kollegen (33 Prozent). Die Chefs verlangen also nicht direkt, dass man ständig erreichbar ist. Das würde ja auch gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen, das vorsieht, dass der Arbeitstag maximal acht und ausnahmsweise zehn Stunden dauert. Vielmehr fühlen sich die Menschen offenbar dazu verpflichtet, allzeit ansprechbar zu sein, weil sie ihre Kolleginnen und Kollegen nicht im Stich lassen wollen – oder aus Verantwortungsgefühl für ihre Aufgabe.

Der Einzelne kann das Problem nicht lösen

Es ist ja nicht so, dass ich es mit dem Handyentzug nicht versucht hätte: Vor anderthalb Jahren verordnete ich mir selbst Öffnungszeiten. Abends ab 20 Uhr keine Mails mehr, Anrufe von Kundinnen und Kunden wollte ich morgens erst ab 10 Uhr wieder entgegennehmen. Ich scheiterte nach einer Woche kläglich. Ich hatte mich so sehr an das ständige Rauschen der Nachrichten gewöhnt, dass ich nervös wurde, wenn keine kamen. Mein Gehirn hungerte nach Benachrichtigungen. Selbst wenn das Handy stumm war, holte ich es immer und immer wieder aus der Tasche. Die Nervosität wurde nur schlimmer. Was ist, dachte ich, wenn meine Unerreichbarkeit dazu führte, dass mich irgendwann niemand mehr erreichen will?

Inzwischen glaube ich: Der Einzelne kann das Problem nicht lösen, sondern höchstens abmildern. Es ist leicht gesagt: Mach doch einfach mal Pause, Kathrin! Installier ein paar Apps, die helfen, den Internetkonsum in Schach zu halten! Mach ein bisschen Digital Detox! Das Smartphone kann man zwar abstellen. Aber der gefühlte Druck bleibt. Was mehr helfen würde, als den Einzelnen für seine Smartphoneabhängigkeit verantwortlich zu machen: Klare Absprachen zwischen Unternehmen und Arbeitnehmerinnen – oder mit Kunden. Im Projekt Manager Ständiger Erreichbarkeit (Master), an dem unter anderem die Uni Freiburg, Universität Hamburg und das ISF München beteiligt waren, wurden Workshops erarbeitet, die Beschäftigten und Führungskräften helfen, Erwartungshaltungen zu klären – und den Stress zu reduzieren.

Vielleicht wäre es ein Anfang, dass ich mich beim nächsten Auftrag nicht nur auf die Deadline und die Bezahlung einige – sondern auch, wann ich für Nachfragen zur Verfügung stehe und auf welchen Kanälen. Dafür braucht es aber: Mut. Denn die Angst, dass andere, die nicht den Mund aufmachen, beruflich in der Reihe vor einem stehen, bleibt.

Es ist 17.41 Uhr und eine App, die mich davon abhalten soll, mein Smartphone zu oft anzufassen, hat gemessen, dass ich mein Telefon heute bereits 156 Mal entsperrt habe. Ich habe fast fünf Stunden mit Mails, Instagram und WhatsApp verbracht. Der Tropf ist endlich fast durchgelaufen. Ich verspreche mir, beim letzten Tropfen das Telefon auszuschalten. Heute nicht mehr, heute wirklich nicht. Als die Schwester meinen Zugang im Arm verschließt, ist es immer noch an.