Irgendwo zwischen meinem Studienende und dem ersten Vollzeitjob ist mir die Fähigkeit abhandengekommen, mich so richtig volllaufen zu lassen.

Nicht dass ich es früher nicht ausreichend geübt hätte. Zum Bedauern meiner Eltern gehörte ich nie zu jener Sorte Teenager, die sich von altersgerechten Beschäftigungsmöglichkeiten wie Tennis oder Flötenunterricht angesprochen fühlten. Als vollwertiges Mitglied der Generation Komasaufen traf ich mich lieber jeden Freitagabend mit meinen drei Freundinnen, um nach der Schule im Kinderzimmer des hoffentlich leeren Elternhauses heimlich Malibu Orange zu trinken. Wir aßen Pringles, kosteten den süßen Nektar von zuckerhaltigen Alkopops (was ein Wort) und schauten The Ring. Schon während der Woche fieberte ich auf unser kleines Geheimnis hin. Später stiegen wir auf härtere Drinks um, damit wir uns in der Schlange vor den Türstehern der Vorstadtdisco nicht in die Hose machten – und uns stattdessen wie 18-jährige Studentinnen fühlen konnten.

Bianca Jankovska, geboren 1991 in Wien, ist freie Autorin, Kolumnistin und Social-Media-Konzepterin. In ihrem Debüt "Das Millennial-Manifest" wettert sie gegen prekäre Arbeitsverhältnisse, spätnachts in Slack versandte Nachrichten und die ständige Bereitschaft, sich selbst und andere auszubeuten. Zeit Online veröffentlicht einen leicht gekürzten Auszug daraus. © Melanie Ziggel

Ja, ja, ich weiß schon – saufen ist ungesund, schädigt das Nervensystem, zerstört Gehirnzellen. Dinge, die man zum produktiven Arbeiten braucht. Saufen verwandelt mich auch in diesen Menschen, der zu laut über seine eigenen Witze lacht und dumme Geschichten erzählt, für die er sich am nächsten Morgen schämt.

Und doch bin ich heute froh, eine richtige Jugend gehabt zu haben. Eine, in der mich Freunde donnerstagabends abholten, ohne mich oder meine Eltern vorher zu fragen, welche Prüfung am nächsten Tag anstand.

"In einer Leistungsgesellschaft, die ständige Verfügbarkeit schon für die Jüngsten predigt, ist es nicht verwunderlich, dass der Rahmen fehlt, loszulassen."

Sie hatten beschlossen, feiern zu gehen und mich mitzunehmen. Ohne Widerrede. Ohne fünfunddreißig Minuten über das Für und Wider nachzudenken, darüber, was alles schiefgehen oder am nächsten Tag verpasst werden könnte. Aus heutiger Perspektive war meine Jugend genau dieses "im Moment leben", von dem heute alle auf Instagram sprechen, nachdem sie sich einen Slot für "Quality Time" mit ihren Liebsten in den Google Calendar eingetragen haben.

Wer Medienberichte über "die Jugend" von heute liest, stellt vor allem fest, dass sie immer weniger trinkt. Die Politiker jubeln, endlich haben die Antialkoholmaßnahmen gewirkt, die ganzen teuren Kampagnen, gedruckt auf Autobahnplakaten. Ohne die Folgen von massivem Alkoholkonsum schönzureden: Ich glaube nicht, dass der Grund für den geringen Alkoholkonsum der Jugend ausschließlich der ist, dass Sozialarbeiter und Lokalpolitiker mit ihren Motivationsreden und Abschreckungskampagnen eine gute Arbeit geleistet haben.

In einer Leistungsgesellschaft, die ständige Verfügbarkeit und Kompetenz schon für die Jüngsten predigt, ist es nicht verwunderlich, dass der Rahmen fehlt, loszulassen und mal über die Stränge zu schlagen. Faulheit hat ein negatives Image, sie ist mit dem Stigma der Unproduktivität, Antriebs- und Nutzlosigkeit verbunden und wird als unverzeihliche Charakterschwäche von Individuen abgestempelt. Heute wie damals ist die schlimmste Konsequenz eines Katers, nicht mehr arbeiten zu können.

Alkohol uncool zu machen war das Beste, was großen, mittelgroßen und kleinen Konzernen passieren konnte. Keine verkaterten Mitarbeiter mehr, weil sich niemand traut, auch nur eine Minute zu spät zu kommen. Keine Menschen, die sich nach ausschweifenden Partys sehnen, weil sie erst gar keine kennen. Dabei kann Faulheit durchaus als Motor einer befreiten Arbeit funktionieren: als Fähigkeit, eine Balance zwischen Verausgabung und Verweigerung, Zeitverschwendung und Zeitverwendung zu finden. Eine Balance, wie der Hohe-Luft-Chefredakteur schreibt, die man selbst unter Mußebedingungen immer wieder verfehlen muss, um sie einigermaßen halten zu können.

"Alkohol uncool zu machen war das Beste, was großen, mittelgroßen und kleinen Konzernen passieren konnte."

Wie oft habe ich selbst darauf verzichtet, nach der Arbeit auf eine Party, eine Vernissage, einen kleinen Umtrunk zu gehen, weil ich zu müde war? Weil ich keine Lust hatte, am nächsten Tag noch kaputter zu sein als heute – selbst ohne Alkohol? Für wen, frage ich mich heute. Für mich? Wie oft habe ich eine laue Ausrede erfunden, nur um gegen 20 Uhr im Bett zu liegen, Game of Thrones zu streamen und mich zu wundern, warum ich ein Jahr nach meinem berufsbedingten Umzug immer noch nicht in Hamburg angekommen war?

Wir müssen uns nicht jede Woche unter den Tisch saufen, keine Frage, und doch finde ich: Wir haben aus falschen Gründen verlernt, uns zu betrinken. Von mir aus, dann saufen wir eben nicht, wenn uns sofort davon schlecht wird und wir auf unsere Gesundheit achten. Oder weil wir nicht aggressiv werden wollen – oder betrunken den Ex-Freund anrufen.

Aber nicht trinken – und früh nach Hause gehen – , nur weil wir am nächsten Morgen arbeiten müssen? Was ist mit uns passiert? Wo sind die Nächte hin, in denen wir ewig auf waren, um betrunken und bekifft zusammen Nick Cave zu hören? In denen wir selbstverständlich mitgingen in die nächste Bar, ohne vorher den bestmöglichen Heimweg zu googeln?