Warum sind noch immer so wenige Frauen in Führungspositionen? Die britische Frauenrechtlerin Mary Beard erklärt im Interview, warum sich nicht die Frauen ändern müssen – sondern die Struktur von Macht.

ZEIT ONLINE: Vor 100 Jahren durften Frauen nicht einmal wählen, heute führt eine Frau die Brexit-Verhandlungen an und Deutschland hat seit 13 Jahren eine Kanzlerin. Sollten wir uns nicht einfach freuen über den Stand der Gleichberechtigung?

Mary Beard: Natürlich sollten wir uns freuen. In meiner Generation hat die Frauenbewegung der Sechzigerjahre eine Revolution angeführt und jetzt profitieren wir davon. Aber einfach nur abzuwarten und zu hoffen, dass in 50 Jahren alle Machtpositionen gleichermaßen von Frauen und Männern besetzt sein werden, ist nicht genug. Wir müssen handeln.

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Jahren wurde viel getan, um es Frauen leichter zu machen, an Macht zu kommen. Zum Beispiel gibt es Mentorenprogramme speziell für Frauen und familienfreundliche Arbeitszeiten. Warum reicht das nicht?

Beard: All diese Dinge sind wichtig, aber sie werden unsere Machtkultur nicht auf den Kopf stellen. Die größten Probleme liegen in unseren Köpfen, in unseren Annahmen über Macht und Geschlecht. Wir müssen darüber nachdenken, warum wir die Stimmen von Frauen nicht als Stimmen wahrnehmen, die Souveränität und Autorität ausstrahlen. Warum klingt es immer noch wie Kritik, wenn wir eine Frau als ehrgeizig bezeichnen?

"Wir sind immer noch zu sehr auf einzelne Anführer fokussiert und denken nicht genug über Macht in Form von Kollaboration nach."
Mary Beard

ZEIT ONLINE: Woran liegt es, dass Frauen noch immer seltener in Machtpositionen sind? 

Beard: In der westlichen Kultur ist die Unterdrückung der Frau fest verankert. Da lohnt es sich, zurück auf die alten Römer und Griechen zu blicken. In der griechischen Mythologie wird Frauen, die nach Macht greifen, die Zunge abgeschnitten oder gleich der ganze Kopf. Seit Jahrhunderten leben wir mit diesen Bildern und sie wirken bis heute nach. Ich habe mir mal den Spaß gemacht, in der britischen Google-Bildersuche nach "cartoon professor" zu suchen. Ich habe bewusst nach Cartoons gesucht, um einen Eindruck von Klischees zu bekommen. Unter den ersten 100 Ergebnissen war eine einzige Frau: Professor Holly aus der Pokémon Farm.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch, man müsse nicht die Frauen ändern, sondern die Struktur der Macht. Das klingt gut, aber wie soll das gehen? 

Beard: Das ist die ganz, ganz große Frage und ich wünschte, ich hätte eine einfache Antwort darauf. Fakt ist: Die jetzigen und die historischen Machtstrukturen wurden von Männern gemacht. Momentan müssen Frauen, wenn sie Einfluss haben wollen, sich ihnen anpassen. Stattdessen könnten wir aber ganz grundsätzlich darüber nachdenken, wie Macht funktioniert und was sie eigentlich bedeutet. Wir sind immer noch zu sehr auf einzelne Anführer fokussiert und denken nicht genug über Macht in Form von Kollaboration nach. Dabei geht es den charismatischen Führern oft nur darum, ihre Anhänger nicht zu verlieren. Aber wenn Menschen zusammen für etwas kämpfen, geht es ihnen tatsächlich oft darum, etwas zu bewegen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Beard: Ja, die Black-Lives-Matter-Bewegung. Das ist eine der einflussreichsten Bewegungen der jüngsten Zeit. Sie setzt sich gegen Gewalt gegen Schwarze ein und wurde von drei Frauen gegründet, deren Namen wahrscheinlich kaum einer kennt. Trotzdem üben diese Frauen Einfluss aus, sie wirken außerhalb der traditionellen Machtstrukturen. 

"Ob Theresa May wirklich als mächtige Frau in die Geschichte eingeht, kann man jetzt noch nicht sagen."

ZEIT ONLINE: Gibt es einen Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Macht?

Beard: Macht ist männlich codiert, deshalb werden Frauen, die Macht haben, automatisch zu Männern. Im Wesentlichen unterscheidet sich die männliche und weibliche Macht bislang also nicht, weil die Frauen einfach die Männer kopieren. Es gibt keine Vorbilder für weibliche Macht. Auch Angela Merkel gibt vor, ein Mann zu sein, in der Art, wie sie sich anzieht und wie sie redet. So hat das auch schon Margaret Thatcher gemacht und zuletzt Hillary Clinton. Theresa May, könnte man vermuten, versucht sich mit ihren extravaganten Schuhen von den Männern abzuheben. Aber ob sie wirklich als mächtige Frau in die Geschichte eingeht, kann man jetzt noch nicht sagen.