Viele Menschen denken an Angela Merkel, wenn es um Frauen und Macht geht. Und vielleicht noch an ein paar andere Politikerinnen und Unternehmerinnen.

Aber im Grunde ist Macht, so wie wir ihr im Alltag begegnen und so wie wir sie im Fernsehen oder in der Zeitung zu sehen bekommen, meist männlich: Zum Beispiel dann, wenn Vertreter der CSU und der Freien Wähler zu Koalitionsverhandlungen in Bayern an einem Tisch sitzen und dort kein einziger Mensch anwesend ist, der nicht Anzug, Krawatte und graue Haare trägt. Oder wenn wir auf Veranstaltungen keine einzige Frau auf dem Podium diskutieren sehen, so wie neulich bei einer Veranstaltung der NRW-Landesvertretung zu Digitalisierung und wie täglich in unzähligen Talkshows im Fernsehen oder auf der Bühne. Oder wenn wir die Oscarverleihung schauen und die Jury zu über 90 Prozent weiß und zu knapp 80 Prozent männlich ist. Oder wenn wir uns als einzige Frau in der Businesslounge der Lufthansa wiederfinden. Oder, oder, oder. 

Auch wenn wir über Macht sprechen, kommen Frauen selten darin vor. "Machtergreifung" klingt nach Geschichtsunterricht, genauer: nach Hitler. "Machtklüngel" klingt nach Seehofer und Maaßen. "Machtzentrale" nach SED, wo der Frauenanteil trotz Frauenüberschuss in der Nachkriegszeit auch nie erwähnenswert war. "Machtworte" sprechen meistens Väter.

All diese Worte klingen männlich in unseren Ohren. Warum? Dass Frauen einfach weniger Macht haben und auch gar keine haben wollen, ist ebenso wenig wahr, wie dass Frauen weniger Spaß an Sex haben oder grundsätzlich schlechter Auto fahren als Männer.

Richtig ist: Es gibt mehr als nur die männlichen Formen, Macht auszuüben. Schon Kleinkinder üben Macht auf ihre Eltern aus, wenn sie sich schreiend im Supermarkt auf den Boden werfen. Mütter üben Macht aus, wenn sie ihren Töchtern verbieten, mit nassen Haaren aus dem Haus zu gehen.

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In Elena Ferrantes Familienepos Meine geniale Freundin kämpfen nicht nur Mafiosi um Macht, sondern auch zwei einfache Frauen: Die eine heiratet mit 16 Jahren den wohlhabenden Lebensmittelhändler des Viertels, die andere arbeitet sich mit viel Fleiß ins Intellektuellenmilieu Norditaliens hoch. Als das palästinensische Flüchtlingsmädchen Reem 2015 vor laufender Kamera von ihrer Angst vor einer Abschiebung erzählte, hatte es für einen kurzen Augenblick Macht über die mächtigste Frau der Welt.

Ob beruflich oder privat: Frauen finden Wege, ihre Interessen durchzusetzen. Statt Machtworte zu sprechen, überzeugen Frauen anders, durch Beharrlichkeit zum Beispiel. Und erleben Momente, in denen sie sich mächtig fühlen.

Welche das sind, wollen wir von Ihnen wissen, liebe Leserinnen. Wann haben Sie sich zuletzt mächtig gefühlt?

Beim Aktienkauf, in der Gehaltsverhandlung? In der Partnerschaft, der Kindererziehung oder in der Auseinandersetzung mit Kollegen? Beim Fahrradreparieren? Uns interessieren Ihre Momente der Macht – aus dem privaten Umfeld, aus Ihrem Berufsleben oder Ihrem Alltag, im Umgang mit Männern und mit Frauen.

Helfen Sie uns dabei, die Geschichten weiblicher Macht zu erzählen, indem Sie unseren kurzen Fragebogen ausfüllen. Oder schreiben Sie uns eine E-Mail mit ihrem Moment der Macht an: debatte-arbeit@zeit.de