SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil will Zukunftsvisionen entwickeln, damit seine Partei wieder attraktiver wird. Welche das sein könnten, erklärt er im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Klingbeil, in den letzten Umfragen liegt die SPD im Bund gleichauf mit der AfD. Wie verkraftet man als SPD-Generalsekretär solche Zahlen?

Lars Klingbeil: Das spornt mich an. Ich bin fest davon überzeugt, dass die SPD wieder attraktiver werden kann, wenn sie klarer wird und neue Ideen entwickelt. Der SPD fehlen Erkennbarkeit und klare Schwerpunkte. Das müssen wir jetzt ändern.

ZEIT ONLINE: Welche neuen Ideen könnten das sein?

Klingbeil: Wir beschäftigen uns vor allem mit den anstehenden Umbrüchen auf dem Arbeitsmarkt. Durch die Digitalisierung werden in Zukunft Jobs wegfallen, Berufsbilder werden sich verändern oder ganz neu entstehen. Zugleich erleben viele Menschen ihren Arbeitsalltag als sehr stressig. Sie wünschen sich mehr Selbstbestimmung, sehnen sich nach einer Auszeit und nach der Möglichkeit, sich neu zu orientieren oder zu qualifizieren. Viele wollen einfach mal für eine Zeit lang raus. Ein Weg, diese Situation anzugehen, kann zum Beispiel die Einführung eines Grundeinkommensjahres sein.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Klingbeil: Ein Grundeinkommensjahr würde Arbeitnehmern Zeit zurückgeben für Dinge, die sie neben der Arbeit nicht schaffen. Mit jedem Jahr, das man arbeitet, spart man einen Monat Grundeinkommen an. So könnte man nach sechs Jahren Arbeit ein halbes Jahr aussetzen und nach zwölf Jahren Arbeit ein ganzes. Bei dem Modell, das ich vorschlage, würden die Beschäftigten in dieser Zeit jeden Monat 1.000 Euro netto bekommen. Darauf müssten keine Steuern bezahlt werden und die Krankenversicherungsbeiträge würde der Staat übernehmen.

"Jeder entscheidet selbst, was er in dem Jahr macht."
Lars Klingbeil, SPD-Generalsekretär

ZEIT ONLINE: Kann man während des Grundeinkommensjahres auch einfach auf dem Sofa liegen und Serien schauen?

Klingbeil: Jeder entscheidet selbst, was er in dem Jahr macht. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass die meisten Menschen das Jahr dafür nutzen würden, sich zum Beispiel ehrenamtlich zu engagieren oder Dinge zu tun, die sie schon immer tun wollten. Die gesamte Gesellschaft würde davon profitieren. Wichtig ist, dass die Grundeinkommenszeit an die Erwerbstätigkeit gekoppelt bleibt. Wer nicht arbeitet, könnte auch keine Auszeit nehmen.

ZEIT ONLINE: Also ist das Grundeinkommensjahr im Prinzip ein Sabbatical.

Klingbeil: Ein Sabbatical muss allein der Arbeitnehmer durch Lohnverzicht ansparen, das Grundeinkommensjahr finanziert der Staat. Außerdem gibt es die Möglichkeit des Sabbaticals nicht in allen Firmen und Unternehmen. Das Grundeinkommensjahr ist ein einfacher, unbürokratischer Weg, Auszeiten zu ermöglichen.

ZEIT ONLINE: Wem wollen Sie damit helfen?

Klingbeil: Prinzipiell kann das Grundeinkommensjahr von allen Beschäftigten in ganz unterschiedlichen Berufsgruppen und Lebenssituationen genutzt werden. Es würde zum Beispiel Menschen helfen, die in sozialen Berufen arbeiten. Auch Menschen aus dem Kreativbereich würden profitieren. Es ist kein Modell für Reiche. 

ZEIT ONLINE: Aber von 1.000 Euro im Monat kann man als Alleinstehende kaum leben. Handelt es sich dann nicht doch eher um ein Angebot für Menschen, die auch auf Erspartes zurückgreifen können?

Klingbeil: Alle, die gut verdienen und ihren Lebensstandard halten wollen, können sich darauf vorbereiten und zusätzlich Geld ansparen. Das Grundeinkommensjahr ist finanziell vor allem für Beschäftigte mit niedrigen Einkommen interessant, weil der Abstand zum vorherigen Lohn kleiner ist als bei Besserverdienern.

"Das Modell würde uns sieben bis neun Milliarden Euro pro Jahr kosten."

ZEIT ONLINE: Sie gehen davon aus, dass nur zwei bis drei Prozent der Arbeitnehmer pro Jahr davon Gebrauch machen würde. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Klingbeil: In Belgien gibt es ein ganz ähnliches Modell, bei dem auch Teilzeitmodelle und Frühverrentungsmodelle gewählt werden können. Dieses Angebot nehmen dort rund drei Prozent der Erwerbstätigen in Anspruch. Eine komplette Auszeit nimmt sogar nur unter einem Prozent der Berechtigten. Wir rechnen daher mit ähnlichen Zahlen. Das würde sieben bis neun Milliarden Euro im Jahr kosten. Menschen, die kurz vor der Rente stehen, würden wir von dem Modell ausschließen, um zu vermeiden, dass das Grundeinkommensjahr als Frühverrentungsmodell genutzt würde.

Arbeit als Wert an sich

ZEIT ONLINE: Wir haben in Deutschland nahezu Vollbeschäftigung, viele Betriebe finden nicht genug Fachkräfte. Das Problem würden Sie mit einem Grundeinkommensjahr verschärfen.

Klingbeil: Bei der Einführung des Elterngeldes gab es die die gleiche Debatte: Es sei zu teuer und würde Fachkräfte abziehen. Heute stellt niemand mehr das Elterngeld infrage. Ich glaube daher viel eher, dass der Arbeitsmarkt davon profitiert, wenn wir Arbeit anders organisieren.

ZEIT ONLINE: Wäre es nicht sinnvoller, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, statt Menschen eine teure, aber begrenzte Auszeit aus dem Beruf zu finanzieren?

Klingbeil: Natürlich entlässt das Grundeinkommensjahr die Politik nicht aus der Verantwortung dafür, die Arbeitsbedingungen der Menschen zu verbessern. Diese Woche beschließen wir zum Beispiel eine Menge für bessere Bedingungen in der Pflege. Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung diskutieren wir über ein Recht auf Nichterreichbarkeit. Es gibt viele Maßnahmen, die wir heute schon ergreifen. Und trotzdem wächst bei vielen der Wunsch, eine Zeit lang auszusteigen.

"Arbeit stiftet Identität, Selbstwertgefühl und hält unsere Gesellschaft zusammen."
Lars Klingbeil

ZEIT ONLINE: Auch in der SPD gibt es Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens. Dieses würde jedem Bürger und jeder Bürgerin dauerhaft ausgezahlt und könnte dann mit Einkünften aus Arbeit aufgestockt werden oder auch nicht. Warum setzen Sie sich nicht dafür ein?

Klingbeil: Ich habe Verständnis für die Motive, die hinter der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen stecken: der Wunsch, Stress zu reduzieren und mehr Zeit für sich oder ein Ehrenamt zu haben. Diese Gedanken nehme ich mit dem Grundeinkommensjahr auf. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass Arbeit einen ganz zentralen Wert hat. Es hat ja einen Grund, dass man Leute, die man neu kennenlernt, oft zuerst nach ihrem Beruf fragt. Arbeit stiftet Identität, Selbstwertgefühl und hält unsere Gesellschaft zusammen. Deshalb ist das Grundeinkommensjahr daran gekoppelt, dass jemand arbeitet. Außerdem wäre ein völlig bedingungsloses Grundeinkommen, von dem Menschen vernünftig leben könnten, nur schwierig finanzierbar und für die fünftgrößte Industrienation der Welt eine Umstellung, die ich nicht sinnvoll finde.

ZEIT ONLINE: Sie haben zuletzt gleich mehrere Vorschläge gemacht, fordern etwa eine Investitionsstrategie für künstliche Intelligenz und eine Kindergrundsicherung. Jetzt erfinden Sie ein Grundeinkommensjahr. Besteht da nicht die Gefahr, dass Sie und Ihre Partei sich in kleinteiligen Konzepten verzetteln und am Ende wieder niemand mehr weiß, was die SPD eigentlich will?

Klingbeil: Ich will, dass meine Partei wieder damit beginnt, über Zukunftsthemen nachzudenken. Die SPD kann immer nur dann stark sein, wenn sie ein Bild für die Gesellschaft von morgen hat. Und was wäre das für eine langweilige Politik, wenn wir uns immer nur um Regierungspolitik kümmern würden, uns nur mit dem beschäftigen würden, was in dieser Legislaturperiode umsetzbar ist! Es ist Aufgabe von Parteien, über den Tag hinauszudenken, und das nehme ich sehr ernst.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht derzeit das Hauptproblem der SPD, dass sie – anders etwa als die Grünen – kein Alleinstellungsmerkmal hat?

Klingbeil: Die SPD steht für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten immer größerer Polarisierung unserer Gesellschaft. Wir wollen Brücken bauen zwischen denen, die von den Veränderungen der letzten Jahre profitieren und denen, die sich als Verlierer der Modernisierung fühlen. Wir wollen, dass der Fortschritt allen nutzt. Das macht keine andere Partei.

ZEIT ONLINE: Wenn die CDU unter einem Parteichef Friedrich Merz wieder nach rechts rücken würde, wäre das für die SPD aber schon nicht schlecht, oder?

Klingbeil: Das ist mir zu viel Stochern im Nebel und zu viel Taktiererei. Ich will Menschen erreichen und für das begeistern, war wir machen. Darum geht es mir.

ZEIT ONLINE: Sehnen Sie sich selber auch manchmal nach einer Auszeit?

Klingbeil: Ich bin ja noch keine sechs Jahre Generalsekretär. Aber wenn das Arbeitspensum so bleibt wie in den ersten elf Monaten meiner Amtszeit, dann wäre ein halbes Jahr Pause irgendwann ganz gut.