Regelmäßig berichten wir über Menschen, die sich in ihrem Berufsleben diskriminiert fühlen und aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder ihres Äußeren benachteiligt werden. Wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen mögen, schreiben Sie an debatte-arbeit@zeit.de. Hier berichtet eine Rechtsanwältin, dass bei dicken Menschen die Diskriminierung schon mit dem Bewerbungsfoto beginne.

Ich bin Rechtsanwältin, 170 Zentimeter groß und wiege 120 Kilo. Seit meinem Berufseinstieg vor über zehn Jahren bekomme ich ständig unangenehme Blicke zugeworfen, werde gemobbt und höre von vielen Arbeitgebern nichts mehr, sobald sie wissen, wie ich aussehe. Die schlimmste Situation war, als ich mir bei einer Tagung eine Salmonellenvergiftung geholt hatte. Als ich dann mit 40 Grad Fieber ins Büro kam, obwohl ich krankgeschrieben war, hat meine Chefin gesagt: "Würdest du nicht so viel fressen, hättest du keine Salmonellenvergiftung." Solche bösartigen Kommentare, die auf mein Gewicht zielen, sind extrem belastend: Mir wird sofort schlecht und ich bekomme Herzrasen. Klar habe ich meiner Chefin in dieser Situation gesagt, dass die Aussage total unfair ist. Ich war ja nicht krank, weil ich dick bin, sondern weil ich was Falsches gegessen hatte.

Es war schon ein Wunder, dass ich diesen Job in einer Unternehmensberatung überhaupt bekommen hatte: Ich habe nach dem zweiten Staatsexamen 120 Bewerbungen mit Foto verschickt und keine davon wurde beantwortet. Zeitgleich hatte die Arbeitsagentur mein Portfolio ohne Bild versendet und sofort 14 Rückmeldungen bekommen. Die haben gesehen, dass ich topqualifiziert bin, ein Einser-Abitur und hohen Arbeitseifer mitbringe. Zwölf der Arbeitgeber haben meinen Lebenslauf inklusive Foto bekommen und sich danach nicht mehr gemeldet. Und das, obwohl ich auf meinem Foto gar nicht schlecht aussehe. Aber man sieht halt, dass ich einen Doppelkinnansatz und gut gepolsterte Schultern habe. Man sieht, dass ich dick bin.

"Die wollten dich erst nicht einstellen, weil du so dick bist"

Schon beim Vorstellungsgespräch in dieser Firma wurde ich blöd angeschaut und gefragt, was ich denn hier wolle. Nach einer Stunde Wartezeit und kurzem Gespräch durfte ich direkt wieder gehen und habe monatelang nichts mehr von denen gehört. Wie ich später erfahren habe, haben sie in der Zeit andere arbeiten lassen, die nicht so qualifiziert waren wie ich – aber halt auch nicht so dick. Später mussten sie dann doch auf mich zurückgreifen. Zuerst habe ich gedacht, ich täusche mich. Aber der Bruder des Chefs, der selbst übergewichtig war und mit dem ich ein gutes Verhältnis hatte, hat mich bei einer Firmenfeier beiseitegenommen und mir erklärt: "Die wollten dich erst nicht einstellen, weil du so dick bist." Da war klar, dass ich mir die Hänseleien und blöden Blicke nicht einbilde.

Wenn man ständig schlecht behandelt wird, fühlt man sich minderwertig. Teilweise hat mich das so belastet, dass ich den ganzen Tag nichts außer einem Apfel gegessen und auch mal über Selbstmord nachgedacht habe. Jeden Morgen bin ich mit Angst aufgewacht und wollte nicht ins Büro. Aber die Alternative wäre Arbeitslosigkeit gewesen. Nicht immer hat es geklappt, die Kommentare zu verdrängen. Denn auch die Mutter der Chefin hat bei jeder Gelegenheit abschätzige Bemerkungen gemacht, etwa, wie man denn so aussehen und sich so gehen lassen könne. Das sagte sie zu einer Kollegin, während ich im gleichen Raum an meinem Schreibtisch saß. Dabei habe ich sehr auf mein Äußeres geachtet, hatte einen ordentlichen Pagenschnitt, dezentes Make-up und Nadelstreifenanzüge aus hochwertigem Material. Aber dicke Menschen gelten eben als faul, undiszipliniert, nicht belastbar und nicht leistungsfähig. Mein Übergewicht ist eine schwere Erkrankung und kommt nicht davon, dass ich die Cola nicht weglassen kann. Vielmehr spielen auch psychische und hormonelle Faktoren eine Rolle: Ich esse mehr, wenn ich im Stress bin oder mich jemand unter Druck setzt. Ein einziger Teufelskreis.