Deutschland gilt weltweit als Messeland Nummer eins – jährlich finden rund 180 internationale und nationale Messen statt, mit 180.000 Ausstellern und zehn Millionen Besucherinnen und Besuchern. Egal, auf welche Themen sich die jeweilige Messe spezialisiert: Die Hostess ist als schönes Beistellwerk an nahezu jedem Stand dabei. Die Soziologin Tanja Kubes hat auf Automobilmessen in Frankfurt und Genf die Arbeitsbedingungen der Frauen erforscht – und selbst viele Übergriffe erlebt.

ZEIT ONLINE: Sie haben selbst mehrere Jahre als Hostess auf Automobilmessen gearbeitet. Warum?

Tanja Kubes: Viele Hostessen dürfen laut Arbeitsvertrag nicht über Internes sprechen, sonst droht eine Geldstrafe. Will ich jemanden interviewen, werde ich an die Chefhostess verwiesen, die speziell gebrieft wurde und dementsprechend antwortet: dass der Job ganz wunderbar ist und Spaß macht. Klar tun ihr ein bisschen die Füße weh, aber eigentlich mache sie ja alles gerne und Sexismus gegenüber Hostessen sei kein großes Thema. Weil ich immer diese Standardantwort bekam, wollte ich als Soziologin alle Phasen des Hostesswerdens und -seins selbst mitmachen.

ZEIT ONLINE: Die wären?

Kubes: Hostessen durchlaufen einen intensiven Auswahlprozess: Zuerst erstellen sie wie Models Sedcards mit Bildern und Körpermaßen. Wer für einen Job infrage kommt, wird zum Casting eingeladen. Die größten Chancen haben Frauen, die folgende Kriterien erfüllen: Sie sollen attraktiv und jung sein, bis oder um die 30, ab 1,70 Meter Körpergröße, Kleidergröße 34 bis 36 und lange Haare haben. Jede Firma entscheidet selbst, was die Hostessen am Stand tragen müssen. Sie haben das gleiche Outfit – in der Regel ein sehr körperbetontes kurzes Kleid – und die gleichen Schuhe – oft mit sehr hohem Absatz – an und bekommen einheitliches Make-up und Styling.

ZEIT ONLINE: Das ist ja bei anderen Berufen, die Uniformen voraussetzen, nicht anders.

Kubes: Das stimmt, aber bei anderen Berufen, die eigentlich nichts mit Sex zu tun haben, werden Frauen nicht so sehr als Sex- und Schauobjekt dargestellt. Hersteller, Medien und Messebesucher erwarten das auch. Letztere bringen gelegentlich Kameraobjektive mit, um Hostessen oder manchmal sogar nur deren Beine, Po und Brust besser fotografieren zu können und danach online zu bewerten. Ohne Hostessen würde es auf Messen nicht so sehr um das Schauobjekt Frau, sondern um das eigentliche Ausstellungsprodukt, nämlich neue automobile Technik, gehen. Es gehört definitiv nicht ins 21. Jahrhundert, dass Frauen wie im Zoo ausgestellt werden – im Extremfall auf einer Drehscheibe hinter Plexiglas.

ZEIT ONLINE: Klingt absurd.

Kubes: Ja, vor allem weil Frauen genauso wie Männer Auto fahren und damit potenzielle Kundinnen wären. Man muss sich die Dimension verständlich machen: Zur Internationalen Automobilausstellung kommt fast eine Million Menschen. Wenn Frauen dort zu Objekten gemacht werden, beeinflusst das nicht nur unsere Vorstellung von Technik, sondern auch das gesamtgesellschaftliche Bild von Frauen. Einige Besucher habe ich gefragt, wieso ihre Ehefrauen und Freundinnen nicht auf der Messe dabei sind. Die Antwort war deutlich: Man nehme ja auch kein Holz mit in den Wald.

ZEIT ONLINE: Was machen die Hostessen eigentlich genau?

Kubes: Auf Automobilmessen gibt es zwei Arten von Hostessen: diejenigen, die Produktberatung machen und elementare Auskunft geben dürfen, und solche, die das Produkt präsentieren. Diese Frauen stehen zehn bis zwölf Stunden neben einem Auto und lächeln. Die Pose ist vorgegeben: Hüfte leicht knicken und einen Arm darauf abstützen. Die Frauen stehen über Stunden auf einem Fleck, der oft nicht mal einen Quadratmeter groß ist. In vielen Verträgen ist Lächeln als Arbeitsleistung festgeschrieben.

ZEIT ONLINE: Und bei männlichen Hosts ist das anders?

Kubes: Ja. Die wenigen, die es gibt, arbeiten als Produktberater. Sie vermitteln Wissen. Es gibt keinen Host, der rein zum Anschauen zehn Stunden neben einem Auto steht und lächelt. Frauen sind Statistinnen, Männer Kompetenzträger. Frauen gibt es nur in Einheitsgröße, Männer in jedem Alter, mit jedem BMI und in jedem Attraktivitätsgrad. Männer tragen zwar auch einheitlichen Businesslook. Im Gegensatz zu den sexy Uniformen der Frauen wirkt der allerdings seriös.

Je hochwertiger die Marke, desto mehr wert die Frau

ZEIT ONLINE: Reagieren Besucher auf die Outfits der Hostessen?

Kubes: Ja, das tun sie. Auf der Internationalen Automobilausstellung habe ich eine Gruppe Hostessen gesehen, von denen alle einen transparenten Minirock und eine hautenge Bluse getragen haben – da war von Beinen und mittig an der Brust viel Haut zu sehen. Darunter konnte man weder BH noch eine vernünftige Unterhose anziehen. Das muss man sich mal vorstellen. Ich habe sie gefragt, ob sie dieses Outfit freiwillig tragen würden. Die Antwort war: Ja, für Fotos kurz, 20 Minuten. Sie mussten es aber zwei Wochen lang den ganzen Tag auf der Messe anhaben. Diese Outfits strahlen etwas komplett anderes aus als die Businesslooks der Verkäufer. Das bildet sich auch auf sprachlicher Ebene ab: Die Männer werden gesiezt und die Frauen "unsere Mädels" genannt. Oder die Besucher fragen: "Kriegt man dich dazu, wenn man das Auto kauft?" Das liegt sicher auch daran, dass das Bild der sexy Hostess medial noch so präsent ist.

ZEIT ONLINE: Haben Sie selbst Übergriffe erlebt?

Kubes: Klar, wie fast jede Hostess. Vor allem blöde Sprüche. Manche wollten auch unter meinen Rock fotografieren. Hostessen wollen ja auch nicht ins Hotel oder zum Essen eingeladen werden, sondern haben einen Job zu erledigen. Agenturen und Automobilhersteller raten den Frauen, sich bei Übergriffen an männliche Kollegen zu wenden, anstatt selbst zu sagen: "Hey, Finger weg, was soll der blöde Spruch?" Sich zu wehren, widerspricht dem Bild der stets netten, lächelnden Hostess.

ZEIT ONLINE: Wissen die Frauen nicht, worauf sie sich einlassen, wenn sie bei einer Hostessenagentur anheuern?

Kubes: Auf sexuelle Belästigung sind die wenigsten gefasst. Viele mögen ihren Körper und stehen gern vor der Kamera. Permanent fotografiert und angestarrt zu werden, ohne dass man Nein sagen kann, setzt vielen aber doch zu. Und das Dauerlächeln trotz Schmerzen in Rücken und Beinen muss man erst mal durchhalten können. Manche Hostessen, die ich begleitet habe, haben den Job abgebrochen oder in der Pause heimlich geheult, weil sie die Übergriffe und sexuelle Anmachen nicht verkraftet haben.

ZEIT ONLINE: Verdient man als Hostess so gut, dass viele bereit sind, die Schikanen auszuhalten?

Kubes: Nein. Auf den Messen, auf denen ich war, lag der Stundenlohn zwischen 10 und 13 Euro. Die Jobs machen meistens Studentinnen, Freiberuflerinnen oder Stewardessen. Hunderte Frauen bewerben sich auf einen Auftrag. Wenn man dann "ausgewählt" wird, betonen die Agenturen, was für eine Ehre das sei, von großen Herstellern gebucht zu werden. Nach dem Prinzip: Je hochwertiger die Marke, desto mehr wert ist die Frau.

ZEIT ONLINE: Was müsste sich ändern?

Kubes: Man kann sich fragen, was die ganze Förderung von Frauen in technischen Berufen bringen soll, wenn sie auf Messen nur wieder als Objekte dargestellt werden. Wie wäre es damit, technisch kompetente Frauen einzusetzen, die die Innovationen auch erklären dürfen? Eigentlich bedeutet Hostess ja einfach: Gastgeberin. Das sollte jede Person machen dürfen: männlich, weiblich, alt, jung, attraktiv, nicht attraktiv. Messen sind als gesellschaftliche Großereignisse sehr publikumswirksam. Ein paar Mechatronikerinnen, die ich interviewt habe, sagten: Man kann sich viel besser auf das Auto konzentrieren, wenn keine sexy Frau im Weg steht. Dann wäre die Bezeichnung der Messe auch endlich zutreffend.