Für Florian Nachtigall war zwar klar, dass er nicht in Walldorf wohnen wollte. Zu SAP wollte er dennoch. Er ist froh, in einem Job zu arbeiten, der ihn interessiert. Und er genießt es, in Mannheim auch spontan ins Theater oder ins Kino gehen zu können und sich zu engagieren: in der Grünen Jugend und Geflüchteten Deutschunterricht zu geben. Dafür nimmt er die verspäteten Züge und die verlorene Zeit in Kauf: Er steht morgens um sieben auf und ist abends frühestens um sieben wieder zu Hause.  

Katharina Enssle kann das nicht verstehen. Sie ist eine der wenigen, bei deren Bewerbungsgespräch Florian Mezger keinerlei Mühe hatte, sie von den Vorteilen der Provinz zu überzeugen. Weil sie selbst ja längst überzeugt war. Die 33-Jährige wurde von BMW abgeworben, leitet heute den Bereich Arbeitgebermarketing bei Zeiss und wohnt in einem kleinen Vorort der 70.000-Einwohnerstadt Aalen, wenige Minuten von der Zeiss-Hochburg entfernt. Enssle ist in München geboren und aufgewachsen, hat in Stuttgart gelebt, in London, in Oxford, in der chinesischen Millionenstadt Shenyang, dann wieder in München. Sie hat immer davon geträumt, einmal nach New York zu ziehen. Doch all diese Städte, sagt sie, habe sie noch keine Sekunde vermisst, seit sie vor sechs Jahren in den Vorort Aalen-Rauental gezogen sei.

Grüne Aussichten sind besser für die Augen

Wenn sie von dem spricht, was heute ihr Leben ausmacht, erzählt sie von ihrem "wunderschönem Häuschen mit riesigem Grundstück", das direkt an ein Waldstück grenzt. In München hätte sie sich das niemals leisten können. Sie erzählt von der frischen Luft, von Spaziergängen im Wald und den Hennen im Garten. Ihre dreijährigen Zwillinge könnten mitten auf der Straße spielen. Auf dem Wochenmarkt gibt es regional angebaute Äpfel und Quitten, zum Kindergarten braucht sie fünf Minuten, zur Arbeit zehn.

Die Bilder, die sie entstehen lässt, sind nicht neu: Schon in der Epoche der Romantik entstand im Zuge der Industrialisierung die Sehnsucht nach der "gütigen Natur", nach sacht wiegenden Ähren und leise rauschenden Wäldern, wie sie Ludwig Tieck und Joseph von Eichendorff beschrieben. Der perfekte Gegenentwurf zu Dampfmaschinen und Fabrikarbeit.

Zu erschöpft für die Großstadt

Katharina Enssle ist keine verklärte Romantikerin, im Gegenteil. Sie ist Pragmatikerin. Sie schaut lieber ins Grüne als auf Hausmauern, weil das besser für die Augen ist. Sie hatte die Nase voll davon, den Großteil ihres Gehalts für Miete auszugeben, davon, durch Verkehr, Lärm und Reizüberflutung Münchens am Abend so erschöpft zu sein, dass sie die Angebote der Großstadt gar nicht mehr nutzen konnte oder wollte.

An Florian Nachtigall würde sich Enssle die Zähne ausbeißen. "Wenn die Rhein-Neckar-Region nicht so attraktiv wäre, mit Städten wie Karlsruhe, Heidelberg, Mannheim dicht um Walldorf herum, hätte ich mich nie bei SAP beworben", sagt er. Ob er sich vorstellen könnte, den Rest seines Lebens dort zu verbringen? "Ich denke nicht", ist die Antwort. Er liebt seine Aufgaben und bezeichnet SAP als idealen Arbeitgeber. Doch irgendwann, das spürt er schon jetzt, wird ihm selbst Mannheim zu klein werden, dann muss er noch mal raus. Und auch wenn er eines Tages Familie haben sollte, ist Nachtigall sich sicher: "Auch dann möchte ich weiterhin in einer lebendigen Großstadt wohnen."

Wie groß die Not bei SAP ist, neue Leute anzuwerben, sieht man an den sogenannten Incentives, mit denen das Unternehmen lockt. Finanzielle Unterstützung beim Umzug, Hilfe bei der Arbeitssuche des Partners, betriebsinterne Kindergärten, Firmenwägen, BahnCard und Jobtickets für Pendler, hochflexible Teilzeit- und Homeoffice-Modelle. Nicht ungewöhnlich, zeigt die Erfahrung von HR-Referentin Manca. "Unternehmen, die an dezentralen Standorten sitzen, müssen mehr Anreize schaffen, damit Bewerber bereit sind, den Umzug oder die Pendelei in Kauf zu nehmen." Das findet sie fair: "Diese Firmen haben durch ihren Sitz ja selbst Einsparnisse – und die sollten sie den Mitarbeitern zugutekommen lassen." SAP kompensiere so die Abstriche, die Mitarbeiter für den Arbeitsplatz auf sich nehmen. Davon profitiert auch Nachtigall, der kürzlich auf 80 Prozent reduziert hat. Damit kommt sein Arbeitgeber ihm entgegen. Und Nachtigall, dem durch das tägliche Pendeln unter der Woche nur wenig Zeit für seine Freundin, sein Ehrenamt und seine Hobbys bleibt, ist dankbar für die gewonnene Freizeit.  "Einen Tag in der Woche in Mannheim bleiben können, das ist viel wert", sagt er. Oder anders gesagt: Einmal die Woche Walldorf nicht sehen zu müssen.